Schlecht gebrüllt, Löwe

Stille Langstrasse?
27. Januar 2016


Als Folge eines runden Tisches mit Vertretern des Nachtlebens will das Zürcher Polizeidepartement beim Treiben rund um die Langstrasse genauer hinschauen und geht damit auf Reklamationen der Anwohner ein. Das könnte einen Rückfall in zwinglianische Zeiten bedeuten. Ein Kommentar.

«Du verschrecksch doch scho, ghörsch ‚Klick-Klick‘ – dänksch: Pistole und so! Du wirsch ganz nervös und rännsch devo. Debii knippst nur en Touri, aso tue nöd eso!», rappen Radio 200000. Tatsächlich ist die Langstrasse schon seit Jahrzehnten kein gefährliches Pflaster mehr – wenn es überhaupt mal eines war. Dennoch bleibt die Gegend zwischen Badenerstrasse und Limmatplatz der feuchte Traum all jener, die im propren Zürich und in der sicheren Schweiz sowohl Sündenpfuhl als auch Abenteuer suchen und ihn an der Piazza Cella glauben gefunden zu haben. Abgesehen vom recht gesuchten gefährlichen Ambiente findet man hier die grösste Dichte an hippen Bars und Clubs. Das gibt es zwischen Frankfurt und Mailand sonst nirgends; auch junge, urbane Familien wollen ins Vieri und Foifi, wo das Leben pulsiert. Es ist die alte Doppelmoral: Wer etwas auf sich hält, zieht in die Quartiere, in denen Zürich noch so etwas wie das Gefühl von Grossstadt versprüht. Aber leise muss es sein. Und sauber.

Mit der Aufwertung der Langstrasse kam eine zahlungsfreudigere Klientel in den Chreis Cheib, die gewisse Ansprüche hat. Und mit der wollen es sich die Stadtobersten nur ungern verscherzen. Am Dienstag berichtete der Tages-Anzeiger über die Neu-Ausrichtung des Projekts Nachtleben, das bereits vor rund zwei Jahren ins Leben gerufen wurde. Das Ziel von Polizeivorsteher Richard Wolff (AL) ist, den «Brennpunkt» Langstrasse zu entschärfen. Beschwerden über Lärm, Abfall und Gewalt will das Departement nun mit einem konkreten Massnahmenkatalog entgegentreten. Die Langstrasse droht, steril zu werden.




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Wo sind die Zeiten geblieben, in der verärgerte Anwohner aus dem Fenster geschrien haben? Stattdessen brüllt der amtliche Züri-Leu das Nachtleben zurück zu Zwingli, mindestens aber in die 1980er- und 90er-Jahre, in denen um 23 oder 24 Uhr Schluss mit lustig war. Besonders befremdlich: Das sogenannte «Wirtetelefon», mittels welchem aufgebrachte, ihres Schlafs beraubte Anwohner, direkt bei den Club- und Barbetreibern meckern können. Das passt ins Bild des möchtegern-liberalen Zürich: lieber erst einmal die Anderen machen lassen und sich ja nicht als Wutbürger outen wollen, der selbst das Heft in die Hand nimmt.

Die Zeit, in der die grossen Gastro-Mogule sich den Kreis 4 und 5 zu eigen machen wollen und alt eingesessene Bars, als «Problembetriebe» tituliert, dem Erdboden gleich gemacht werden, gehen mit dem polizeilichen Massnahmenkatalog einher  – eine «wilde» Langstrasse, so harmlos sie dann eben doch eigentlich ist, passt eben nicht ins Bild der Szene- und Bankenstadt Zürich.




Titelbild: Instagram/romanlance

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