Bullshit-Job? 💩

Markus Ott: Was läuft scheisse? Wo sind die Lücken?

In dieser Serie treffen jeweils zwei Menschen aufeinander: Christoph Schneider, der selbst auf dem Weg in die Selbständigkeit ist, spricht mit einer Person, die bereits ein paar Schritte weiter ist. In der vierten Folge: Markus Ott.
13. Oktober 2019

Inspiriert vom Liebeslied «You Are The First, The Last, My Everything» von Barry White gehen die Gespräche der Frage nach, wie und weshalb jemand den Weg in die berufliche Selbständigkeit eingeschlagen hat. Unternehmer*innen und Macher*innen aus den unterschiedlichsten Branchen geben Einblicke in ihren Berufsalltag und erzählen von ihren Werten und Haltungen. Die Idee ist von BBC Radio abgekupfert, wo Zuhörer*innen im Rahmen von «You Are The First, The Last, My Everything» die Songs offenbaren, die ihr Leben prägten und ihnen besonders viel bedeuten. BBC möge uns verzeihen, wir lernen gerne von den Besten.

  • The First blickt zurück in die Anfänge: Wann habe ich das erste Mal daran gedacht, Unternehmer*in zu werden? Was stand zuerst: Der Wille zur grösstmöglichen Unabhängigkeit, eine fixfertiges Produkt, ein grossmäuliges Versprechen?
  • The Last spielt in der Gegenwart: Worüber habe ich mich zuletzt aufgeregt, wer hat mich inspiriert, was beschäftigt mich zurzeit am stärksten? Sind es externe Rahmenbedingungen oder innere Kämpfe?
  • My Everything: Nichts weniger als die Frage «Worum geht es eigentlich»?

Markus Ott: Was läuft scheisse? Wo sind die Lücken?

19. September, 12:00 Uhr, Kafi für Dich. 5 Espressi, 2 Espressi Macchiato, 1 Liter Mineralwasser, 1 Schinkenpanino mit Salat, 1 Chèvre Chaud mit Salat.

Markus ist eine bekannte Figur in der Zürcher Club- und Gastrolandschaft. Angefangen bei der Dachkantine, hat er später den Club Zukunft mitgegründet, um danach via Café des Amis im Restaurant Spitz im Landesmuseums zu landen. Dort haben wir uns auch kennengelernt und gemeinsam über die Nutzungsformen des Platzspitzs nachgedacht, weil dieser schönste zentrale Park uns beiden so sehr am Herzen liegt.

Markus hat immer neue Sachen angerissen, sich niemals ausgeruht. Seine Interessen haben sich aber verlagert, wo er früher Leute nach Coolness-Faktor eingeteilt hat, möchte er heute für möglichst viele Menschen gute Angebote aufbauen.

  • Name: Markus Ott
  • Alter: 38 Jahre
  • Erstausbildung: Dekorationsgestalter
  • Tätig als: Gastronom seit 2001

The First: Wieso tun sich das so viele Leute an?

Schon während meiner Lehrzeit als Dekorationsgestalter im Jelmoli wurde mir klar: Da mache ich nicht lange mit, in diesem Abhängigkeitsverhältnis zwischen Aktionariat, Direktion und mir. Ich hatte keinen Bock, die Rolle des duldenden Arbeitnehmers einzunehmen und mich den Launen eines Direktors auszusetzen. Die Aktionär*innen interessierten sich inhaltlich keinen Deut um den Laden, sobald das Umsatzziel aber nicht erreicht wurde, erhöhten sie den Druck auf die Löhne. Auf der anderen Seite machten einzelne Mitarbeiter*innen ihre Jahresstimmung davon abhängig, wie viele Feiertage auf ein Wochenende fielen. Meine Erkenntnis damals: So funktioniert Kapitalismus. Meine Frage damals wie heute: Wieso machen die Menschen da mit? Meine persönliche Konsequenz daraus: Nie mehr sagt mir ein Chef, was ich zu tun habe.

Meine Lehre habe ich Dank der Partyreihe Babyshake gut überstanden. Einmal pro Monat organisierte ich kleinere Parties, die mich einerseits aus dem alltäglichen Jelmolisumpf zogen, mir aber vor allem nach dem Abschluss die Möglichkeit boten, bei der Dachkantine einzusteigen. Von diesem Moment an bestimmte die Partyszene mein Leben: Chaos und Chrampfen, Chaos und Lernen. Vor allem aber Chaos.

Mit der wachsenden Grösse der Projekte bin auch ich gewachsen.

Aus dieser Zeit habe ich zwei ganz wichtige Dinge mitgenommen. Zum Einen scheitert es selten am Geld, umso wichtiger sind die Menschen. Merksatz: Arbeite niemals mit Choleriker*innen oder einem Menschen mit zu grossem Ego zusammen, die sind um ein Vielfaches schlimmer als ein langweiliger Sürmel.

The Last: Ein Zürcher Hotel für Zürich

Auf Anfang Oktober übernahmen meine Partner und ich das Hotel Greulich, dabei habe ich unter anderem Rolle des Facility Managers und Cheftechnikers übernommen. Es geht um Umbau, Anpassung der Infrastruktur, um den alltäglichen Irrsinn auf einer Baustelle.

Dass ich mich bald auch als Hotelier bezeichnen kann, gefällt mir ausserordentlich gut, ich sehe eine schöne Entwicklung, die mein Berufsleben zeichnet: Ausgehend vom Nachtleben hin zum grössten Projekt bisher, dem Restaurant Spitz. Mit der wachsenden Grösse der Projekte bin auch ich gewachsen, beruflich wie privat denke ich viel nachhaltiger. Standen früher eher das schnelle Glück und die nächste Woche im Vordergrund, interessieren mich heute vielmehr langfristige Entwicklungen.

Abgesehen davon, dass es eine Todsünde wäre, das Hotel Greulich nicht zu machen (dieses einzigartige Haus mit grosser Geschichte), haben wir die Vision, ein wahrhaft zürcherisches Hotel aufzubauen. Ein Ort, an dem auch die Bevölkerung von Zürich übernachten möchte und wo die Gäste aus aller Welt nicht wie in einer x-beliebigem Hotelkette abgefertigt werden. Wir strahlen von Zürich aus in die Welt.

My Everything: Fokus auf die Scheisse

In Zürich sind die Voraussetzungen, sein berufliches Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und dabei erfolgreich zu sein, optimaler als sonstwo auf der Welt. Es gibt nur wenige Länder oder Städte, in denen ähnlich viel Geld und Kaufkraft vorhanden ist und wo die Rahmenbedingungen derart stabil und komfortabel sind. Dies macht natürlich auch satt und bequem, was zu unglaublichen Fehlern führen kann, gerade wenn es um neue gastronomische Angebote geht. Anstatt auf seinen Bauch zu hören und mit einer gewissen Sensibilität und Reflexion eine Idee zu verfolgen, werden schlicht Konzepte kopiert oder so umgesetzt, wie man es schon immer gemacht hat. Dass zum Beispiel eine Bar in Neu-Affoltern andere Bedürfnisse bedient als am Limmatplatz, sollte eigentlich auf der Hand liegen - mangels Nachdenken wirds dann aber trotzdem so gemacht.

Wir müssen uns bei neuen Projekten also nicht darauf konzentrieren, was gut läuft, sondern uns viel öfters die Frage stellen: «Was läuft eigentlich so richtig Scheisse und wie kann ich etwas Geiles daraus machen?»

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