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So ist es, am Flughafen Zürich anzukommen. (Bild: dxme from Schweiz/Wikimedia/CC BY-SA 2.0)

Sans-Papier-Kolumne: Welcome to Switzerland

Geschätzt leben 10’000 Menschen ohne Papiere in Zürich, sogenannte Sans-Papiers. Sie leben hier, sie arbeiten hier, aber sie haben (fast) keine Rechte und keine Stimme. Licett Valverde, die als Sans-Papier in die Schweiz kam, schreibt einmal im Monat auf Tsüri.ch über ihre Erlebnisse.
30. September 2019

Vor ein paar Wochen bin ich mit meiner Familie aus den Ferien in Bolivien nach Zürich zurück geflogen. Die Passkontrolle verlief problemlos, wir alle zeigten den Schweizer Pass und fertig! Wir waren wieder Zuhause angekommen.

Während ich in der Schlange wartete, reiste ich mit meinen Gedanken 16 Jahre zurück.

Gleiche Situation, gleicher Standort, ich kam auch damals aus Bolivien. Das war im Oktober 2003.

Besonders war diesmal, dass ich zum ersten Mal «legal» in die Schweiz kam. Im Juni 2001 kam ich nämlich als «Sans Papiers» hier an. Für die EU wäre ein Touristen-Visum nicht nötig gewesen, aber für die Schweiz schon.

Ich hatte gute Bekannte in Zürich, die mich mit dem Auto aus Frankfurt abholten.

Mein erster Eindruck von diesem Land war wunderschön. Es war Sommer und es war heiss. Die Natur hat mich fasziniert. Ich konnte in jedem Fluss oder See baden!

Ich war 25 Jahre alt, ich hatte eine Ausbildung als Psychologin und auch ein paar Jahre Arbeitserfahrung in der Branche. Aber es war immer mein Traum, nach Europa zu kommen.

Ich wusste, dass ich eine andere Art von Arbeit machen musste, um meinen Lebensunterhalt in Zürich verdienen zu können; in der Reinigung oder als Babysitterin, für mich war alles in Ordnung.

Aber die Unannehmlichkeiten waren sehr schnell da. Zunächst konnte ich nicht mit den Einheimischen kommunizieren. Meine geringen Englischkenntnisse und meine Nullvorstellungen von Deutsch ermöglichten es mir nicht, mich mit den Menschen hier auszutauschen und mit ihnen über meine Beweggründe zu sprechen, warum ich in die Schweiz gekommen bin. Schnell wurde ich mit meiner neuen Realität konfrontiert: Ich war illegal da, ich durfte keine Wohnung mieten, konnte nur «schwarz» arbeiten.

Wenn jemand meinen illegalen Status ausnutzen wollte und sich entschloss, mich nicht für einen Job zu bezahlen, konnte er*sie das ungestraft tun. Ich konnte nirgendwo hingehen, um diese Person zu melden.

Plötzlich wurden Angst und Misstrauen Alltag für mich. Angst von der Polizei kontrolliert zu werden, oder von jemandem als «Sans-Papiers» gemeldet zu werden.

Zwei Jahre und zwei Monate sind vergangen, bis ich alle Voraussetzungen erfüllt hatte, um endlich eine Aufenthaltsbewilligung als Studentin zu bekommen. Endlich konnte mein Wunsch nach einem Schweizer Hochschulabschluss in Erfüllung gehen. Dank der Unterstützung von solidarischen und grosszügigen Menschen, einschliesslich demjenigen, der später mein Ehemann wurde.

Aber ganz ehrlich: zwei Jahre sind ein langer Weg für jemanden, die nicht «da sein» darf!

Ich ging nach Bolivien zurück, weil ich dort mein Student*innenenvisum beantragen musste. Alles lief gut und ich konnte diesmal direkt, ohne Umweg über Frankfurt, nach Zürich fliegen.

Am Passkontrollfenster betrachtete der Polizist sorgfältig meinen Ausweis und fragte mich dann sehr freundlich, warum ich in dieses Land einreisen wolle. Ich antwortete, dass ich an einer Universität studieren würde. Dann sah er mich mit einem breiten Lächeln an und sagte zu mir «Welcome to Switzerland».

Züri City Card
Diese Kolumne ist eine Kooperation zwischen der Züri City Card und dem Stadtmagazin Tsüri.ch. Die Züri City Card will einen städtischen Ausweis für alle lancieren, damit auch Sans-Papier an der Stadt teilhaben, sich vor Ausbeutung schützen und ärztlich behandeln lassen können. Du kannst das Projekt hier unterstützen. .
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