Smart City Programmleiter Szemkus: «Für eine 2000-Watt-Gesellschaft müssen wir alle bescheidener werden – die Technologie ist nur ein Teil davon»

Benjamin Szemkus berät als Programmleiter von «Smart City Schweiz» Städte auf dem Weg zur Smart City. Mit Tsüri.ch sprach er über Mitwirkung, Gefahren und alte Thermometer.
07. Juni 2018

Viele Schweizer Städte wollen zu Smart Cities werden. Doch wie viele von uns wissen auch diese manchmal kaum, was sich hinter dem Schlagwort verbirgt (Hier unsere Definition). An dieser Stelle kommt Benjamin Szemkus ins Spiel. Der studierte Naturwissenschaftler ist seit fünf Jahren Programmleiter von «Smart City Schweiz». Das ist ein Projekt des Bundesamts für Energie (BFE), gefördert von «EnergieSchweiz» für Gemeinden. Es hat zum Ziel, den Städten und Gemeinden in der Schweiz aufzuzeigen, welche Chancen bei der Planung und Realisierung von Projekten bestehen, wenn vernetzt und spartenübergreifend gehandelt wird – «smart» halt. Szemkus arbeitet bei ENCO Energie-Consulting in Liestal. Dort hat er nebst der «Smart City Schweiz»-Programmleitung auch die Leitung von «Suisse Eole» inne, der Vereinigung zur Förderung der Windenergie in der Schweiz. Im Rahmen des ersten Civic Media Projekts von Tsüri.ch zum Thema «Smart City» hat sich der Experte unseren Fragen gestellt.

Wie erklären Sie jemandem ohne Vorwissen, was eine Smart City ist?
Eine Smart City ist eine intelligente Stadt, die eine Idee hat, wie sie sich in Zukunft entwickeln will und dabei ihre Bevölkerung und neue Technologien mit in die Lösungsfindung einbezieht.

Wann haben Sie zum ersten Mal von Smart City gehört?
Ich kenne den Begriff seit sechs Jahren. Er kam ursprünglich von den Technologieanbietern. Heute ist Smart City ein «Hype-Thema», jeder und jede stellt sich etwas darunter vor. Es gibt keine klare Eingrenzung der Thematik und das ist auch gut so, weil sich dann mehr Leute mit dem Thema identifizieren können. Ich ersetze den Begriff «Smart City» auch gerne mit dem Begriff «Nachhaltigkeit Reloaded mit neuer Technologie».

Sie sind Programmleiter von Smart City Schweiz. Was ist Ihre Aufgabe?
Die Städte ermutigen, damit sie ihr Vorhaben, eine Smart City zu werden, verwirklichen können. Wir bieten Hilfestellung für Gemeinden und Städte. Mein Zielpublikum sind dabei eher die grösseren Städte, die vorwärts machen wollen, insbesondere Energiestädte mit dem Gold-Label (Anmerkung der Redaktion: Die höchste Auszeichnung für Städte und Gemeinden, die eine nachhaltige Energiepolitik vorleben und umsetzen). In der Schweiz sind es aktuell 44. Dazu gehören unter anderem Neuenburg, Genf, Frauenfeld und auch Zürich.

Warum soll eine Stadt eine Smart City werden?
Damit Sie attraktiv bleibt, die Lebensqualität hoch hält und die Chancen der heutigen Technologie gemeinsam mit den Bewohner*innen nutzt.

Die Unsicherheit, was Smart City überhaupt heisst, ist gross.
Benjamin Szemkus

Eine Gemeinde oder eine Stadt will smarter werden. Wie geht sie vor?
Meistens interessieren sich Leute aus dem Energiebereich für die Thematik. Sie versuchen etwas aufzugleisen und wenden sich dann an uns. Die Unsicherheit, was Smart City überhaupt heisst, ist gross. Wir zeigen ihnen, wie sie damit umgehen und wie sie Smart City Projekte anpacken können.

Welche Ratschläge geben Sie den Städten?

Ich stelle ihnen diese zwei Fragen:

1. Welche Herausforderungen habt ihr in eurer Stadt?

2. In welche Richtung wollt ihr euch entwickeln?

Und dann geben ich ihnen den Rat: Zieht eure Bürger*innen in den Prozess mit ein! Die Verwaltungen glauben oft zu wissen, was die Bewohner*innen wollen, wissen es aber nicht.

Welche Herausforderungen nennen die Städte?
Oft die Mobilität, auch vor dem Hintergrund, dass die Bevölkerung in den Städten zunimmt. Diese Herausforderung erleben die Bewohner*innen tagtäglich, man denke beispielsweise an die überfüllten S-Bahnen am Morgen. In der Schweiz werden heute 30 Prozent der Energie für die Mobilität gebraucht.

Sie betonen, dass es wichtig ist, die Bewohner*innen in den Smart-City-Prozess mit einzubeziehen. Wie schafft man das?
Manche Leute sagen, in der Schweiz kann man schon genug partizipieren, aber ich finde, es besteht durchaus noch Potential nach oben. Man muss die Leute zu Betroffenen machen, ihnen die Möglichkeit geben, dass Sie ihre Stadtumwelt mitgestalten können wenn beispielsweise neben ihnen gebaut wird. An Workshops oder Quartier-Veranstaltungen der Stadt sitzen aber dann doch meistens nur grau melierte Damen und Herren im Publikum. Das muss sich ändern.

Kann man die Mitwirkung nicht so gestalten, dass sich die Jüngeren mehr beteiligen beispielsweise über Apps?
Der persönliche Austausch ist immer wichtig und wird es bleiben. Es gibt immer Leute, die sich nicht dafür interessieren und sich nicht einbringen wollen. Sie schauen am Abend lieber Netflix als an eine Veranstaltung zu gehen, wo Ideen für die Entwicklung ihres Quartiers erarbeitet werden. Bei ihnen würde eine App auch nicht viel bewirken.

Es gibt aber eine Smart City nur, wenn gut ausgebildete Leute vor Ort sind.
Benjamin Szemkus

Welches ist die grösste Schwierigkeit, wenn eine Schweizer Stadt eine Smart City werden will?
Die städtische Verwaltung sitzt in Silos: Sie ist klar nach Departementen und Ämtern aufgeteilt. Um Smart City Projekte zu realisieren, müssen die einzelnen Ämter jedoch zusammenarbeiten. Aussagen wie: «Ich mache nur Energie, alles andere interessiert mich nicht», darf es nicht geben. Es gibt aber eine Smart City nur, wenn gut ausgebildete Leute vor Ort sind.

Glauben Sie, dass die effizientere Nutzung von natürlichen Ressourcen wie sie Smart Cities anstreben, ausreicht, um das Ziel einer 2000-Watt-Gesellschaft zu erreichen?
Meine persönliche Meinung ist, dass wir nur mit der Technologie nicht auf das erwünschte Niveau kommen. Wer daran glaubt, der träumt. Es geht nicht ohne Verzicht, wir alle müssen bescheidener werden. Die Technologie ist nur ein Teil dieser Vision.

Wie steht es mit dem Rebound Effekt, folglich dass die Leute, die in der Smart City wohnen, denken, sie hätten so schon genug für die Umwelt getan.
Ja, diese Entwicklung beobachte ich: Menschen wohnen in einem 2000-Watt-Areal, fliegen aber drei Mal im Jahr irgendwo hin oder handeln mit Bitcoins, deren Mining sehr viel Energie braucht.

Der Programmleiter von «Smart City Schweiz», Benjamin Szemkus (Bild: zVg)

Es besteht aber auch die Gefahr, dass das Konzept zu stark auf Technik und Effizienz ausgerichtet ist und zu wenig auf die Menschen.
Ja, diese Gefahr lauert. Die Partizipation ist deshalb sehr wichtig und den Technologieaspekt sollte man nicht zu hoch halten. Es lässt sich auch ohne Hightech-Sensoren und Regulierungssysteme Energie sparen, ein normaler alter Thermometer zur Überprüfung kann auch genügen.

Was sagen Sie den kritischen Leuten, die nicht Teil einer Smart City sein wollen, aus Angst vor Missbrauch von persönlichen Daten?
Man sollte sich bewusst sein, wie man als Individuum agiert. Auf deinem Handy twitterst du und bist auf Instagram, aber wenn der «böse Staat» Daten abfragen will, geht das nicht. Die Datenschutzbeauftragten begleiten die Städte auf ihrem Weg zur Smart City, aber sie sollten in den ganzen Prozess einbezogen werden und nicht erst am Schluss dazu kommen.

Wie kann eine Stadt ressourceneffizient und smart sein und trotzdem nicht ihren Charme verlieren? Die Leute sollen schliesslich auch gerne dort wohnen und kreativ sein.
Wie diese Ansprüche an die Lebensqualität aussehen, sind kulturell und sozial sehr unterschiedlich. Für manche Leute wäre es der Horror, im Hochhaus zu wohnen, andere fänden das super. Es gibt hier aber Konstanten wie z.B. die Grünflächen. Die Stadt soll Oasen bieten. Es hat immer noch zu viel Beton und zu wenig grün.

Titelbild: Das Wohn- und Geschäftshaus an der Badenerstrasse 380 war die erste Überbauung in Zürich, die nach den Richtlinien der 2000-Watt-Gesellschaft erstellt wurde. (Bild: Seraina Manser)


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