Von Steffen Kolberg

Redaktor

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12. Februar 2022 um 07:00

Aktualisiert 14.02.2022

Seefeld: Mieter:innen kritisieren Kündigung wegen Totalsanierung

Das Gründerzeithaus an der Seefeldstrasse 102 wurde bereits in den frühen 80er-Jahren umfassend saniert. Dass jetzt wieder eine Totalsanierung nötig ist, bezweifeln Anwohner:innen wie Christine und Reto. Stattdessen solle mit kleineren Grundrissen die Rendite maximiert werden.

Christine – Seefeldstrasse 102

Mieterin Christine in ihrem Wohnzimmer. (Foto: Steffen Kolberg)

Die Seefeldstrasse 102 ist nicht ganz leicht zu durchschauen. Auf den ersten Blick handelt es sich um ein grosszügiges Eckhaus aus der Gründerzeit. Eine Denkmalschutz-Plakette am Zaun weist auf den Architekten Louis Däniker hin, der es 1890 errichten liess. Doch lässt man die Plakette einmal hinter sich und geht auf den Eingang zu, ist von Gründerzeit nicht mehr viel zu sehen: Hinter einer vollverglasten Front windet sich eine ausladende weisse Wendeltreppe die Etagen hinauf, eine abstrakte Metallbüste begrüsst Gäste und Bewohner:innen.

Die ausgefallene Gestaltung stammt aus den frühen 80er-Jahren, als das Haus, das erst kurz zuvor unter Denkmalschutz gestellt worden war, umfassend saniert wurde. An die Stelle eines grossen Gartens, der das vorher freistehende Haus umfasste, wurde ein grosszügiger Anbau gesetzt. Von aussen zunächst unauffällig, dominiert dieser das Gebäude: Er überragt das Gründerzeithaus in der Tiefe, der Breite, und – mit einem nach hinten versetzten zusätzlichen Dachgeschoss – sogar in der Höhe.

Christine nutzt den Laubengang vor ihrer Wohnung als Kräuterbalkon. (Foto: Steffen Kolberg)

«Bei dem Neubau 1980 wurde mit dem Denkmalschutz grosszügig umgegangen: es wurden nur die Fassaden des alten villenartigen Seefeldhauses stehen gelassen und dahinter und darüber ein grosses neues Gebäude hochgezogen.», erklärt Bewohner Reto. Er ist Architekt, kennt sich mit Fragen von Baurecht, Denkmalschutz und Flächennutzung aus. Und er heisst eigentlich nicht Reto. Heute dürfte das Gebäude wohl nicht mehr so gross gebaut werden, überrage es doch auf ungewöhnliche Weise die denkmalgeschützten Fassaden, und überschreite die heute festgeschriebene Bautiefe. Auch habe es ungewöhnlich viele Erker. «Aber», betont der Familienvater im gleichen Atemzug, «man hat die Fläche damit auch geschickt genutzt, um qualitativ hochwertigen Wohnraum zu schaffen. Dies nicht zuletzt im Rahmen der damaligen Willens zur Förderung von Familienwohnungen.»

2400 Franken für 4 Zimmer


Was das heisst, wird bei einem Besuch seiner Nachbarin Christine deutlich. Die Kinderpsychologin wohnt im 80er-Jahre-Anbau, ihre Maisonettewohnung erreicht man über einen rückseitigen Laubengang. Sie ist nicht mehr auf dem neuesten Stand, die Küchenmöbel sind in die Jahre gekommen und die Farbe platzt von den Fensterrahmen. Doch sie ist schön, sonnendurchflutet und grosszügig geschnitten. Auf der Höhe des Laubengangs finden sich Küche und Wohnzimmer, treppab die Schlafzimmer. Zwischen 2300 und 3600 Franken zahlt man aktuell für eine solche 4-Zimmer-Wohnung. Im Vergleich: Gemäss Stadt Zürich kostete eine nicht gemeinnützige 4-Zimmer-Wohnung im Kreis 8 im Zeitraum zwischen 2015 und 2019 im Schnitt 2200 Franken, über die ganze Stadt betrug die Miete 1935 Franken. Dabei handelt es sich um Bestandsmieten, die Angebotsmieten bei Neuvermietung liegen oft deutlich über diesen Zahlen.

Christine und Reto waren schon Nachbarn, bevor sie 2015 ins Seefeld zogen. Damals wohnten sie in Hottingen und wurden aufgrund einer Totalsanierung gekündigt. Sieben Jahre später stehen sie in der Seefeldstrasse 102 wieder vor demselben Problem: Die Lebensversicherungsgesellschaft Pax, der das Haus gehört, hat ihnen im Herbst die Kündigung geschickt. Im November dieses Jahres sollen alle Bewohner:innen spätestens ausgezogen sein. Es sei eine Totalsanierung nötig, heisst es in den Unterlagen, die Christine in einem Ordner wälzt.

Laut Reto ist das aber nicht zwingend der Fall, denn der Bau von 1980 sei durchdacht gewesen. «Die Fenster zum Beispiel sind dreifach verglast», erklärt er: «Das war in den frühen 80ern noch gar kein Standard.» Sicher müssten die verbauten Leitungen langsam ausgetauscht werden, doch sie seien extra an einem zentralen, gut zugänglichen Hauptstrang verlegt worden, so dass das verhältnismässig einfach möglich sei. Reto ist sich sicher: «In genossenschaftlich verwalteten Objekten würde man solche Wohnungen im bewohnten Zustand sanieren.»

Alt- und Neubau zugleich: Die Seefeldstrasse 102. (Foto: Steffen Kolberg)

Kinderlose Doppelverdiener:innen und Singles statt Familien

Seit vor kurzem die Baupläne veröffentlicht wurden, ist für die Bewohner:innen auch klar, dass es bei den angekündigten Baumassnahmen nicht bloss um eine Sanierung geht. Die Maisonettewohnungen sollen nämlich aufgetrennt werden in zwei separat vermietete Studios. «Das widerspiegelt den Trend zu kleinen Grundrissen zum Ausschöpfen der maximalen Rendite», meint Reto: «Die gewünschten Mieter:innen sind Doppelverdiener:innen ohne Kinder oder Singles.»

Reto bewohnt eine benachbarte Maisonettewohnung mit seiner Frau und den zwei Kindern. Bei Christine wohnt noch ihr Sohn, mittlerweile Student, mit in der Wohnung. «Es ist unglaublich schwer, Familienwohnungen im Seefeld zu finden», erzählt sie. Die Eigentümergesellschaft hat die Livit AG Real Estate Management, einen grossen Zürcher Immobilienbewirtschafter im Besitz der Swiss Life, mit einer «Mieterspezialbetreuung» beauftragt. Das heisst, die Livit AG sendet den gekündeten Bewohner:innen Wohnungsangebote aus ihrem Portfolio zu Vorteilskonditionen zu. Dort seien aber fast nur die ohnehin auf Homegate ausgeschriebenen Wohnungen zu finden, meint Christine. Manche brauchbar, aber in anderen Quartieren und viele eher fragwürdig. Sie habe bisher noch keine für sie passende gefunden.

Das Problem sei für sie aber nicht so sehr das Finden einer anderen Wohnung, erklärt sie, es sei das Herausgerissenwerden aus ihrem sozialen Kontext: «Ich umgebe mich gerne mit Leuten, bin in Kontakt mit meinen Nachbar:innen, meine Wohnung soll ein offener Ort sein. Ich bin jetzt um die 60, und ich würde gerne die letzten 30 Jahre meines Lebens an einem Ort bleiben können. Von den heutigen Tagen, an denen ich mich viel mit meinen Mitmenschen umgebe und mich mit ihnen austauschen möchte, bis zu den Tagen, an denen ich irgendwann nicht mehr aus dem Bett aufstehen möchte.»

Preisgünstiger Wohnraum sollte auch im Privatsektor erhalten bleiben

Mit Genossenschaften tut sich Christine schwer, zu starr seien sie in ihren Vorgaben, zu exklusiv in ihrer Zusammensetzung. Reto hat mit den Genossenschaften weniger Probleme. Doch er findet, dass es neben dem Bau und Erhalt von preisgünstigem Wohnraum in städtischer und genossenschaftlicher Hand auch möglich sein müsse, diesen im Privatsektor zu erhalten: «Da bräuchte es mehr politischen Willen», ist er überzeugt. Als Beispiel nennt er die Auftrennung der Maisonettewohnungen im Zuge der geplanten Sanierung: «Dadurch verringert sich der verfügbare Wohnraum sogar. Hier könnte man durchaus austesten, wie weit man vorhandene Bestimmungen nutzen kann, um so etwas zu verhindern.»

Er findet ausserdem, dass es mehr Beratungsangebote für private Hauseigentümer:innen geben müsste: «Es gibt speziell im Seefeld viele ältere Menschen, die die Instandhaltung oder Sanierung ihrer Liegenschaften nicht mehr bewältigen können und dann an grosse Immobilienverwalter verkaufen. Hier könnte man mit Beratungen aufzeigen, welche Wege es gibt, das auch im Sinne der Mieter:innen zufriedenstellend zu bewerkstelligen.» Denn es könne ganz grundsätzlich nicht im Sinne der Stadt sein, dass ein grosser Teil der Bevölkerung ständig auf Wohnungssuche sei: «Das ist ein enormer Verlust von zeitlichen und auch emotionalen Kapazitäten.» Er selbst wolle noch gar nicht an seine eigene Wohnungssuche denken, mit einem Kind, das ein Jahr vor seinem Primarschulabschluss steht.

«Ich muss wieder rüber, ich habe heute die Kinder und muss etwas zu Mittag kochen», entschuldigt sich Reto zum Abschluss. «Wir haben einen grossen Topf Kartoffeln gekocht, wollt ihr mitessen?» fragt ihn Christine. Das ist der soziale Kontext, der verloren zu gehen droht hinter Altbaufassade und verglastem Eingangsbereich.