Sexarbeiter*innen verkaufen Sex. Nicht ihren Körper.

«Frauen verkaufen Körper für immer weniger Geld» (Die Welt, 2014), lese ich und mache mir auf der Stelle Sorgen. Woher zum Teufel kommen all die Körper? Und warum kümmert uns nur, für wie wenig Stutz die Frauen sie wieder loswerden?
17. Juli 2017

Natürlich meinen die Medien Sexarbeit, wenn sie vom Körperverkauf schreiben. Das ist gefährlich. Und ausserdem falsch; beginnen wir da.

Wenn ich mir auf dem Kanzleiflohmi einen Mantel kaufe , dann gehört der nachher mir. Er wurde mir verkauft. Verkaufen heisst, dass ein Objekt den Besitzer/ die Besitzerin wechselt. So weit so verständlich, aye? Verkaufen heisst, dass der*die vorherige Besitzer*in des Objekts nicht mehr darüber zu entscheiden hat, was damit passiert; der Mantel ist jetzt meiner und ich mach damit, was ich will. Zum Beispiel kann ich ihn auch weiterverkaufen, wenn ich Bock hab.

Sprache ist nicht nur Mittel zur Kommunikation. Sprache ist nicht nur der Weg, auf dem wir Inhalte transportieren, von meinem Kopf in deinen. Das ist sie auch – und als Werkzeug der Menschen zur Konversation wird sie von uns, den Sprachnutzenden, beeinflusst. Menschen machen Sprache – aber der Einfluss ist nicht einseitig. Die Worte, die wir benutzen, bzw. die Worte, die uns zur Verfügung stehen und die wir neu erfinden, um neue Angelegenheiten oder neue Dinge zu beschreiben, beeinflussen auch, wie wir über sie denken. Sie beeinflussen unser Denken und sie entlarven es.

Von Verkauf zu sprechen suggeriert zuerst, dass es sich um ein Objekt handelt und dass der Körper, beziehungsweise was weiter mit ihm geschieht, nun nicht mehr in der Entscheidungsgewalt der Sexarbeiter*in liegt.

Der Umgang mit Worten, das bewusste Nutzen von den einen und das bewusste Nicht-Nutzen von anderen spiegelt zum einen unser Bewusstsein wieder. Sprache kann als strategisches Werkzeug, als verbale Waffe eingesetzt werden und wird das auch ständig, sei es im alltäglichen Gespräch oder in der politischen Debatte (Rhetorik haben nicht die Arena-Leuts erfunden). Und auch, wenn wir das nicht ‚extra machen’, transportieren wir mit Begriffen und Redewendungen mehr, als uns bewusst ist. So funktioniert Kommunikation, dankbarerweise; man stelle sich bloss vor, Intentionen, Meinungen oder überhaupt Aussagen müssten in jedem Gespräch überdeutlich ausformuliert werden, damit sie ankommen.

Mit dieser mächtigen Eigenschaft der Sprache kommt aber auch die Verantwortung, mit ihr richtig umzugehen. Und zu behaupten, Sexarbeiter*innen verkauften ihren Körper, ist nicht richtig. Und es ist gefährlich.

Gefährlich deswegen, weil das Verb ‚verkaufen’ in unserem mentalen Lexikon als das abgespeichert ist, was ich eingangs beschrieben habe. Sexarbeit ist eine Dienstleistung, die mit dem Körper vollbracht wird, und auch wenn sie sich in vielen Punkten von anderen «körperlichen» Dienstleistungen (gemeint ist: Arbeit, die körperlichen Einsatz verlangt) unterscheidet, so nicht darin, dass der Körper nie den*die Besitzer*in wechselt. Von Verkauf zu sprechen suggeriert zuerst, dass es sich um ein Objekt handelt und dass der Körper, beziehungsweise was weiter mit ihm geschieht, nun nicht mehr in der Entscheidungsgewalt der Sexarbeiter*in liegt. Das verstärkt die verbreitete Meinung, dass eine Person, die Sex gegen Geld anbietet, die Vollmacht über ihren Körper verliert, sobald sie den Handel eingeht. Dass es nicht mehr an ihr ist, darüber zu entscheiden, was sie und was sie nicht mit ihrem Körper tun will. Vergewaltigung scheint ein bisschen weniger Vergewaltigung zu sein, wenn das Opfer Sexarbeiter*in ist.

Sexarbeiter*innen bieten eine Dienstleistung an und haben das Recht, darüber zu entscheiden, was mit ihrem Körper geschieht.

Natürlich ist es nicht die «Schuld der Sprache», dass Sexarbeit unsicher ist und nicht respektiert wird; dass Sexarbeiter*innen häufig Gefahr ausgesetzt sind und zu wenig Anlaufstellen haben, die ihnen Unterstützung und Hilfe anbieten, wenn sie welche benötigen. Unser Umgang mit und unsere Wahrnehmung von Sexarbeit ist komplexer und auf viele Arten belastet. Dass wir von Körperverkauf sprechen, spiegelt diese Wahrnehmung wieder. Und die häufig gefährlichen Situationen, in der sich Sexarbeiter*innen wiederfinden, werden sich nicht von heute auf morgen bessern, weil wir anders darüber zu sprechen. Aber als Sprachnutzende haben wir die Möglichkeit und die Verantwortung, nicht weiter die Idee zu bestärken, dass der weibliche Körper ein Objekt ist, das verkauft werden kann. Sexarbeiter*innen bieten eine Dienstleistung an und haben das Recht, darüber zu entscheiden, was mit ihrem Körper geschieht, sie entscheiden, was die Dienstleistung beinhaltet; und nicht derjenige, der sie in Anspruch nimmt. Sexarbeiter*innen verkaufen ihre Körper genauso wenig wie Bauarbeiter*innen. Sie machen eine Arbeit mit ihrem Körper. Aber er bleibt vor, während und nach dem Sex ihr Körper. Es ist wichtig, dass wir diese Tatsache in der Art, wie wir über Sexarbeit sprechen, festhalten.

Dieser Text ist der dritte Teil der feministischen Sexkolumne auf Tsüri.ch. Im Juli und August wechseln sich die Autorinnen Maaike Kellenberger und Miriam Suter in je fünf Folgen mit ihren Ausführungen zu den Themen Sexualität, Feminismus und allem, was dazu gehört, ab.

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