Sexuelle Belästigung gegen Männer

Nicht nur Frauen, auch Männer werden sexuell belästigt. Doch das Thema wird verschwiegen und die Opfer werden oft nicht ernst genommen.
20. April 2017

Die Mitbewohnerin ist betrunken. Sie wankt in sein Zimmer und steuert auf das Bett zu, in dem er nur mit Boxershorts bekleidet liegt. Sie legt sich auf ihn drauf, schmiegt sich an ihn. Er bittet sie, aus seinem Zimmer zu verschwinden. Die Betrunkene geht raus. Minuten später kommt sie wieder – nur noch in Unterwäsche. Er fühlt sich bedrängt, obwohl er stärker ist. Irgendwann gibt sie auf, flucht und geht in ihr eigenes Bett.

Jeder zehnte Mann, so sagt eine Schweizer Studie, werde sexuell belästigt – gegenüber mehr als jeder dritten Frau. Bei beiden Geschlechtern dürfte die Dunkelziffer noch deutlich höher liegen. Wo genau beginnt sexuelle Belästigung? Und darf ein Zugehöriger des physisch stärkeren Geschlechts sich belästigt fühlen und, wenn ja, dies auch zugeben?

Es war ein leichtes für den Mitbewohner in Unterhose, die Betrunkene aus dem Zimmer zu bugsieren. Doch darum geht es nicht. Die Belästigung, der Grenzübertritt, hat hier wenig mit der körperlichen Überlegenheit zu tun. Es geht auch um das, was als normal angesehen wird, obwohl es die psychische und sexuelle Integrität eines Menschen verletzt: Von (jungen) Frauen ist bekannt, dass zum Teil Arsch- und Brust-Grapscher an Partys als üblich und normal angenommen werden. Obwohl es stört, fühlen sich darum viele Opfer nicht als solche. Aber: Nicht alles Alltägliche muss toleriert werden. Je länger solche Übergriffe als normal betrachtet werden, um so selbstverständlicher und salonfähiger werden sie. Und die Übergriffigen werden immer versuchen, weiter zu gehen.

Das Problem ohne Bewusstsein
Obwohl mehr als zehn Prozent der Männer belästigt werden, ist dies in der Gesellschaft und den Medien kein Thema. Selbst in gesellschaftlich liberalen Kreisen, wo bezüglich Sexismus eine hohe Sensibilität verbreitet ist, wird kaum über diese Übergriffe gesprochen. Und auch die Opferberatungsstelle des Kantons Zürich meldet für das Jahr 2016 gerade mal 43 Männer, die sich wegen Sexualdelikten an sie wandten. Ihnen stehen 124 belästigte und 242 genötigte oder vergewaltigte Frauen gegenüber.

Es ist ein Problem, das ohne Bewusstsein lebt, eines der letzten Tabus selbst in den offenen Teilen unserer Gesellschaft.

Opfer erzählen, dass sie selbst unter Freunden mit ihren Geschichten nicht vollkommen ernst genommen werden. Oft sei geschmunzelt worden, als er die Geschichte mit der Betrunkenen in der WG erzählt habe: «Und jetzt stell dir vor, wenn ich die Frau und sie der Mann gewesen wäre...» – erst dann wird deutlich, in welcher unangenehmen Situation der Mann steckte. Was, wenn sich ein Mann in Unterhosen Zugang zum Zimmer und Bett einer Frau verschafft hätte? Wie hätte sie reagiert? Und wie ihre Freund*innen, wenn sie vom Zwischenfall erzählte? Nur umgekehrt entfaltet der Übergriff eine bedrohliche Wirkung. In den Köpfen gibt es sexuelle Belästigung erst gegen Frauen.

Vergewaltigungen unter Männern sind selten, und auch die Situation mit der betrunkenen Mitbewohnerin gehört nicht zur Normalität. Doch weniger heftige Belästigungen erleben Männer auch im Alltag. Das Problem ist kein strukturelles, immer mehr Frauen und andere Männer trauen sich, männliche Menschen zu offensiv anzumachen. Männern wird zugetraut, dass sie sich wehren können.

Viele Männer erzählen von Situationen, in denen sie sich bedrängt und unwohl fühlten: Die eine Freundin, die jeweils nach zwei Bier ungefragt an den Hintern fasst, ist ebenso eine Täterin wie die Bar-Besucherin, die einen Fünfliber auf den Boden schmeisst und sagt: «Wenn du ihn aufhebst und mir deinen Hintern zeigt, darfst du ihn behalten». (Was weibliche Bar-Keeperin hinter dem Tresen erleben, liest du in diesem Artikel).

Wenn es keine Grenzen gibt, gibt es keinen Übergriff
Natürlich gibt es auch die anderen Männer. Jene, die sich noch nie belästigt fühlten. Wo es keine Grenzen gibt, kann es keinen Übergriff geben. Er empfinde es als Kompliment, fühle sich begehrt und attraktiv, erzählt Mario, wenn er ungefragt von einer Frau angefasst werde. Wenn die Chefin zu seinem Arbeitsplatz kommt, sich an ihn lehnt und berührt, versteht er die Anmache als Teil einer Verführung. Mario ist mit dieser Haltung nicht allein und kommuniziert offen, dass er diese ungefragten Annäherungen und Berührungen mag. Schwer vorstellbar, dass, wenn er sich einmal tatsächlich belästigt fühlen würde, diesen Grenzübertritt tolerieren würde.

Mit dieser Abgrenzung ist es so eine Sache: Reicht die Hand einer Freundin auf dem Arsch für eine körperliche Abwehrreaktion? Oder eskaliert die sonst schon unangenehme Situation noch zusätzlich, wenn die Mitbewohnerin aus dem Zimmer geworfen und die Türe verschlossen wird? Es sind Fragen, die sich alle Opfer von sexueller Belästigung stellen – egal ob männlich oder weiblich oder dazwischen. Besonders schwierig ist es dann, wenn die Personen in einem Vertrauensverhältnis zueinander stehen. Genau diese Vertrauenspersonen aus dem Bekannten- oder Familienumfeld seien meist die Täter*innen, wie Frau Aeschlimann von der Opferberatungsstelle gegenüber Tsüri.ch sagt. «Vergewaltigung an Männern gelten bis heute nicht als Straftatbestand. Es gibt allerdings Bestrebungen, dies zu ändern.» Obwohl Männer von Männern durchaus vergewaltigt und von Frauen zu sexuellen Handlungen genötigt werden, gilt beides vor den Richter*innen als Nötigung. «Opfern raten wir nichts. Wir versuchen, den Mann in seinem Erlebten zu verstehen und zusammen Lösungstrategien zu entwickeln.» Es sei wichtig, sagt Frau Aeschlimann, jede Person und jede Situation individuell zu analysieren.

Auch der bedrängte Mitbewohner hat seine Situation individuell analysiert. Rechtliche Schritte waren kein Thema. Die Situation war unangenehm, hinterliess sonst aber keine Schäden. Doch bespricht er seine Geschichte aktiv mit seinen Freund*innen und trägt so dazu bei, dass dieses sensible Problem ein Bewusstsein bekommt.

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