Bild: Laura Kaufmann

Sans-Papiers-Kolumne: Frau, Migrantin und ohne Papiere

Geschätzt leben 10’000 Menschen ohne Papiere in Zürich, sogenannte Sans-Papiers. Sie leben hier, sie arbeiten hier, aber sie haben (fast) keine Rechte und keine Stimme. Licett Valverde, die als Sans-Papier in die Schweiz kam, schreibt einmal im Monat auf Tsüri.ch über ihre Erlebnisse.
29. Februar 2020

Ich wuchs in einer Gesellschaft auf, in welcher der Kampf für die Gleichstellung zwischen Männer und Frauen konstant ist. Frauen müssen in allen Bereichen ihres Lebens gegen den «Machismo» kämpfen. Ich war Teil einer feministischen Gruppe und wählte meine Freund*innen nach meinen Ideologien aus.

Ich entschied mich, Bolivien zu verlassen und dachte damals, dass sei die Gelegenheit an einen Ort zu gehen, wo Frauen respektiert werden. Die Gleichstellung zwischen Mann und Frau soll kein Diskussionsthema mehr sein.

Als ich in der Schweiz ankam, hatte sich meine Situation als Frau in gewisser Weise verbessert. Zum Beispiel konnte ich in Ruhe der Strasse entlang gehen, ohne Obszönitäten von Männern zu hören, welche meinen Weg kreuzten.

Ich musste mich jedoch mit vielen Vorurteilen und Stereotypen auseinandersetzen und erlebte diskriminierende Situationen als Frau. Mir wurde bewusst, dass die Frauen auch hier in der Schweiz kämpfen müssen. Es ist schon kompliziert genug, Frau zu sein. Aber Frau, Migrantin, Sans-Papier und jung – da nehmen die Schwierigkeiten noch mehr zu.

Im Jahr 2001 traf man in Zürich nicht sehr viele Spanisch sprechende Menschen an. Ich zögerte also nicht, einen Annäherungsversuch zu starten, sobald ich jemanden hörte, der*die zufällig meine Sprache sprach.

Als lateinamerikanische Frau hast du zwei Jobchancen: Sexarbeiterin oder Putzfrau.
Passantin zu Licett Valverde

Ein paar Wochen nach meiner Ankunft traf ich im Zug auf eine junge Frau, welche Spanisch redete. Wir kamen sofort ins Gespräch und ich sagte ihr, dass ich erst kürzlich in die Schweiz kam und nun auf der Suche nach einem Job sei. Sie beobachtete mich genau und sagte mir, dass lateinamerikanische Frauen nur zwei Chancen hätten, um in diesem Land ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Als Sexarbeiterin oder als Putzfrau. Wenn ich viel Geld verdienen wollte, so wähle ich besser die erste Option, fügte sie noch an.

Ich betrachtete mich als eine offene und fürsorgliche Person, die sehr leicht neue Freund*innen finden konnte. Ich war froh, an einem Ort mit einem solchen kulturellen Reichtum zu sein. Dadurch hatte ich die Gelegenheit, Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt kennen zu lernen. Ich hielt meine Freundlichkeit und meine Offenheit für gute persönliche Eigenschaften, aber nach und nach wurden mir genau diese Eigenschaften zum Verhängnis. Es entstanden Missverständnisse. Meine Vorstellung war es, einen Ort der Harmonie und des Friedens zu finden. Die Realität entsprach aber nicht jener Vorstellung.

Die erste schlechte Erfahrung macht ich im Dorf, in welchem ich damals wohnte. Am Bahnhof gab es einen Kebab-Imbiss, welchen ich hin und wieder besuchte. Einer der Mitarbeiter, ein türkischer Junge, lächelte mich an und ich lächelte jedes Mal zurück. Ich sprach noch kein Deutsch, also konnten wir uns nicht unterhalten. Ich fand es lustig, wenn wir manchmal zu kommunizieren versuchten und wir uns aber nicht verstehen konnten.

Eines Nachts, als ich auf dem Weg nach Hause war, traf ich ihn zufällig in einer dunklen Strasse. Ich freute mich, ihn zu sehen und grüsste freundlich. Er hingegen versuchte mich zu küssen. Ich stiess ihn weg und bekam Angst. Ich versuchte mich zu beruhigen und ging weiter, er folgte mir aber und holte mich wieder ein. Erneut versuchte er mich zu umarmen und zu küssen. Wieder stiess ich ihn von mir und rannte nach Hause. Als Sans-Papier konnte ich keine Anzeige erstatten, das erfüllte mich mit Hilflosigkeit und Wut.

Züri City Card
Diese Kolumne ist eine Kooperation zwischen der Züri City Card und dem Stadtmagazin Tsüri.ch. Die Züri City Card will einen städtischen Ausweis für alle lancieren, damit auch Sans-Papier an der Stadt teilhaben, sich vor Ausbeutung schützen und ärztlich behandeln lassen können. Du kannst das Projekt hier unterstützen.

Kurz darauf hatte ich eine ähnliche Begegnung mit meinem Nachbar. Er war ein älterer Italiener und wenn wir uns im Treppenhaus über den Weg liefen, so unterhielten wir uns eine Weile. Ich unterhielt mich schon immer gerne mit älteren Menschen, ihre Lebenserfahrung finde ich wahnsinnig interessant. Ich war immer nett zu ihm und er legte mir hin und wieder Gemüse aus seinem Garten oder Schokolade vor meine Tür. Ich mochte ihn und fand diese Gesten sehr nett und zärtlich. Bis er eines Nachts betrunken an meiner Türe klopfte. Er redete Unsinn und versuchte mich zu küssen. So gut ich konnte, verteidigte ich mich erneut. Danach sprach ich nicht mehr mit ihm, bis ich diesen Ort verliess.

Das Schlimmste ist die Ohnmacht, die Ohnmacht nicht anzeigen zu können.

Und so häuften sich diese Situationen, in denen ich mich belästigt fühlte. Der Besitzer einer Wohnung, in welcher ich wohnte, machte Hinweise auf seine erotischen Massagen. Oder ein anderes Mal schlug mich eine Frau auf der Strasse. Der Grund? Sie war eifersüchtig, weil ich ihren Freund anrief. Ihr Freund war mein damaliger Chef und schuldete mir Geld für einen Reinigungsjob. Ich war empört und gedemütigt. Das Paradoxeste an der ganzen Situation war, dass ich in diesem Moment nur versucht habe, die Frau zu beruhigen, sodass sie keinen Skandal auf der Strasse machte, welcher die Aufmerksamkeit der Passanten auf uns gezogen hätte. Und vor allem durfte die Polizei nicht alarmiert werden. Ich hatte ja keine Aufenthaltsbewilligung.

In all diesen Situationen war das Schlimmste die Ohnmacht, die Ohnmacht, nicht anzeigen zu können. Nur meinen Freundinnen konnte ich mich anvertrauen. Ich kam damals zum Schluss, dass möglicherweise mein offener Charakter die Männer provoziere. So begann ich eine härtere Hülle zu bilden. Es gab Zeiten, in denen ich meinen Körper und mich, so wie ich war, hasste.

Diese Erfahrungen habe ich selber erlebt, aber um mich herum gab es auch andere Frauen, welche ähnliche Dinge durchgemacht haben. Heute noch erleben sie Situationen der Belästigung, des physischen und psychischen Missbrauchs – sei es durch Mitmenschen oder ihrer Arbeitgeber*innen. Sie denken nicht einmal über die Möglichkeit der Anzeige nach, weil die Angst ausgeschafft zu werden, grösser ist.

Der Frauentag am 8. März rückt näher. Ich möchte darum bitten, dass wir während der Demonstrationen an diesem Tag, unsere Stimme auch für diejenigen Frauen erheben, welche gerne teilnehmen würden, dies aber aus Angst nicht tun werden. Aus Angst identifiziert zu werden und aus Angst vor Konsequenzen.

Die Kolumnen auf Tsüri
Jeden Samstag erscheint mindestens eine neue Kolumne, manchmal sogar zwei. Damit wollen wir dir Einblicke in andere Leben geben, dich inspirieren, anregen und vielleicht auch mal aufregen. Unsere Kolumnist*innen diskutieren gerne mit dir in den Kommentaren. Seid lieb!

– Die Feminismus-Kolumne von Pascale Niederer & Laila Gutknecht Co-Gründerinnen von «das da unten».
– Die Collaboration-Booster-Kolumne von Nadja Schnetzler, Co-Gründerin von Generation Purpose.
– Die Papi-Kolumne von Antoine Schnegg, Co-Gründer seines Kindes.
– Die Sans-Papiers-Kolumne von Licett Valverde, frühere Sans-Papiers.
– Die Food-Kolumne von Cathrin Michael, Food-Bloggerin.
– Die Veganismus-Kolumne von Laura Lombardini, Geschäftsführerin der Veganen Gesellschaft Schweiz.

Alle Kolumnen findest du hier.

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