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Senem Wicki: «Ohne Mut geht gar nichts.»

In dieser Serie treffen jeweils zwei Menschen aufeinander: Christoph Schneider, der selbst auf dem Weg in die Selbständigkeit ist, spricht mit einer Person, die bereits ein paar Schritte weiter ist. In der ersten Folge: Senem Wicki.
22. September 2019

Inspiriert vom Liebeslied «You Are The First, The Last, My Everything» von Barry White gehen die Gespräche der Frage nach, wie und weshalb jemand den Weg in die berufliche Selbständigkeit eingeschlagen hat. Unternehmer*innen und Macher*innen aus den unterschiedlichsten Branchen geben Einblicke in ihren Berufsalltag und erzählen von ihren Werten und Haltungen. Die Idee ist von BBC Radio abgekupfert, wo Zuhörer*innen im Rahmen von «You Are The First, The Last, My Everything» die Songs offenbaren, die ihr Leben prägten und ihnen besonders viel bedeuten. BBC möge uns verzeihen, wir lernen gerne von den Besten.

  • The First blickt zurück in die Anfänge: Wann habe ich das erste Mal daran gedacht, Unternehmer*in zu werden? Was stand zuerst: Der Wille zur grösstmöglichen Unabhängigkeit, eine fixfertiges Produkt, ein grossmäuliges Versprechen?
  • The Last spielt in der Gegenwart: Worüber habe ich mich zuletzt aufgeregt, wer hat mich inspiriert, was beschäftigt mich zurzeit am stärksten? Sind es externe Rahmenbedingungen oder innere Kämpfe?
  • My Everything: Nichts weniger als die Frage «Worum geht es eigentlich»?

Senem Wicki: Ohne Mut geht gar nichts.

13. August, 12.05 Restaurant Spitz, 1 Liter Mineralwasser, 3 Espressi, Kuh-Tatar, Geschmorter Fenchel mit Zitronen-Hollandaise

Senem habe ich in meiner Zeit als Leiter vom Karl der Grosse kennengelernt, als sie noch beim Think Tank W.I.R.E. angestellt war. Als Mitglied des Beirats hat sie nie viel gesagt, umso mehr sind ihre Fragen und Bemerkungen zuverlässig durch Präzision und oft durch einen Perspektivenwechsel aufgefallen. Nach dem Entscheid, mich selber selbständig zu machen, hat Senem mir den Rat «Rede mit vielen Leuten, denn Du wirst sehr alleine sein» mitgegeben. Dieser Satz hat mich seither nie losgelassen und ist mit ein Grund, diese Gesprächsreihe zu führen.

  • Name: Senem Wicki
  • Alter: 37
  • Erstausbildung: The KaosPilots Denmark
  • Tätig als: Zukunftsforscherin
  • Bei: kühne wicki Future Stuff (Seit 2017) und MIND IN (Seit 2016)

The First: Ungesunde Muster

«Ich wollte eigentlich nie selbständig werden, der Typus der Unternehmerin schien mir lange nicht passend. Meine Rolle war es, viele Jahre eher in bestehenden Strukturen kleine Revolutionen anzuzetteln. Keine schwarzen Hosen in der Bank zu tragen, als einzige Schweizerin in Dänemark zu studieren, an einer Kunstschule zur Zukunft von Finanzdienstleistungen zu forschen. Feste äussere Rahmenbedingungen gaben mir ein Gefühl von Sicherheit, die Rolle als Querschlägerin darin die Möglichkeit, Dinge offen anzusprechen. So konnte ich vom Glanz und der Stabilität renommierter Brands und Persönlichkeiten profitieren und viel dazulernen. Und ich hatte beides: Die Sonne und den festen Boden.

Mit der Zeit wuchs aus dieser Dynamik aber ein ungesundes Muster. Die Nähe zum fremden Glanz führt nämlich auch zu einer Abhängigkeit: Man passt sich eigentlich stets einem fremden Massstab an. Und so habe ich mich permanent entweder über- oder unterbewertet, statt darauf zu achten, was ich eigentlich selbst will. Erst als ich das verstanden hatte, kamen die ersten Ideen für meine berufliche Selbständigkeit.

The Last: Ohne Mut keine Entwicklung

Als Zukunftsforscherin ist es entscheidend die eigenen Erkenntnisse laufend zu hinterfragen und dem sich verändernden Kontext neu anzupassen. Wir können nicht von Konferenz zu Konferenz tingeln mit derselben Keynote Präsentation im Gepäck. Wachstum und Entwicklung sind darum für kühne wicki ein Imperativ. Aber welches Wachstum und wie? Wie werden wir besser, relevanter, und vor allem: Womit erreichen wir echten Impact?

Ich habe in den letzten Jahren vor allem gelernt, dass Mut die Voraussetzung für jeden Entwicklungsschritt ist, dazu zwei Beispiele:

Mut zur Standardisierung: Sich einzugestehen, dass vordefinierte Prozesse die Arbeit nicht bloss effizienter machen, sondern auch bessere Resultate hervorbringen, war nicht einfach. Lange bin ich davon ausgegangen, dass jede Beratung, jedes Angebot individuell und von Grund auf neu entwickelt werden muss. Jetzt realisieren wir, dass Standards zum einen Ressourcen für neue Ideen freisetzen und zudem die Arbeit an den entscheidenden Details ermöglichen.

Mut zum eigenen Preis. Seit wir adäquate Honorare verrechnen und sie nicht mehr unterschreiten, überlisten wir uns gleich doppelt: Die Auftraggeber*innen erwarten erstens eine entsprechende Leistung (Motivation von Aussen) und unsere Arbeit wird noch effektiver (Motivation von Innen). Jede Arbeitsstunde, jedes Projekt gewinnt so noch mehr an Qualität und die Gefahr, sich in Nebensächlichkeiten zu verlieren, schwindet. Es geht also in erster Linie nicht darum, einfach mehr Geld zu generieren, unsere Preispolitik ist vielmehr Mittel zum Zweck, besser zu werden. Und darum geht es.

My Everything: Nichts ist wichtig. Und Alles.

Richtig lebendig fühle ich mich im Neuland, bereits komplett vermessene Landschaften langweilen mich. Neue Gedanken und neue Ansätze für die Bewältigung dringender Zukunftsfragen machen mir wenig Angst, denn grundsätzlich scheint mir alles machbar und neu machbar. Das ist zwar unternehmerisch gedacht nicht immer die gewinnbringendste Strategie (Stichwort Standardisierung!), bringt aber sowohl unsere Firma wie auch mich persönlich am Weitesten.

Was wichtig ist? Nichts. Wir nehmen uns ja alle – gerade auch als Selbständige – viel zu ernst. Klar – Integrität ist wichtig, sich selber und andere nicht verletzen. Sich bewusst für eine Arbeit zu entscheiden und dann richtig reinzuknien. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass meine Arbeit und vor allem ich selber im grösseren Kontext überhaupt nicht wichtig sind. Immer wieder auch zu üben, sich selber im Grossen und Ganzen zu sehen, gibt viel Freiheit. Das Gefühl des Loslassens ist ein guter Freund geworden.»


member ad

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