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Wartezeit unbekannt

Eine Flucht, ein Kind, dann ein zweites, eine neue Sprache, eine fremde Kultur und eine Sozialberaterin, die nicht wirklich eine ist. Die letzten acht Jahre waren irre, ihr Leben kein einfaches. Den Weg in die Bildung hat Kokob Mulubrhan aber wiedergefunden. Ein Porträt.
10. Februar 2020
Journalistin

Zürich Binz, Januar 2020. Draussen scheint die Sonne, statt Winter fühlt es sich viel mehr nach Frühling an, einzelne Bäume und Sträucher blühen bereits. Wir sitzen in einem spartanisch eingerichteten Büroraum mit Sitzungstisch, die Wände sind weiss. Als Kokob Mulubrhan von ihrer Flucht erzählt, ist sie gefasst. Nüchtern schildert sie, wie sie gemeinsam und mit der Hilfe des Onkels ihrer Freundin die Flucht geplant haben, die sie im November 2011 angetreten sind. Wie das Essen und die Getränke, die eigentlich für sechs Tage hätten reichen sollen, bereits nach drei aufgebraucht waren. Wie sie ohne Decken in der Nacht frieren mussten. Wie sie kilometerweite Umwege zu Fuss gehen mussten, um an den Grenzen nicht den Militärs in die Arme zu laufen. Wie gross die Erleichterung war, als sie es nach Äthiopien geschafft haben.

Kokob ist vor knapp acht Jahren in die Schweiz gekommen, zuerst nach Basel, als nächstes Oberembrach, dann Wädenswil, dann Zürich Altstetten. Jetzt wohnt sie in Schwamendingen, mit Tochter, Sohn und Mann. Aufgewachsen ist sie in Eritrea. Ihr Deutsch ist gut, sie findet aber, dass es besser sein könnte. In eineinhalb Monaten feiert Kokob ihren 26. Geburtstag.

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Eritrea. Von diesem Land und von Personen wie Kokob hat sich die Schweiz schnell ein Bild gemacht. Für die einen ist sie ein Opfer, eine Flüchtende, ein Beispiel für das zu lange andauernde und nicht menschenwürdige Asylverfahren. Eine Kämpferin. Für die anderen ist sie ein Dorn im Auge, eine, die nicht arbeiten will, sich nicht integriert, nicht hierher passt. Woher wissen die Leute, die so argumentieren, was Eritreer*innen wollen oder eben nicht wollen? Kennen sie ihre Geschichten?

Eritrea, 2010. Kokob ist 16, hat sechs Geschwister. Mit zwei Halbgeschwistern wohnt sie bei ihrer Stiefmutter in einem Dorf. Ausserhalb ihres Dorfes war sie kaum, vom Rest Eritreas und der Welt hat sie noch nie etwas gesehen, nur gehört, in der Schule. Damals ist sie in der zehnten Klasse und träumt davon, Journalistin zu werden. Sie besucht einen Abendkurs, lernt Artikel zu verfassen, Interviews zu führen, für ein Publikum zu schreiben. Damals ahnt sie nicht, dass sie sich bald in einem Land wiederfinden wird, dessen Sprache sie nicht kennt. Damals ahnt sie nicht, dass sie schon bald Mutter werden würde.

Als der Abschluss naht, wächst Kokobs Angst. Wer in Eritrea die elfte Klasse abschliesst, muss den Militärdienst antreten, das Geschlecht spielt keine Rolle, ein Recht auf Dienstverweigerung gibt es nicht. Die Militarisierung Eritreas schreitet seit dem Grenzkrieg mit Äthiopien von 1998-2000 stetig voran, die Unterdrückung von Menschenrechten – Meinungs-, Presse-, Religions- und Versammlungsfreiheit – nehmen unter dem Regime von Isayas Afwerki immer weiter zu. Zuwiderhandlungen werden mit Inhaftierungen bestraft, Andersdenken kommt einem Gesetzesverstoss gleich. In dieser Zeit beträgt die Lebenserwartung in Eritrea knapp 61 Jahre, in der Schweiz sind es 82.

Die Angst von Kokob teilt ihre beste Freundin. So etwas wie eine freie Zukunft, ein selbstbestimmtes Leben ohne Furcht, scheinen einer Utopie gleichzukommen. Doch Kokob hat auch Hoffnung, und die trägt einen Namen: Europa. Aber das Geld für eine legale Ausreise fehlt, die Erfahrung, wie es ausserhalb des Dorfes ist, ebenso. «Ich hatte keine Ahnung, was man auf eine solche Reise mitnimmt und wie sie aussehen wird», sagt Kokob.

Enttäuschte Hoffnungen

Manchmal hat Kokob grosses Heimweh. Ihr fehlen ihre Geschwister, ihre Stiefmutter, ihre Freunde. Seit ihrer Flucht vor acht Jahren hat sie sie nicht mehr gesehen. Und auch die Offenheit fehlt ihr, der sie hier in der Schweiz an nur wenigen Orten begegnet. Einer davon ist das SAH Zürich, das Schweizerische Arbeiterhilfswerk. Seit August 2019 ist sie dort bei AMIE, dem Programm für den individuellen Berufseinstieg für junge Mütter ohne Erstausbildung. An zwei vollen und drei Halbtagen verbessert sie dort ihr Deutsch, lernt Mathematik, Allgemeinbildung und auch, wie man sich bewirbt. Zudem wird sie auf die Doppelbelastung von Familie und Beruf vorbereitet. Begleitet wird sie dabei von den Mitarbeiter*innen von AMIE. Gemeinsam stecken sie Ziele, revidieren Gelerntes, arbeiten Schritt für Schritt nach vorn. Die harte Arbeit hat sich für Kokob bereits ausgezahlt, seit kurzem weiss sie, dass sie per August 2020 eine Lehrstelle als Assistentin Gesundheit und Soziales in einem Altersheim in Zürich beginnen kann. «Ich bin überglücklich», strahlt die 25-Jährige.

Das ist ihr auch anzusehen. Denn diese Lehrstelle ist für sie nicht nur eine Ausbildungsmöglichkeit, für sie ist es auch ein Chance auf Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Integration. Sie will für ihre Kinder ein gutes Beispiel sein, wünscht sich für sie ein unbeschwertes Leben. Ihr liegt die Antwort schwer auf dem Magen, wenn ihr Sohn sie nach den Schulferien fragt, warum sie nicht wie alle anderen Kinder verreist seien. «Wie erkläre ich ihm das? Ein Kind versteht so vieles noch nicht», sagt Kokob. Auch nicht, warum es nur so selten neues Spielzeug gibt. Auch nicht, was es heisst, zwei Jahre lang einfach nur zu warten. Oder fünf.

Sudan, 2011. In Äthiopien sind sie nur kurz geblieben, weiter ging es in den Sudan, wo Kokob mit der Suche nach ihrem Bruder beginnt. «Kennt ihr meinen Bruder?» Dutzende Male hat sie die immer wieder selbe Frage gestellt, die Antwort war stets nein. Bis sie eines Tages eine Person trifft, die ihr seine Adresse in der Schweiz geben und ein Telefonat ermöglichen kann. Das Resultat des Austauschs: Kokob darf in die Schweiz reisen, muss jedoch im Camp auf ihre «gelbe Karte» warten, damit die Einreise per Flugzeug legal ist. Als es soweit ist, ist Kokob schon 18.

In der Schweiz geht es zuerst nach Basel ins Durchgangszentrum. Nach drei Wochen geht es weiter nach Oberembrach, in ein Asylzentrum, für drei Monate, dann nach Wädenswil, wo sie zwei Jahre lang warten wird, bis sie ihre F-Bewilligung erhält. Wer Kokob fragt, wie diese Zeit für sie war, erhält zur Antwort zwei Worte: «Sehr schwierig».

Damals habe ich gemerkt, was Rassismus ist.
Kokob Mulubrhan

Das Wetter ist neu, die Kultur ist fremd, die Sprache unverständlich. Ihren Bruder – ihre einzige Bezugsperson und der Einzige, der sie in dieser Zeit unterstützte – sieht sie nur selten. 2012 wird sie schwanger, ihren Mann kann sie nur einmal alle drei oder vier Monate sehen, zu teuer ist das Zugbillett ohne Halbtax von Zürich nach Lugano. Im Asylzentrum in Wädenswil wohnt sie mit sechs bis acht anderen Flüchtenden in einem Zimmer, Bad und Küche werden geteilt. An dieser Situation ändert sich auch nichts, als sie im März 2013 ihr erstes Kind zu Welt bringt.

Nach zwei Jahren warten in Wädenswil erhält Kokob 2014 ihre F-Bewilligung, sie hat grosse Hoffnungen, dass sie endlich Deutsch lernen kann. Sie zieht nach Zürich Altstetten, wird einer Sozialberaterin zugeteilt. Die neue Wohnstätte fühlt sich wie ein weiteres Camp an; ein Zimmer für Kokob und ihren Sohn, Bad und Küche werden zu sechst geteilt, alle sprechen eine andere Sprache, alle kommen sie aus verschiedenen Kulturen. Obwohl man zusammenlebt, ähnliches durchgemacht hat, ist man sich fremd. Beim Kochen stellt man sich hinten an, egal ob man ein Kind auf dem Arm trägt oder nicht.

Kokob will das Beste aus ihrer Situation machen, setzt alles daran, Deutsch zu lernen, besucht diverse Gratisangebote. Sie weiss, nur so hat sie eine Chance auf Arbeit, nur so wird sie unabhängiger. Doch um einen Deutschkurs mit Zertifikat machen zu können, braucht sie die finanzielle Unterstützung vom Sozialamt. An die Treffen begleitet sie ihr Bruder, er übersetzt von Deutsch nach Tigrinya und umgekehrt. Kokob will in die Schule. Die Antwort der Sozialberaterin: «Dein Bruder soll dafür zahlen. Sowieso hast du doch als Mutter für sowas gar keine Zeit.» Dann wenigstens einen Deutschkurs? «Warum? Du kannst doch alles? Einkaufen, kochen, hierherkommen, du schaffst es ja. Und warum Deutsch? Du kannst ja schon Englisch, das reicht.» Kokobs Hoffnungen in Europa platzen im Sitzungszimmer der Sozialberaterin.

«Ich bin doch kein Tier, ich bin ein Mensch!»

Heute kennt Kokob ihre Rechte, weiss, dass sie mit ihrer Sozialberaterin kein Glück gehabt hatte. Seit etwas mehr als zwei Jahren hat sie einen neuen Sozialberater, seit da ist alles besser. Sie hat zwei weitere Deutschkurse besucht, im Sommer 2018 hat sie das B1-Zertifikat erhalten. Mit ihrem Mann hat sie in Schwamendingen eine Wohnung gefunden, eine, die gross genug ist, dass sie alle vier endlich zusammenwohnen können.

Zürich, anfangs 2016. Kokob ist das zweite Mal schwanger, ihrer Sozialberaterin erzählt sie es gar nicht erst. Zu gross ist ihre Angst, dass ihr dann der Deutschkurs verboten wird, sie nicht mehr zur Schule darf. Sie meldet sich erst wieder bei ihr, als ihre beiden Kinder krank werden. Die Diagnose des Arztes: Hautausschlag, gefährlich. Die Antwort der Sozialberaterin: Das ist doch kein Problem, das ist normal, kommt vor. Kokob wohnt mit ihrem Sohn und ihrer Tochter immer noch in Altstetten.

«Damals habe ich gemerkt, was Rassismus ist», sagt Kokob. Abgesehen vom Regime, der Repression und der Angst wurde sie in Eritrea als Mensch besser behandelt. «Das ist schwer verständlich, denn schliesslich haben wir doch alle die gleichen Rechte und Pflichten», sagt Kokob. Sie zögert, und setzt noch ein «oder?» an.

Wenn sie an diese Zeit denkt, wird sie wütend. Sie versteht nicht, warum sie zwei Jahre warten musste, bis sie Deutsch lernen durfte. Sie versteht nicht, dass sie es immer noch nicht durfte, als sie eine F-Bewilligung hatte. Sie versteht nicht, dass der Wunsch, sich selbst ausdrücken zu können, bei der Sozialberaterin auf taube Ohren stiess. Sie versteht nicht, warum ihre Nachbarn zu Beginn Angst vor ihr hatten. Sie versteht nicht, warum so viele Leute über sie und Menschen, die ihr Schicksal teilen, urteilen, ohne von ihren Problemen, ihrem Stress und ihren Verlusten zu wissen. Und sie versteht nicht, warum das für einige Legitimation zu sein scheint, sie schlechter zu behandeln: «Ich bin doch kein Tier, ich bin ein Mensch!»

Ein Umdenken in der Gesellschaft können wir erreichen, indem wir aufzeigen, dass Flüchtende keineswegs einfach nur arbeitslos sind
Murielle Eigner, SAH Zürich

Kokob kennt viele junge Frauen, die in ähnlichen Situationen sind wie sie selbst. Die teilweise ihre Angehörigen auf der Flucht verloren haben und die trotzdem weiter machen, ihr Leben verbessern wollen. Die aber oftmals keine oder nur wenige Chancen haben, das auch zu tun. «Ihnen allen wünsche ich, dass sie wie ich AMIE besuchen können», sagt Kokob.

Auch Claudia Klingler von der Geschäftsleitung des SAH Zürich wünscht sich das: «Ich finde es schlimm, dass viele Geflüchtete unter prekären Umständen in Camps leben müssen und es gar nicht erst in die Schweiz schaffen, dabei hätten wir hier die nötige Kapazität und Infrastruktur». Neben AMIE und anderen Angeboten rund um Bildung, Beratung und Arbeit unterstützt das SAH Zürich gezielt geflüchtete Menschen im Kanton Zürich: Das Angebot ANSCHLUSS begleitet junge Geflüchtete und vorläufig Aufgenommene in die Arbeitswelt, indem sie bei der Berufswahl unterstützt und auf die Ausbildung im Schweizer Bildungssystem vorbereitet werden. Bei MIRSAH, einer kostengünstigen Beratungsstelle für Migrations- und Integrationsrecht werden Fragen rund um Themen wie Aufenthaltsrecht oder Familiennachzug beantwortet.

Doch auch eine Institution wie das SAH Zürich stösst an seine Grenzen. Das liegt nicht zuletzt daran, dass obwohl sie eine Non-Profit-Organisation ist, auch wirtschaftlich operieren muss. Sprich: Aufträge müssen akquiriert und Mitarbeiter*innen bezahlt werden. Wären mehr finanzielle Mittel vorhanden, könnte noch mehr bewirkt werden. «Das SAH Zürich setzt sich für Solidarität und Gerechtigkeit in der Gesellschaft ein und versucht prägende Prozesse mitzugestalten» sagt Klingler.

Ein möglicher Weg, das zu erreichen, sei über die Politik. Die Präsidentin des SAH Schweiz, Mattea Meyer (SP) ist im Nationalrat, genauso wie Céline Widmer (SP), Präsidentin des SAH Zürich. Sie beide vertreten in dieser Position auch die Interessen des SAH, setzen sich für eine offenere Asylpolitik ein. Ein weiterer Weg ist, die Gesellschaft auf die Bedürfnisse und Erlebnisse der Geflüchteten aufmerksam zu machen und sie für solche Themen zu sensibilisieren. Als Teil der Plattform Zürcher Flüchtlingstag organisiert das SAH Zürich zusammen mit weiteren Institutionen wie dem HEKS oder Caritas jährlich den kantonalen Flüchtlingstag. Für Murielle Eigner von der Kommunikationsstelle des SAH Zürich ist klar: «Ein Umdenken in der Gesellschaft können wir erreichen, indem wir aufzeigen, dass Flüchtende keineswegs einfach nur arbeitslos sind, sondern indem wir neben kritischen Punkten auch positive Geschichten erzählen, in denen es um Erfolge von Menschen wie dir und mir geht.» Die Geschichte von Kokob Mulubrhan ist ein solches Beispiel.

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