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Politischer Streit um Zukunft des Schlachthofs

Ab 2030 wird auf dem Schlachthofareal nicht mehr geschlachtet. Darüber, was stattdessen auf diesem grossen Areal mitten in der Stadt entstehen soll, diskutieren die Gemeinderäte Marcel Tobler (SP) und Flurin Capaul (FDP) im Gespräch mit Roxane Steiger.

Heute Schlachthof, morgen Büros? Die Pläne der Stadt über das Areal zwischen Aussersihl und Altstetten stehen in der Kritik. (Foto: Michael Schallschmidt)

Dieser Text ist bereits auf unserem Partnerportal P.S. erschienen. P.S. gehört wie Tsüri.ch zu den verlagsunabhängigen Medien der Schweiz.

Das Schlachthofareal wird seit mehr als hundert Jahren von der Fleischwirtschaft genutzt. Nun hat der Stadtrat im Rahmen einer Nutzungsstrategie beschlossen, dass die Mietverträge der drei Hauptnutzer nicht verlängert werden. Auf dem Schlachthofareal wird ab den 2030er-Jahren also nicht mehr geschlachtet. Wie bewerten Sie diesen Entscheid?

Flurin Capaul: Ich war schockiert und überrascht. Der Stadtrat schlachtet hiermit ein Teil des traditionellen Gewerbes der Stadt Zürich und gefährdet hunderte von Arbeitsplätzen. In einer roten Stadt wie Zürich ist ein solcher Entscheid für mich unverständlich. Nicht nur aus Sicht der Gewerbe- und Indus­triepolitik, sondern auch aus Sicht der Fleischwirtschaft, die man aus der Stadt verbannen möchte. Das hat einen starken ideologischen Beigeschmack. 

Marcel Tobler: Ich freue mich über diesen Entscheid des Stadtrates. Er ermöglicht künftig eine andere Nutzung dieses Areals, was nötig ist. Die beiden Quartiere Hard und Altstetten wachsen immer mehr zusammen. Das Gebiet um den Letzigrund hat eine Zen­trumsfunktion. Deshalb soll das Schlachthofareal für die Bevölkerung geöffnet werden. Es sollen zudem neue Nutzungen entstehen können. Für uns ist klar: Das Areal ist ein Arbeitsplatzgebiet und wird auch eines bleiben. Ich gehe davon aus, dass sogar mehr Arbeitsplätze entstehen können, als heute der Fall ist. Der Schlachtbetrieb vereinnahmt das ganze Areal und ermöglicht keine andere Entwicklung. Dass wir mit diesem Entscheid die Fleischproduktion aus der Stadt verbannen wollen, ist erfunden. Es hat keinen Einfluss auf den Fleischkonsum, ob in der Stadt Zürich Tiere geschlachtet werden oder nicht. 

F.C.: Hier werden reine Planspiele veranstaltet. Der Stadtrat hat vier Varianten präsentiert. Auf die sehr konkrete Frage, welche dieser Varianten zum Zug kommt, heisst es, dass man sich gegen die Variante mit dem Schlachthof entschieden hat. Welche der anderen drei Varianten es sein wird, ist noch offen. Was es braucht, sind Unternehmer:innen, die mit einer Geschäftsidee und einem erfolgreichen Business-Modell Gewerbe, Industrie und Forschung betreiben. Nur so können Arbeitsplätze entstehen und gesichert werden. Mehr Arbeitsplätze entstehen nicht, weil der Stadtrat sagt, dass es nun mehr Arbeitsplätze gibt. 

M.T.: Wir sind uns einig, dass auf diesem Areal künftig Unternehmer:innen arbeiten und Arbeitsplätze schaffen sollen. Es geht darum, dass wir derzeit auf dem Areal eine monothematische Nutzung haben, die das Areal beherrscht. Es ist doch auch in eurem Sinn, wenn das Areal für weitere Unternehmer:innen nutzbar sein soll. Es ist nicht ausgenommen, dass dort weiterhin Essen, zum Beispiel in einer Metzgerei, produziert wird. Neben dem Gewerbe und den Arbeitsplätzen ist aber auch der Anspruch, Freiraum zu schaffen, stark geäussert worden. Zudem fehlt es in dieser Gegend an Schulhäusern, insbesondere für die Sekundarstufe.

F.C.: Du beziehst dich auf die Metzgerei, die bereits auf dem Areal ist. Die Aussage des Stadtrates ist klar: Die Verträge laufen bis 2029 und werden nicht verlängert. Es gibt kein rechtlich bindendes Mittel, das den heutigen Betrieben Sicherheit geben würde. Zudem nimmt der Schlachthof etwa ein Drittel des Areals in Anspruch. Der Rest besteht aus dem grossen denkmalgeschützten Gebäude mit der Metzgerei und einem weiteren Lebensmittelbetrieb. Das Schulhaus ist allerdings absolut unbestritten. 

Flurin Capaul von der FDP (ausnahmsweise links) und Marcel Tobler von der SP. (Bild: PS Zeitung)

Die Stadt führt seit einigen Jahren sogenannte Echoräume mit Anwohner:innen, verschiedenen Akteur:innen und Interessierten durch. Viele befürworten eine Nutzung des Areals ohne Schlachthof. Wie haben Sie dieses Verfahren wahrgenommen? 

M.T.: Der Prozess war zielführend aufgegleist. Es ist fair, wenn man sieben Jahre vor dem Auslaufen der Verträge weiss, ob man an diesem Standort weitermachen kann oder nicht. Es gibt etliche Mieter:innen in dieser Stadt, die sehr viel kurzfristiger erfahren, dass sie aufgrund einer Haussanierung ausziehen müssen. Dass es noch keinen Planungshorizont gibt, liegt in der Natur der Sache. Der konkrete Planungsprozess fängt jetzt an.  

F.C.: Ich war bei einer Echoraum-Veranstaltung dabei. In diesem Raum sassen fast keine Menschen, die Verantwortung tragen. Also die, die schauen, dass ein Betrieb funktioniert, Arbeitsplätze geschaffen werden oder ein Angebot existiert, das wirtschaftlich tragbar ist. Oftmals wurde die Forderung nach Kunstateliers geäussert, von denen es in der Stadt Zürich mehr als genug gibt. Zudem waren viele Verwaltungsangestellte anwesend, die ihr Geld sowieso erhalten, ob das ein Erfolg wird oder nicht. Es macht den Eindruck einer Alibiübung. Das Resultat wurde schon im Voraus antizipiert und durch öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen legitimiert. 

M.T.: Ich habe es anders empfunden. Auch wir hatten teilweise den Eindruck, dass zum Teil schon eine gewisse Vorstellung vorhanden war. Wir hatten den Eindruck, dass man den Schlachtbetrieb behalten möchte. Es wurde eine Studie über die Fleischwirtschaft durchgeführt, was nicht unbedingt die Aufgabe einer Stadtverwaltung ist. Der Unterton der Studie schien uns, ein Arbeitsplatzgebiet mit dem Schlachtbetrieb zu erhalten. Darum hat mich gefreut, dass der Stadtrat nun doch den Weg für eine neue Entwicklung frei machen will. Klar ist, dass man eine derart grosse Planung nicht im stillen Kämmerlein aufgleisen kann. Es braucht eine Form von Mitwirkung. Diese Gelegenheit hatten wir. Die Inputs der Teilnehmenden wurden aufgenommen und sind in die Planung eingeflossen, so scheint es. 

«Ein Grossteil der Produktion wird heute an andere Orte ausserhalb der Stadt transportiert.»

Marcel Tobler (SP)

Die FDP argumentiert mit der Regionalität und der Versorgungssicherheit. Rund drei Viertel des Schlachtguts aus dem Areal werden aber an nicht-regionale Betriebe geliefert. Auch die Versorgungssicherheit sollte gegeben sein. Die Verteilung des Schlachtvolumens sei auf andere Grossbetriebe möglich, mit Ausnahme von Schafen. Wovor haben Sie Angst?

F.C.: In der Studie der Stadt war klar, dass die Schafskapazitäten nicht einfach auf andere Schlachtbetriebe verteilt werden können. Auch wenn ein Grossteil des Fleischs ausserhalb der Stadt konsumiert wird, ist der Fleischkonsum in der Stadt weiterhin hoch. Bei eigenen Label wie «Made in Zürich» setzt man auf Regionalität. Natürlich kann man bei der Regionalität immer diskutieren, ab wie vielen Kilometern es nicht mehr regional ist. Bei «Made in Zürich» geht es um eine offizielle Herkunftsbezeichnung. Das ist eine Initiative, die die Stadt mitträgt. Hier ist die Regionalität klar definiert und eng geregelt. 

M.T.: Das Label «regional» beschränkt sich nicht nur auf das Stadtgebiet. Ich bin einverstanden: Wo es eine Nachfrage gibt, wird es auch ein Angebot geben. Ob das jetzt aus der Stadt Zürich kommt oder ein paar Kilometer weiter weg, sehe ich nicht so eng. Wie gesagt: Ein Grossteil der Produktion wird heute an andere Orte ausserhalb der Stadt transportiert.

Wie Sie sagen: Viele Zürcher:innen essen weiterhin Fleisch. Der Schlachtbetrieb scheint in der Stadt zu stören, es ist laut und der Geruch ist penetrant. Ist es nicht scheinheilig, die Tiere nun ausserhalb der Stadt schlachten zu lassen? 

M.T.: Das sehe ich nicht so. Wir haben mit den Grünen eine Motion eingereicht, die eine Mischnutzung vorsieht. Lärmemissionen sollen möglich sein und sind angesichts der Grösse des Areals vertretbar. Die Geruchsemissionen sind heute auf einem sehr tiefen Niveau. 

F.C.: Natürlich ist es scheinheilig. Schliesslich will man die Fleischindustrie nicht mehr dort haben und versucht diese nun galant in die Agglomeration abzuschieben. 

M.T.: Das stimmt nicht. Es geht nicht um die Tatsache, dass dort Tiere geschlachtet werden. Die Nutzung des Areals steht aber einer künftigen Entwicklung im Weg. 

F.C.: Dann hättet ihr euch aber um eine Lösung in der Stadt gekümmert. 

M.T.: Die Stadt hat probiert, einen Ersatzstandort auf städtischem Grund zu suchen. Das hat offenbar nicht geklappt. 

F.C.: Ich habe das mit dem Verwaltungsratspräsidenten besprochen. Es handelte sich um einen Standort ausserhalb der Stadt, der für einen solchen Betrieb nicht geeignet sei. Die beste Option wäre gewesen, den Schlachthof auf diesem Areal zu belassen. Wenn schlachten in der Stadt keinen Sinn mehr ergibt, da es sich wirtschaftlich nicht lohnt, oder niemand mehr Fleisch isst, dann verschwindet er automatisch. So entstehen neue Möglichkeiten, ohne krampfhafte Planspiele der Stadt. 

M.T.: Früher gab es im Stadtzentrum Schlachtbetriebe, die dann an den Stadtrand gewandert sind. Der Stadtrand war dazumal am Ende des Kreises 4. Nun ist die Stadt aber gewachsen. Nun passiert derselbe Prozess wie vor 100 Jahren. 

«Essen ist einer der wichtigsten Beiträge an unsere Alltagskultur.»

Flurin Capaul (FDP)

Die meisten Gebäude dienen der Fleischgewinnung und stehen unter Denkmalschutz. Wie sinnvoll kann man diese Gebäude neu nutzen?

F.C.: Die schönen Ziegelbacksteingebäude sind denkmalgeschützt und müssen erhalten bleiben. Mit den moderneren, die zum Schlachthof gehören, kann man machen, was man möchte. Entscheidend ist die Nutzung des Areals. Hier wurden riesige Erwartungen geweckt. Für uns ist klar, dass es bei einem Areal für Produktion, Gewerbe und Forschung im Bereich der Lebensmittel bleiben soll. Darin hat Zürich eine grosse Tradition. ‹Planted› könnte zum Beispiel zum absoluten Weltmarktführer beim Poulet­ersatz werden. Solche Unternehmungen brauchen wir in der Stadt Zürich weiterhin. Darum setzen wir uns für Food-Cluster auf dem Areal ein. 

M.T.: Da bin ich nicht dagegen. Zürich zeichnet sich als innovativer Standort aus. Deshalb verstehe ich nicht, weshalb die FDP sich dagegen wehrt, dass man das Areal auch entsprechend nutzen kann.  

F.C.: Wir sind uns in der Vision einig, aber nicht über den Weg dorthin. Der Weg über Verwaltungsangestellte, die Planspiele veranstalten, ist falsch. Es muss ein unternehmerischer Weg sein. Nur dann haben die Unternehmen eine Lebenschance, weil sie nur dann etwas produzieren, das nachgefragt wird. Gerade auch das Thema Kunst: Die Stadt Zürich macht sehr viel für Künstler:innen. Es gibt Stipendien, Ateliers oder subventionierte Möglichkeiten, um sich künstlerisch auszutoben. Weshalb Gewerbe für Kunstbetriebe verdrängt werden sollen, verstehe ich nicht. Essen ist einer der wichtigsten Beiträge an unsere Alltagskultur. 

Das Areal soll für die Stadtbevölkerung geöffnet werden. Wie soll das Areal Ihrer Meinung nach genutzt werden?

F.C.: Beim Thema Grünraum bin ich schon ein wenig überrascht. Der Hardauspielplatz, der Hardaupark oder das Freibad Letzigraben sind in unmittelbarer Nähe. Es hat relativ viel Grünraum oder Spielplätze, um sich auszutoben. Wer in New York wohnt, ist sich gewohnt, die U-Bahn zu nehmen, um in den Central Park zu gehen. Weshalb es zusätzlichen Frei- und Grünraum braucht, ist mir unklar. Allerdings fordern dies Vorgaben des Richtplans, also wird man es so umsetzen müssen.  

M.T.: Das ganze Gebiet ist sehr dicht bebaut. Der Vergleich mit New York hinkt allerdings massiv. Auch beim Letzigrund wurde versprochen, dass er offen und zugänglich sein werde – davon sind wir weit weg. Der Anspruch ist, eine Verbindung zu schaffen zwischen dem Hard-Quartier und Altstetten. Auf den Hitzekarten sind wir zudem immer oben mit dabei. Im Sommer heizt es nämlich stark auf. Deshalb braucht es dringend mehr Grün- und Freiräume.