Bullshit-Job? 💩

Sensations-Politiker Neukom über die GLP, Fussball und den Flughafen

Es war die Sensation am Wahltag: Der erst 32-Jährige Martin Neukom ist neuer Grüner Regierungsrat. Nun stellt er sich den Fragen von Tsüri.ch.
10. April 2019
Chefredaktor

Herr Neukom, war der Wahlsonntag der schlimmste Tag in Ihrem Leben?

(Lacht) Es war der schönste Tag in meinem Leben. Aber ja, wow, das verändert nun mein ganzes Leben. Es ist vermutlich wie wenn man Vater wird. Zu Beginn war alles etwas surreal. Als Kantonsrat kennt einen niemanden und jetzt sprechen mich häufig Leute an und gratulieren mir. Das hat etwas Schönes.

Welche Gratulation hat Sie am meisten überrascht?

Natürlich haben mir sehr viele Bekannte SMS geschrieben. Aber am überraschendsten waren meine politischen Gegner, die sich aufrichtig für mich gefreut haben. Und dies obwohl sie selber am Wahltag verloren hatten. Das zeugt von Grösse.

Sind Sie immer noch normal am Arbeiten?

Nein, ich bin die ganze Zeit unterwegs, führe viele Gespräche und Sitzungen. Im Geschäft muss ich jetzt alles übergeben, denn der erste Amtstag ist schon am 6. Mai. Es ist ein taffer Einstieg von null auf hundert.

Wie schätzen Sie den Einfluss der Klimajugend auf Ihre Wahl ein?

Ich beschäftige mich seit 15 Jahren mit dem Klimawandel. Vermutlich war ich auch darum ein glaubwürdiger Kandidat, als die Klima-Diskussion Fahrt aufnahm. Die Frage ist aber nicht, was die Klimajugend für mich tut, sondern was ich für sie tun kann in meiner neuen Funktion. Wir sind alle Teil der globalen Klimabewegung, die sich auf unterschiedlichen Ebenen für Klimaschutz einsetzt.

Die Forderungen der Klimajugend sind sehr konkret; zum Beispiel bis 2030 netto null Tonnen CO2 ausstossen. Was können Sie als Regierungsrat tun?

Es geht immer um die politische Ebene. Im Regierungsrat kann ich mich im Bereich der Gebäudesanierungen für eine Verbesserung einsetzen, weil die Revision des Energiegesetzes ansteht: Bei neuen Gebäuden muss der CO2-Ausstoss sofort auf null runter. Das ist technisch gut machbar. Bei den bestehenden braucht es eine Abstufung, wie wir langsam aber sicher ebenfalls null erreichen. Aber: Es darf dabei auf keinen Fall zu einer Mieterhöhung kommen!

Wie sieht es im Verkehr aus? Der Regierungsrat sitzt im Verwaltungsrat des Flughafens. Wollen Sie nun in dieses Gremium und den Flughafen schliessen?

Das wäre zwar politisch eine Lösung aber bestimmt nicht mehrheitsfähig (lacht). Wir brauchen zum Beispiel einen langsamen Umstieg auf Treibstoff, der mit erneuerbaren Energien hergestellt wird. Da könnte man dem Flughafen Vorschriften machen in diese Richtung.

Das geht viel zu langsam. So kommen wir niemals auf netto null bis 2030.

Das stimmt. Es ist genau eine der Hauptschwierigkeiten, dass die Politik so langsam läuft und wir aber wenig Zeit haben, die Klimakrise zu lösen. Mir geht es darum, dass wir nun die richtigen Impulse setzen. Das Klima-Problem lässt sich nicht durch neue Technologien lösen, aber ohne bestimmte Technologien kommen wir einfach nicht aus.

Da spricht jetzt der Regierungspolitiker und nicht mehr der Klimaaktivist. Das ist nicht radikal genug, um die Klimakatastrophe abwenden zu können.

Ich bin einverstanden, es braucht sehr radikale Lösungen. Die Frage ist natürlich auch, was wir als Kanton Zürich machen können. Zudem bin ich in eine Regierung eingebunden, in der ich Mehrheiten schaffen muss. Die politische Debatte verabschiedet sich ganz klar von der Frage, OB wir etwas tun müssen hin zu der Frage WAS wir tun müssen. Das ist schon ein grosser Fortschritt.

Wie sehen Sie es mit dem Personenverkehr?

Im Grundsatz brauchen wir eine andere Raumplanung. Wir wollen keinen Verkehr, sondern Mobilität. Wir wollen von Zuhause an den Arbeitsplatz, zur Freizeit und wieder zurück. Wir brauchen eine Raumplanung der kurzen Wege. In der Stadt Zürich besitzen beispielsweise 50% der Haushalte aus diesem Grund kein Auto. Den Verkehr müssen wir auf Velos und den öV umlagern und die übrigbleibenden Autos müssen elektrisch betrieben werden.

Sitzt der Kanton also bei den Gebäuden und beim Verkehr am längsten Hebel?

Ja, das sind zwei der mächtigsten Instrumente, wenn es um das Klima geht. Ein weiterer Hebel sind die Finanzen: Der Kanton Zürich muss alle Investments abziehen, die in Öl und Gas stecken.

Sie wurden als Klimapolitiker gewählt, aber im Regierungsrat gibt es keine Umweltdirektion. Welche Themen sind bei Ihnen sonst noch hoch im Kurs?

Die Direktionsverteilung ist noch offen. Vielleicht werde ich Gesundheitsdirektor? Das wäre interessant, weil es eine neue Spitalliste gibt: Welche Spitäler haben einen Leistungsauftrag vom Kanton? Es geht viel um Verteilung und um sehr viel Geld. Wir wollen ja nicht, dass die Prämien jedes Jahr steigen.

Was wäre Ihre unbeliebteste Direktion?

In jeder Direktion gibt es spannende Themen. Je nachdem, was ich kriege muss ich mich dann etwas mehr einarbeiten.

Hier spricht schon ganz der Konsens-Politiker.

(Lacht) Ja, am Schluss heisst es dann, es sei eine von sieben Wunsch-Direktionen.

Haben Sie eine Einführung in die Konventionen des Regierungsrates bekommen?

Ich bin in Gesprächen mit vielen amtierenden und ehemaligen Regierunsrät*innen, um die vielen kleinen ungeschriebenen Gesetze zu erfahren. Zum Beispiel werde ich als Neugewählter in den Sitzungen erst am Schluss auf dem Stuhl Platz nehmen.

Nun folgen ein paar Fragen aus der Community, welche ich auf Facebook nach Inputs gefragt habe: Was ist Ihre Prognose für die Wahlen im Herbst?

Puh, mit Prognosen bin ich schlecht. Ich hoffe sehr, dass die Klima-Diskussion noch immer oben auf der Agenda steht und wir im Nationalrat eine Mehrheit für grüne Anliegen kriegen. Ich denke, dass es in diese Richtung geht.

Was halten Sie von der GLP? Bürgerliche Partei im grünen Mantel oder linke Verbündete?

Weder noch. Ich kenne nur die GLP des Kantons Zürich. In ökologischen Fragen können wir gut mit ihnen zusammenarbeiten, in sozialen Fragen hingegen häufig nicht so. Schwierig wird es auch, wenn es darum geht, ökologische Anliegen sozial umzusetzen...

Könnte sich dies mit der neuen, jüngeren und weiblicheren GLP-Fraktion ändern?

Ich bin guten Mutes, dass wir in Zukunft auch in sozialen und finanziellen Belangen näherrücken werden.

GC oder FCZ?

Weder noch. Ich finde, dass man auch ohne Fussball Bier trinken kann.

Und noch eine Abschlussfrage von unserer Community-Chefin Seraina: Sind Sie bereits Tsüri-Member? Sie wären bereits der zweite Regierungsrat...

Noch nicht, aber können wir das grad hier ändern?

Klar, dann müssten Sie jetzt kurz Ihre Kreditkarten-Nummer aufzählen.

Das machen wir nachher per Mail.

Gut, danke für das Gespräch!

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