Smarte Bildung: Wie umgehen mit der Digitalisierung des Klassenzimmers?

Ein Smart Board anstelle der Wandtafel, das Tablet ersetzt das Buch: Die Digitalisierung revolutioniert nicht nur die Jugend und Erwachsenenwelt, sondern auch das Klassenzimmer. Wie damit richtig umzugehen ist, bleibt kontrovers.
21. Juni 2018

Die Zukunft einer Smart City wird nicht zuletzt dadurch bestimmt, wie smart die Bevölkerung dieser City sein wird. Deshalb geht es in diesem Artikel um die Zukunft unserer Gesellschaft: Die Kinder. Was bedeutet «smarte Bildung»? Wo stehen wir in diesem Thema zurzeit überhaupt und wieso wird dieses Thema so kontrovers diskutiert?

Das mit der Kontroverse ist schnell erklärt: Jede*r weiss, welche Bildung jeweils für die Kinder am besten ist – insbesondere wenn es sich um jene des eigenen Nachwuchses handelt. Die Digitalisierung mit ihren neuen Mitteln hilft in dieser Diskussion nur bedingt, wenn sie nicht sogar noch weiter polarisiert. Vielen ist das Tablet im Klassenzimmer oder die WhatsApp-Gruppe für die Organisation von Schulausflügen ein Dorn im Auge. Während die einen also denken, dass nun alles digitaler und damit besser würde, sehen viele in der schulischen Nutzung von Smartphones und Tablets den Untergang des Abendlandes.

Smarte Bildung = kluge Bildung?

Die Internetseite SMARTeducation.ch versteht unter smarter Bildung, dass die Schüler*innen spielend und praxisnah Kompetenzen fürs Leben im 21. Jahrhundert lernen. Dazu gehört zwingend auch Programmieren und das Verständnis rund um Elektronik. Nebst Lesen und Schreiben soll nun also die Welt der Technologie ins Klassenzimmer gebracht werden. Der «Lehrplan 21» setzt das auch ganz konkret um: Die Module Medien und Informatik sollen den Schüler*innen erleichtern, sich in «virtuellen Lebensräumen zu orientieren und sich entsprechend den Gesetzen, Regeln und Wertesysteme zu verhalten.» Doch was genau sind «virtuelle Lebensräume»? Worauf werden die Schüler*innen vorbereitet?

Christian Sailer, studierter Geograf und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH Zürich, in Aktion.

Eine Auslegung davon finden wir bei Christian Sailer, studierter Geograf und wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich Geoinformations-Engineering an der ETH Zürich. Er ist ein Verfechter der Digitalisierung des Klassenzimmers, denn ein wichtiger Aspekt dieser Veränderung sei die Tatsache, dass Lehrer*innen dank moderner Technik Unterrichtsunterlagen schneller anpassen können, egal wo man sich gerade befindet. 24/7 auf die Unterlagen zugreifen zu können, sei ein enormer Luxus. Er selbst habe eine App programmiert, durch welche Kartenlesen für die Schüler*innen interessant würde. OMLETH heisst die App, welche es den Lehrer*innen ermöglicht, anhand eines Postenlaufes den Schüler*innen vor Ort verschiedene Aufgaben zu stellen. Das führe zu authentischem Lernen, da man den Gegenstand oder das Problem räumlich sehen kann und nicht nur auf einem Blatt Papier. Also die Verbindung von digitaler Unterrichtsweise mit der analogen.

Über 400 Jugendliche nehmen an den GEOSchoolDays teil

Sailer ist auch bei der Organisation des GEOSchoolDays dabei, bei welchem über 400 Jugendliche den digitalen Lebensraum spielerisch entdecken können. Virtual-Reality-Brillen, Hologramme, Alpine Eye Tracking und was das Tech-Herz sonst noch so begehrt. Für das brauchen die Schüler*innen jedoch alle ein Smartphone: «Wir machen nach solchen Events immer eine Umfrage. Die Jüngsten an den GEOSchoolDays sind zehn Jahre alt und besitzen alle bereits ein Smartphone. Und was noch viel interessanter ist: In einigen Schulklassen liegt der durchschnittliche Datenverbrauch der Jugendlichen bei 27 GB pro Monat.» (Anm. d. Red.: Im Umfeld der Autorin sind 2 GB Verbrauch / Monat die Norm)! «Das liegt aber natürlich nicht an meiner Karten-App, sondern ganz klar am Netflix-Account», schmunzelt Sailer.

Sailer spricht sich klar aus: «Wir sind in einer Zeit des Umbruchs. Wäre ich Lehrer, würde ich die Schüler*innen nach Hause schicken, die das Smartphone vergessen haben.» Gar kein Fan ist er auch von der derzeitigen Debatte des Lehrerverbands, Whatsapp als Kommunikationsmittel in den Klassen zu sperren: «Verbote haben noch nie gut funktioniert. Wir müssen ausprobieren – und ausprobieren lassen.»

Mapping ist ein wichtiges Thema an den GEOSchoolDays

Gibt es aber auch eine Schattenseite der Digitalisierung für die Bildung? Oder ist wirklich alles einfach besser, leichter und schöner für Lehrer*innen sowie Schüler*innen? «Natürlich ist das Thema Datenschutz sehr wichtig. Aber wir müssen die Kinder bei der Anwendung darauf aufmerksam machen», meint Sailer. Bei seiner App werde beispielsweise getrackt, wo die Schüler*innen hingehen. Das spricht er nach Ablauf der Stunde aktiv an, zeigt es auf interaktiven Karten und startet so eine Diskussion. Er lässt die Jugendlichen bewusst auflaufen, um ihnen zu zeigen, wie schnell man eine digitale Spur hinterlässt. Generell habe Sailer aber wenig Verständnis für das Trara rund um die Datenschutzdebatte: «Ich verstehe nicht, wieso das Datenschutz-Thema immer noch so kompliziert gehandhabt wird. Beispielsweise die neuen EU-Richtlinien – alle diese langen E-Mails. Als hätte jemand Zeit und Lust, das zu lesen. Was es braucht, ist ein Ampelsystem. Grün für freien Zugriff auf meine Daten, orange für eingeschränkten Gebrauch und rot für keinen Gebrauch.»

Gespaltene Gesellschaft

Nicht alle sind jedoch Sailers Meinung. Die Argumente der Gegenbewegung variieren meistens zwischen «die Digitalisierung schadet den Kindern», «es ist zu früh», «bisher hat’s auch ohne funktioniert» und genereller Kritik am didaktischen Mehrwert. In einem Interview mit der Luzerner Zeitung bemängelt eine ehemalige Lehrerin einer zunehmend digitalen Schule, dass die Schüler*innen überfordert wären und oft sich selbst überlassen würden. Das Lernniveau der Kinder leide massiv darunter. Lehrer*innen, Eltern und Verbände haben jedoch vorwiegend Angst davor, dass im Gegensatz zu Wissen vor allem die Vermittlung von Werten und das Lernen von sozialem Verhalten verloren geht. Im Gespräch mit Tsüri.ch schildert eine Primarlehrerin aus dem Kanton Aargau, dass gerade das digitale Geschehen in einer Klasse oft schwieriger kontrollierbar sei. Ihre Klasse beispielsweise habe einen WhatsApp-Chat (Anm. d. Red.: Das Gespräch war vor der EU-Gesetzesänderung), in welchem sie nicht dabei sei. Bei Mobbing-Vorfällen werde es so zunehmend schwieriger einzugreifen. Auch die in dieser Woche eingeführten Online-Aufgaben «Mindsteps» geben Anlass zur Kritik. Der Bildungsraum Nordwestschweiz will anhand von mehr als 25’000 Online-Aufgaben selbständiges Lernen der Schüler*innen fördern. Lehrer*innen übernehmen dadurch vermehrt eine Coaching-Funktion, da die Aufgaben online ausgewertet werden und das Lernniveau direkt angepasst wird. Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaften, sieht darin jedoch eine Gefahr, da zwischenmenschliche Rückmeldungen der Lehrer*innen zu einer gelösten Aufgabe der Schüler*innen enorm wichtig sei. Das gehe dadurch klar verloren und die Lehrpersonen würden in ihren Kompetenzen reduziert.

Die Debatte der Gegner wirft vor allem Fragen bezüglich der Aufgabe der Schulen auf: Soll die Schule «nur» bilden oder soll sie auch erziehen? Die Stadt Zürich definiert den Auftrag so: «Die Schulen der Stadt Zürich setzen sich dafür ein, dass die Fähigkeiten jedes einzelnen Kindes und Jugendlichen gefördert werden. Die Schülerinnen und Schüler sollen die bestmöglichen Voraussetzungen erhalten, um ihren Weg als motivierte und kompetente Persönlichkeiten in unserer Gesellschaft zu beschreiten.» Bei dem Begriff «kompetente Persönlichkeit» schwingt eine Portion Erziehung mit. Umso wichtiger ist es, den Umgang mit neuen Medien und Technik einzubringen, denn die Digitalisierung des Klassenzimmers schliesst die Vermittlung von Werten und sozialem Verhalten keineswegs aus.

Die Digitalisierung ist nicht aufzuhalten

Ob wir es wollen oder nicht, die Digitalisierung ist alltäglicher Bestandteil unserer Gesellschaft geworden und verändert diese nachhaltig. Wichtig ist, dass wir mit dieser Entwicklung mitgehen und sie prägen. Und zwar so, dass Sailers einjähriger Sohn nicht in einer komplett digitalen Welt aufwächst, in der man nur noch mit einem Chip unter der Haut kommuniziert und nicht mehr face-to-face interagiert, sondern in einer Welt, die das Digitale und Analoge gesund miteinander verbindet. Denn sind wir ehrlich: Stellt man sich bei der Erziehung quer, bleibt die Digitalisierung nicht plötzlich stehen. Nein, zehnjährige Buben und Mädchen werden weiterhin ein Smartphone besitzen und Insta- und Snapchat-Kings und -Queens sein. Einen gesunden Umgang für die Kinder mit der Digitalisierung ist also in der heutigen Zeit das A und O.

Bilder von Christian Sailer


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