Bild: Olliss/Unsplash

Viele Zürcherinnen wollen plötzlich ins Geburtshaus – weshalb das nicht geht

Werden infizierte Mütter nach der Geburt für zwei Wochen von ihrem Baby getrennt? Für wen sind die Türen des Geburtshauses Delphys geschlossen? Wie fühlt sich eine Schwangere, deren Geburtstermin immer näher rückt und wie ist es, wenn der Mann gleich danach wieder nach Hause muss? Gebären in Zeiten von Corona – ein Thema, das bei vielen Zürcher*innen derzeit grosse Verunsicherung auslöst. Wir haben mit dem Uni- und Triemlispital, dem Geburtshaus Delphys, einer erfahrenen Hebamme sowie betroffenen Müttern gesprochen.
01. April 2020
Redaktorin

«Nach der Geburt unseres Sohnes musste sich mein Mann verabschieden und ich wurde im Spitalbett vom Gebärsaal hinauf ins leere Zimmer geschoben. Dort wurde mir kurz erklärt, wo der Knopf ist auf den ich drücken soll, wenn was ist und dann verschwand die Krankenschwester auch schon wieder. Da lag ich nun, mein kleines Baby auf der Brust – und fühlte mich ein wenig verloren. Auch für meinen Mann war es nicht einfach, alleine in unserer frisch bezogenen Wohnung darauf zu warten, bis wir nach Hause kommen. Als ich einen Tag früher als geplant aus dem Spital ausgetreten bin, wartete er draussen in der Kälte mit leerem Maxi-Cosi in der Hand auf mich und den Kleinen», erzählt die 31-jährige Hannah*, die vergangene Woche in einem Spital in der Region Zürich ihr erstes Kind auf die Welt gebracht hat. So wie Hannah ergeht es derzeit wohl einigen Frauen seit dem Anpassen der aktuellen Corona-Bestimmungen, die beinhalten, dass Väter nach der Geburt das Spital oder das Geburtshaus wieder verlassen müssen.

Die Corona-Krise scheint aber nicht nur Geburt und Wochenbett durcheinander zu wirbeln, sondern auch die Zeit davor. Viele Zürcher*innen sind verunsichert und haben unzählige Fragen. Die wichtigsten versuchen wir hier zu beantworten.

2 Meter Abstand vom Kind, 14 Tage Trennung – was passiert, wenn ich vor oder kurz nach der Geburt positiv auf das Coronavirus getestet werde?

Stephanie von Orelli, Chefärztin der Frauenklinik am Stadtspital Triemli hat vor zwei Wochen im «Tages-Anzeiger» Bezug auf die in China praktizierten Massnahme, positiv getestete Mütter für zwei Wochen vom Kind zu trennen sowie auf die Empfehlungen der Schweizer Gesellschaft für Gynäkologie, infizierte Mütter und deren Kinder auf zwei Meter Distanz zu halten, Stellung genommen: «Grundsätzlich wäre es optimal, wenn das Kind gestillt würde. Dann lassen sich die zwei Meter Abstand nicht einhalten. (....) Die Mutter muss wissen, dass es ein Ansteckungsrisiko gibt, wenn das Baby nicht von ihr getrennt wird und sie es stillt. Wenn sie das will, muss sie eine Maske tragen beim Stillen, und danach wird das Kind wieder möglichst auf zwei Meter Abstand zu einer Vertrauensperson gebracht. Es gibt Fälle, da wählen die Frauen den absolut sichersten Weg. Das Baby wird dann für 14 Tage von der Mutter getrennt. In diesem Fall kommt das Kind auf die Neonatologie, und die Mutter kann es wenigstens per Video sehen.»

Amanda*, die mit ihrem Freund im Kreis 8 lebt und in wenigen Wochen ihr erstes Kind auf die Welt bringt, hat diese Aussage sehr verunsichert. Tsüri.ch erzählt sie: «Jede werdende Mutter sehnt sich wohl nach all den Monaten auf den Moment, ihr Neugeborenes endlich in den Armen halten zu können. Die Vorstellung, dass dann jemand empfiehlt, es wäre besser, auf zwei Meter Abstand zu gehen, ist deshalb umso schwerer. Die Angst, sich zu infizieren, ist riesig. Ob es in diesem Fall besser ist, mein Baby für eine Weile auf Distanz zu halten oder nicht stillen zu sollen, ist für mich fraglich. Nicht ohne Grund hört man immer wieder von diesem wichtigen ersten Bonding. Aber nicht auf die Empfehlung der Expert*innen zu hören, würde ich mich dann wohl auch nicht trauen.»

Eine Covid-19 positive, schwangere Patientin war bei uns auf der Isolierstation hospitalisiert.
Dr. med. Natalia Conde, Leitende Ärztin der Frauenklinik des Triemli-Spitals

Wie die Frauenklinik des Triemli-Spitals auf Anfrage von Tsüri.ch verlauten lässt, könne niemand zu den oben erwähnten Massnahmen gezwungen werden. «Im Falle einer Infektion bei der Mutter besprechen wir zusammen mit den Eltern, ob eine Isolation des Babys von der Mutter gewünscht wird. Bislang gibt es wenig Daten einer Übertragung von Covid-19 auf die Babys, man geht aber davon aus, dass dies während der Schwangerschaft nicht geschieht», so die Leitende Ärztin Dr. med. Natalia Conde.

Zwar könne es durch den engen Kontakt mit der Mutter nach der Geburt zu einer Übertragung kommen. In solchen Situationen werde dies mit der Mutter besprochen und die Nutzen und Risiken abgewogen. Conde: «Sollte die Frau keine Trennung wünschen, so gelten besondere Sicherheitsmassnahmen wie Händewaschen vor dem Stillen und das Tragen einer Maske. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass eine Trennung von Mutter und Kind nicht ohne Einwilligung der Eltern vorgenommen wird.»

Bislang hatte das Triemli-Spital noch keine COVID-19 positive Frauen unter Geburt oder auf dem Wochenbett. Conde: «Eine Covid-19 positive, schwangere Patientin war bei uns auf der Isolierstation hospitalisiert. Sie ist inzwischen wieder gesund und nach Hause entlassen worden.»

Ähnlich tönt es vonseiten des Universitäts-Spitals: «Im Falle einer Infektion werden die Kinderärzt*in sowie die zuständigen Personen der Neonatologie mit den Eltern das Gespräch und gemeinsam nach einer Lösung suchen, die für alle stimmt. Wenn es Mutter und Kind gut geht, muss man sie wahrscheinlich nicht trennen», erklärt Hebamme Rahel Wälte. Bislang habe man noch keine infizierte Schwangere/Gebärende betreuen müssen. Einige Frauen würde aber nur schon die Situation, sich nach der Geburt vom Partner verabschieden zu müssen, zu schaffen machen: «Es gibt Mütter, die sind sehr traurig und weinen oft, weil sie sich den Start für die Familie nicht so vorgestellt haben, gleichzeitig zeigen die meisten von ihnen aber auch Verständnis.»

Wir waren schon vor dem Ausbruch des Coronavirus bis zum Sommer komplett ausgebucht.
Delphys-Hebamme Helen Ruppert

Ich werde in den nächsten Tagen gebären und fürchte mich davor, im Spital angesteckt zu werden. Kann ich mich nun spontan im Geburtshaus anmelden?

In Zürich zumindest nicht mehr. Das Geburtshaus Delphys an der Kalkbreite ist voll – und zwar bis Ende Juli. «Wir waren schon vor dem Ausbruch des Coronavirus bis zum Sommer komplett ausgebucht», so Hebamme Helen Ruppert.

Man erhalte im Moment jedoch trotzdem zahlreiche Anfragen hochschwangerer Frauen, die sich kurzfristig umentschieden haben und nicht mehr wie geplant im Spital, sondern im Delphys gebären möchten. «Vielleicht aus Angst vor einer Ansteckung im Spital, vielleicht aber auch aus anderen Gründen», so Ruppert. Klar sei jedenfalls: All diese Frauen würden ohne Ausnahme abgewiesen. «Auch bei freien Plätzen wäre eine professionelle Anamnese und Begleitung einer Patientin, die überspitzt gesagt bereits vier Tage über dem errechneten Geburtstermin nun doch noch ins Geburtshaus wechseln will, schlicht nicht mehr möglich», erklärt die Hebamme. Dafür brauche es einige Tage, im Optimalfall mehrere Wochen.

Frauen, die positiv auf das Coronavirus getestet wurden oder Symptome aufweisen, werden im Delphys übrigens nicht mehr aufgenommen, auch wenn sie sich schon vor Monaten angemeldet haben. Sollte eine Frau nach der Geburt erst zu Hause Symptome entwickeln, würde man sie natürlich weiter begleiten. Ruppert: «Dafür sind wir gut ausgerüstet und vorbereitet.»

Kann das Coronavirus Neugeborenen gefährlich werden?

Bislang geht man davon aus, dass das Virus im Mutterleib nicht auf den Fötus übertragen wird. Weder im Fruchtwasser noch in der Plazenta konnte bisher der Virus nachgewiesen werden. Laut der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe gibt es bisher auch keine Hinweise, dass das Kind vor der Geburt durch eine COVID-19 Infektion geschädigt werden könnte, wenn die Frau im 3. Trimester der Schwangerschaft infiziert wurde. Bislang gibt es keine Daten zu Erkrankungen von Schwangeren im 1. oder 2. Trimester der Schwangerschaft. Im gemeinsamen Bericht von China und der Weltgesundheitsorganisation WHO zum Coronavirus-Ausbruch heisst es ebenfalls, die Krankheit sei bei Kindern relativ selten und verlaufe mild.

Es ist eine schwierige Situation für alle. Für die Spitäler, die Gebärenden und alle anderen Involvierten.
Cornelia Iglesias, Hebamme und Präsidentin des Vereins Familystart Zürich

Gebären Zürcherinnen jetzt vermehrt ambulant und hat es genügend Hebammen für die anschliessende Betreuung Zuhause?

Laut Iglesias werden derzeit tatsächlich mehr ambulante Geburten verzeichnet. Grund sei in den meisten Fällen der Partner, der die Familie so von Anfang an begleiten kann. Die erfahrenen Hebamme stellt klar, dass im Kanton Zürich derzeit noch genügend Hebammen verfügbar seien, auch wenn die Betreuung einer Frau, die ambulant geboren hat, aufwendiger sei. Sie hält fest: «Es ist eine schwierige Situation für alle. Für die Spitäler, die Gebärenden und alle anderen Involvierten.» Sie plädiert deshalb auf gegenseitiges Verständnis und rät den Frauen, Mut zu haben, die eigenen Bedürfnisse, vor allem wenn man nach der Geburt ohne Partner im Spital weilt, mitzuteilen.

Bis es für Amanda soweit ist, haben sie und ihr Freund nur ein Ziel: Gesund zu bleiben: «Wir bleiben zu Hause, machen unsere täglichen Spaziergänge und gehen kurz, unter Einhaltung der empfohlenen Verhaltensregeln, einkaufen. Wir haben unsere Routine gefunden und können so die Ruhe vor dem Sturm in Zweisamkeit noch ein wenig geniessen. Die Neuigkeiten zu Corona überschlagen sich zurzeit. Mir gibt es aber Zuversicht, den Verlauf ein wenig beeinflussen zu können, in dem wir uns an alle Empfehlungen halten. Und am meisten Kraft gibt mir unsere Kleine, die wir hoffentlich bald in unseren Armen halten und uns in Ruhe zu Hause kennenlernen dürfen.»

*Namen von der Redaktion geändert

Kommentare

Nöd Jetzt!