Sex ist toll! Nicht-Sex auch. Oder: Chum abe

Also gut. Lass’ uns mal festhalten, was es heisst, sex-positiv zu sein und warum das eine gute Sache ist. Ich wollte ja über Gleitmittel schreiben, aber gerade scheint es mir wichtiger, Sex allgemein ins (rechte) Licht zu rücken. Sex als (möglicher) Teil unseres Lebens, der es verdient, als solcher wahrgenommen, respektiert und kritisch reflektiert zu werden. Chömmer gschwind?
31. Juli 2017

Wofür ich nämlich gar keine Zeit mehr hab’, ist diese krude Kombination der gleichzeitigen Tabuisierung (Shame! Shame! Shame!) und Blossstellung, Vermarktung von Sex (die natürlich auf die Tabuisierung baut). ‚Sex-positiv’ zu sein, heisst viele Dinge und heisst viele Dinge nicht. Zuerst aber müssen wir alle etwas runterkommen. Ja, Sex ist Sex, ui! Aber eben auch nur Sex. Es hilft weder, diesen Aspekt unseres Lebens zu glamourisieren, noch ihn mit Scham zu behaften. Stattdessen könnten wir etwas unaufgeregter mit der Sache umgehen und gleichzeitig darüber sprechen, wie aufregend sie eben sein kann. Wie Essen übrigens auch.

Sex-positivity kennt viele Facetten und wird auf viele Arten realisiert. Mir scheint jedoch, dass alle Varianten auf zwei Grundpfeilern stehen. Zuerst und vor allem auf der Idee von consent, also der Idee, dass alle Involvierten aus freien Stücken und gern teilhaben am Geschehen, und dann auf der Idee, dass man die sexuellen Vorlieben und Praktiken anderer akzeptiert, also die Freiheit aller unterstützt, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, auch wenn man selber «DAS dann doch nicht» machen würde.

In unserem alltäglichen und ‚positiven’ (weniger im Sinn von ‚gut’, mehr im Sinn von ‚affirmierend’) Umgang mit Sex (unserem eigenen und dem anderer) heisst das, dass wir zuerst einmal akzeptieren, dass es viele Formen davon gibt und keine davon richtiger ist als die andere. Es heisst auch, dass wir versuchen, das Gesprächsthema Sex von Stigmatisierung zu befreien; auf der einen Seite im kleinen persönlichen Rahmen (was gefällt mir, was gefällt dir?), aber auch im grösseren gesellschaftlichen Rahmen: Sex zum Thema zu machen, soll auch heissen, Safe Sex zum Thema zu machen. Fragen sind zum stellen da; Kommunikation über wichtige Aspekte sexueller Aktivitäten wie Verhütung oder die Artikulation eigener Wünsche und Grenzen kann aber nicht stattfinden, wenn man über Sex nicht (offen) sprechen kann.

Gleichzeitig ist es aber wichtig festzuhalten, dass man Sex nicht mögen oder haben muss, um sexpositiv zu sein. Es gibt viele Gründe, aus denen Menschen Sex ablehnen, viele, aber nicht alle davon sind negative Erfahrungen mit Sex, und alle Gründe sind Grund genug. (Kollektiver Vorsatz für die zweite Hälfte von 2017: Akzeptieren, dass asexuelle Menschen existieren. Weiter im Text.) Sex-positiv zu sein heisst auch nicht, dass man möglichst viele sexuelle Erfahrungen machen oder möglichst viele Formen von Sex ausprobieren muss. Im Gegenteil. So wie es dazugehört, die Grenzen anderer zu akzeptieren, so ermutigt Sex-positivity auch, die eigenen zu erkennen und zu formulieren (schwierig genug, das Ganze). Und, wenn man will, sie auszutesten.

Am Ende des Tages läuft es einmal mehr darauf heraus: Sei kein Arsch. Verurteile andere nicht dafür, was sie mit ihren Körpern (und ihren Löchern, Räusper) anstellen möchten – und was nicht. Respektiere ihre Entscheidungen und kämpfe dafür, dass sie für eben jene nicht verurteilt werden.

AHJA. Gleitmittel. Long story short: use it

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