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Schwanger im Lockdown

Unsere Kolumnistin hat unterdessen ein kleines Kind. Das war nicht immer so. Sie sagt: «Ich war im ersten Lockdown schwanger und im zweiten Lockdown im Wochenbett. Im Nachhinein hat sich das als wahrer Life Hack herausgestellt, doch aller Anfang war schwer.»
31. Juli 2021
Gründerin untamed.love

1986 ist das Jahr der Kernschmelze von Tschernobyl. Diese Jahreszahl kann ich mir merken, denn es ist das Jahr, in dem meine Mutter schwanger mit mir war. Die Geschichten über mein Auf-die-Welt-Kommen sind verwoben mit Geschichten zur Nuklearkatastrophe. Zum Beispiel, wie meine Grossmutter in den Konsum sprintete und den gesamten Rüeblivorrat aufkaufte, um Brei für das ungeborene Enkelkind einzukochen. Man wusste nicht, ob die nächste Ernte kontaminiert sein würde. Jahre später bin ich selber schwanger in Zeiten der Unsicherheit. Ob sich auch mein Kind dank seinem Jahrgang immer den Zeitpunkt einer globalen Katastrophe wird merken können? 2020, das Jahr der Corona-Pandemie.

Der erste Lockdown trifft mich überraschend. Anfang 2020 habe ich mich gerade selbständig gemacht und bin etwa zeitgleich ungeplant schwanger geworden. Gebeutelt von Hormonen und Existenzängsten habe ich ziemlich viel, was mich beschäftigt – das Lesen internationaler News gehört nicht dazu. Meine Welt ist gerade aus den Fugen geraten und was die Welt da draussen macht, kann mir nicht egaler sein. Ich bekomme zwar mit, dass Menschen an einem Virus sterben, doch dass in mir drin ein Leben wächst, finde ich irgendwie brisanter.

In meine Welt hält die Pandemie Ende Februar zum ersten Mal Einzug. Ich bin beruflich an einem Pornografiefestival in Bern. Auf dem Tisch vor mir Dildos, in meinem Bauch ein werdendes Baby und in meinem Kopf die Frage, ob diese Dildos dieses Baby tatsächlich finanzieren können. Jemand vom der Festivalleitung kommt vorbei, um meine Kotaktdaten zu erfassen. Das erste Mal Contact Tracing und zum ersten Mal ahne ich, dass dieser Virus doch nicht einfach so an mir vorüberzieht.

Ich habe doch keine Ahnung von gar nichts, wie sollte ich diese Schwangerschaft so isoliert überstehen?

Danach geht alles schnell. In der ersten März Woche werden die Massnahmen verschärft. In der zweiten der Notstand ausgerufen. Selbst ich kann die Situation nicht länger ignorieren. Stattdessen gerate ich in leichte Panik. All die abgesagten Veranstaltungen und Workshop machen meine finanzielle Situation noch unsicherer. Und was bedeutet die Pandemie für die Schwangerschaft? Beruhigenderweise finde ich schnell heraus, dass ich als Schwangere nicht zur Risikogruppe gehöre, eine Ansteckung keinen Einfluss auf den Fötus hat und bei gesunden Neugeborenen keine schweren Verläufe bekannt sind. Ich finde ebenfalls heraus, dass bei Ultraschall-Terminen keine Begleitpersonen erlaubt sind, alle Geburtstvorbereitungskurse abgesagt sind, in Spitälern keine Besuche erlauben und die Besichtigung des Geburtshauses online stattfindet. Das ist weniger beruhigend. Ich habe doch keine Ahnung von gar nichts, wie sollte ich diese Schwangerschaft so isoliert überstehen? Ich lege ich mich ins Bett und schlafe eine Woche durch.

Als ich wieder aufwache, ist alles ruhig. Ich höre durch das offene Fenster Vögel statt Verkehr und Baustellen. Mit dem öffentlichen Leben in der Warteschleife habe ich plötzlich alle Zeit der Welt mich mit der Geburt auseinanderzusetzten. Ich lese Bücher. Ich telefoniere mit meiner Doula. Ich treffe mich mit einer Hausgeburtshebamme und es ist Liebe auf den ersten Blick. «Bleiben Sie zu Hause» lautet die Empfehlung des Bundesrates und ich beschliesse, sie ernst zu nehmen. Ich würde zu Hause gebären, begleitet von meinem Partner, einer Freundin, meiner Doula und der Hebamme. Aus allem, was mir Angst gemacht hat, wird plötzlich etwas Empowerndes.

Ich brauche keine Geburtsvorbereitungskurse und keinen Ultraschall, kein Spital und kein Geburtshaus. Das fühlt sich selbständig und selbstbestimmt an. Da bin ich, die schwangere Frau, die aus ihrem Keller heraus ein kleines Online-Business für Sexspielzeug betreibt inmitten einer globalen Pandemie. Jeden Tag gehe ich durch die menschenleeren Strassen zur Post, mit meinem Wägeli voller Pakete und meinem dicken Bauch. Ich fühle mich wie Kevin Costner in The Postman, in einer dystopischen Zukunft bringe ich den Menschen Hoffnung per Post. Nur halt mit Dildos statt mit Briefen. Und schwanger.

Wochenbett und Lockdown? Das tönt nach einer guten Kombi.

Der Bauch und mein Business wachsen und meine Sorgen werden kleiner. Ich liebe es, schwanger zu sein und der Lockdown scheint mir nur noch Vorzüge zu haben. Fear-of-Missing-out ist kein Thema für mich. Nicht in den Ausgang gehen, keine WG-Parties und keine durchzechten Nächte? Kein Problem, zu verzichten, es findet ja eh nichts statt. Ausserdem haben alle meine Freund:innen ständig Zeit für mich und scheuen keine noch so langweilige Unternehmung.

Vor einem halben Jahr hätten sie den Sonntagnachmittag eher verkatert zu Hause verbracht, als auf einem social distancing Spaziergang. Schwangerschaftstaugliche und pandemietaugliche Aktivitäten sind zum Glück ziemlich deckungsgleich. Durch die Reduzierung der sozialen Kontakte verbringe ich die Schwangerschaft ausschliesslich von meinen engsten Menschen umgeben. Ich komme gar nicht erst in Situationen, wo flüchtige Bekannte mir nervige Ratschläge erteilen oder entfernte Verwandte ohne zu Fragen meinen Bauch anfassen. Pandemie sei Dank.

Gegen Ende des Sommers geniesse ich die Lockerungen und freue mich, meinen Babybauch kurz vor Geburt doch noch bei ein paar Events präsentieren zu können. Einer weiteren Verschärfung der Massnahmen im Herbst schaue ich trotzdem gelassen entgegen: Wochenbett und Lockdown? Das tönt nach einer guten Kombi.

Heute ist das Kind ist bald ein Jahr alt. Es weiss nichts von Viren und Massnahmen, von Fallzahlen und Inzidenzwerten, von Impfgegner und Schwurblerinnen. Es weiss nichts von der seltsamen Zeit, in der es geboren wurde. Das Kind reisst mir die Maske vom Gesicht, es strahlt mich an und sagt: «Da-Da!»

Kolumnistin Jessica Sigerist
Jessica Sigerist ist Zürich geboren und aufgewachsen. Sie wusste schon früh, woher die Babys kommen. In ihrer Jugend sammelte sie schöne Notizbücher, alte Kinokarten und Zungenküsse. Sie studierte Ethnologie (halbmotiviert) und das Nachtleben Zürichs (intensiv). Nach vielen Jahren in der Sozialen Arbeit hatte sie die Nase voll, nicht vom Sozialen, aber von der Arbeit. Sie packte wenig Dinge und viel Liebe in einen alten Fiat Panda und reiste kreuz und quer durch die Welt. Sie ritt auf einem Yak über das Pamirgebirge, überquerte das kaspische Meer in einem Kargoschiff und blieb im Dschungel von Sierra Leone im Schlamm stecken.

Auf ihren Reisen von Zürich nach Vladivostock, von Tokio nach Isla de Mujeres, von Tanger nach Kapstadt lernte sie, dass alle Menschen eigentlich dasselbe wollen und dass die Welt den Mutigen gehört. Wieder zurück beschloss sie, selbst mutig zu sein und gründete den ersten queer-feministischen Sexshop der Schweiz. Seither beglückt sie Menschen mit Sex Toys und macht lustige Internetvideos zu Analsex, Gleitmittel und Masturbation. Jessica liebt genderneutrale Sex Toys, Sonne auf nackter Haut und die Verbindung von Politik und Sexualität. Sie ist queer und glaubt, dass Liebe grösser wird, wenn man sie teilt. Mit ihrem Partner und ihrem Kind lebt sie in Zürich.

Bild: Elio Donauer

Kolumnen-Serie
Sie glauben, dass diese Welt ein anderer Ort wäre, würde jede:r von uns etwas kritischer mitdenken. Schubladen? Nein Danke. Sie fordern mehr Daseinsberechtigung von ambivalenten Zuständen. Ein bisschen mehr fragen und weniger annehmen. Und neue Kästchen zum ankreuzen auf den Online-Formularen dieser Stadt, in der sie alle leben und lieben. Unsere drei neuen Kolumnistinnen Jessica Sigerist, Gründerin des Sexshops untamed.love, Andrea Pramor und Alex Büchi vom Zentrum für kritisches Denken sowie die Filmschaffende Sophie Blöchlinger werden an dieser Stelle jeden Samstag (mit Ausnahme des Letzten des Monats) ihre ganz persönlichen Geschichten mit dir teilen.

1. Wie soll ich's den Kindern sagen?
2. Zwei gescheiterte Romantikerinnen rechnen ab
3. «Es gibt mich sehr wohl»
4. Meine monogame Freundin
5. Niemand ist Single
6. «Vielleicht braucht es mehr Hinsehen, bevor man schade sagt»
7. «Wie ist das denn so mit dir und den Männern?»
8. Ich bin bi
9. Alternative Beziehungsformen: «Langfristig funktioniert das nicht»
10. Die Sache mit den Erwartungen
11. Schwanger im Lockdown

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