Bullshit-Job? 💩

Silvana Huwiler: «Manchmal geschehen schon verrückte Sachen»

In dieser Serie treffen jeweils zwei Menschen aufeinander: Christoph Schneider, der selbst auf dem Weg in die Selbständigkeit ist, spricht mit einer Person, die bereits ein paar Schritte weiter ist. In der dritten Folge: Silvana Huwiler.
06. Oktober 2019

Inspiriert vom Liebeslied «You Are The First, The Last, My Everything» von Barry White gehen die Gespräche der Frage nach, wie und weshalb jemand den Weg in die berufliche Selbständigkeit eingeschlagen hat. Unternehmer*innen und Macher*innen aus den unterschiedlichsten Branchen geben Einblicke in ihren Berufsalltag und erzählen von ihren Werten und Haltungen. Die Idee ist von BBC Radio abgekupfert, wo Zuhörer*innen im Rahmen von «You Are The First, The Last, My Everything» die Songs offenbaren, die ihr Leben prägten und ihnen besonders viel bedeuten. BBC möge uns verzeihen, wir lernen gerne von den Besten.

  • The First blickt zurück in die Anfänge: Wann habe ich das erste Mal daran gedacht, Unternehmer*in zu werden? Was stand zuerst: Der Wille zur grösstmöglichen Unabhängigkeit, eine fixfertiges Produkt, ein grossmäuliges Versprechen?
  • The Last spielt in der Gegenwart: Worüber habe ich mich zuletzt aufgeregt, wer hat mich inspiriert, was beschäftigt mich zurzeit am stärksten? Sind es externe Rahmenbedingungen oder innere Kämpfe?
  • My Everything: Nichts weniger als die Frage «Worum geht es eigentlich»?

Silvana Huwiler: Manchmal geschehen schon verrückte Sachen

12. September, 18.30 Uhr. 1 alkoholfreies Bier, 1 Stange, 1 Liter Hahnenwasser, 2 Cocktails (Rezepte siehe unten)

  • Name: Silvana Huwiler
  • Alter: 25
  • Erstausbildung: Soziale Arbeit (in Ausbildung)
  • Tätig als: Schnapstante bei Silvanas Speisen (seit 2016)

Da Silvanas Ingwerlikör sich geradezu aufdrängt, in Cocktails verarbeitet zu werden, organisieren wir einen der innovativsten Bartender von Zürich: Sean Maeders. Zurzeit arbeitet er im Schnupf, wo Silvana und ich uns an einem lauen Spätsommerabend draussen unterhalten können. Aus den mitgebrachten neuen Likören (Kaffeelikör und Minze-Matcha-Limette), die in den nächsten Wochen in den Verkauf gelangen, hat uns Sean zwei Cocktails kredenzt, die es in sich haben: Minze-Matcha-Limette No1 (Unser Kommentar: «Schmeckt wie ein Sommerlager der Pfadi, frisches Gras, lange Nächte») und Kaffeelikör No2 (Kommentar: «Haben wir je einen besseren Negroni getrunken?»). Die Rezepte sind am Schluss des Interviews zu finden: Viel Spass!

The First: Das kann ich auch selber

«Angefangen hat die ganze Geschichte mit Ingwerer, dem ersten Ingwerlikör aus der Schweiz, der in Bern produziert wird. Der hat mir ausserordentlich geschmeckt, aber er war mir viel zu teuer. Also habe ich mir gesagt: Das kann ich auch selber machen, die Produktion ist ja denkbar einfach. Ich habe schon immer gerne gekocht, aber selten nach Rezepten, am liebsten mache ich mit dem, was gerade zur Hand ist, etwas Neues. Das kommt wohl auch daher, dass ich mich gegen Foodwaste einsetze und alle Reste immer irgendwie verarbeite. So entstanden in meiner Küche vielerlei Produkte wie zum Beispiel Silvanas Supersauce, Silvanas Supersenf, mit denen ich Freundinnen und Freunde sehr gerne beschenkt habe. Also habe ich einer ersten Aktion Silvanas Superingwerlikör hergestellt.

Eine Freundin hat mich daraufhin angefragt, ob wir den Likör nicht an einer Weihnachtsbar an der ZHdK anbieten wollten. Was für eine Frage - natürlich machten wir das! Und so haben wir ein paar Flaschen abgefüllt, hübsche Etiketten gestaltet und ich habe für jede Flasche sogar noch ein Gedicht geschrieben. An dieser Weihnachtsbar habe ich realisiert, dass mein “Schnaps”, wie er neue hiess (das “Super” ist damals gestorben”) nicht bloss mir schmeckt, sondern auch andere Menschen glücklich machen kann.

The Last: Plötzlich mit Praktikantin

Verrückterweise habe ich gerade diese Woche jemanden eingestellt. Bis jetzt habe ich manchmal Hilfe von Freund*innen in Anspruch genommen und sie dann ziemlich unkompliziert mit ein oder zwei Flaschen Schnaps oder mit dem Geld, das ich gerade im Portemonnaie mit mir trug, bezahlt. Einerseits merke ich mit der Erfahrung immer besser, wo ich überhaupt Unterstützung benötige; ich mache ja alles zum ersten Mal, sei es Verkauf, Kommunikation oder Buchhaltung. Andrerseits möchte ich meinem Umfeld nicht auf Dauer konstant Freundschaftsdienste abverlangen. Und so habe ich geplant, jemanden für Social Media zu zehn Prozent anzustellen, auch weil mir diese Art von Kommunikation nicht besonders liegt.

Eine Freundin, die Sprachen studiert und dafür einen Praktikumsplatz sucht, hat mich am darauffolgenden Tag angefragt, ob sie bei mir etwas im Bereich Kommunikation machen könne. Nenn’ es Zufall oder Schicksal oder gute Energie: Natürlich habe ich ja gesagt und wir sind uns sehr schnell einig geworden. Jetzt muss ich mich um die korrekte Anstellung und alle Formalitäten kümmern, ich möchte ja nicht, dass sie falsch oder zuwenig versichert ist. Das ist auch etwas Neues für mich, jetzt lerne ich eben auch noch, wie ich mit dem Arbeitsrecht umgehen muss. Hätte mir das jemand vor fünf Jahren vorausgesagt, ich hätte ungläubig gelacht.

My Everything: Einfach mal machen

Den Anspruch, dass meine Firma um jeden Preis wachsen soll habe ich überhaupt nicht. Nie hatte ich die Erwartung, dass ich mit meinem “Gspässli” jemals Geld verdienen zu können. Ich habe nichts zu verlieren, und weil sich alles in kleinen Schritten entwickelt, kann ich auch kaum in Konkurs gehen. Ich schaue einfach, dass die Zahlen ungefähr stimmen und grosse Investitionen mit den damit verbundenen Risiken musste ich bis jetzt gar nicht tätigen, weil ich alle Geräte zu einem fairen Preis mieten kann. Den Verkaufsreis für den Schnaps habe ich aus dem Bauch heraus kalkuliert: Ich habe den selben Preis wie die Konkurrenz genommen, aber anstatt 7 dl habe ich meinen Schnaps in Literflaschen abgefüllt.

Diese Situation ermöglicht es mir, zu allem Ja zu sagen. Sei es ein Ja zur ersten Anfrage eines Clubs (dem Kauz), sei es Ja zu einem Buchhaltungsprogramm. Diese Haltung kann zuweilen auch zu einer Verzettelung führen; ich studiere, mache Musik, produziere Schnaps, bin selber noch in einem Praktikum und werde im Winter für zwei Monate verreisen. Da den Überblick und vor allem auch den Fokus zu behalten, ist manchmal eine Herausforderung. Zwischendurch frage ich mich, wie es wohl wäre, hundert Prozent meiner Zeit der Schnapsproduktion zu widmen. Dann merke ich schnell, dass ich viel zu gerne Dinge ausprobiere und mir das Leben viel mehr bietet, als einfach einer Beschäftigung nachzugehen.»

Cocktailrezepte

No 1: Mit Minze-Matcha-Limette:

  • 20 ml Minze-Matcha-Limette von Silvanas Speisen
  • 40 ml Wodka (zB Wodotschka von Humbel)
  • 25 ml Zitronensaft
  • 2 Barlöffel Agavensirup
  • 2 Gurkenscheiben, gemuddelt (zerstampft)

Alle Zutaten schütteln, in einem Longdrinkglas mit Eis und Soda Soda auffüllen, mit zwei Gurkenscheiben und ein wenig frisch gemahlenem weissem Pfeffer dekorieren.

No 2: Mit Kaffee-Likör:

  • 20 ml Kaffeelikör von Silvanas Speisen
  • 25 ml Rhum Agricole (zB. Reimonenq CR Cuvée Spéciale)
  • 25 ml Punt e Mes
  • 10 ml Campari
  • 2 Dashes Angostura

Alle Zutaten verrühren und mit einer Orangenzeste garniert im Tumbler auf Eis servieren.

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