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Samuel Friedman über seinen Ausstieg aus der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft

In der Netflix-Serie «Unorthodox» wird eine jüdische Frau porträtiert, die aus der ultraorthodoxen Gemeinschaft austritt. Die Serie basiert auf der Geschichte von Deborah Feldmann. Der Zürcher Samuel Friedman wuchs ebenfalls ultraorthodox auf und rebellierte in seinen Jugendjahren gegen die Gemeinschaft. Mit Tsüri.ch spricht er über seinen Weg und was die Serie von der Realität unterscheidet.
15. April 2020
Redaktorin

Lydia Lippuner: Welche Szene der Aussteigerin Esty in der Serie «Unorthodox» berührte Sie am meisten?

Samuel Friedman: Als Esty ins Wasser geht, die Perücke ins Wasser wirft und sich in die Fluten legt, da habe ich geweint. Diese Szene ist ein Schlüsselmoment für Esty. Die Perücke in der Öffentlichkeit ausziehen und baden, das hätte sie vorher nicht getan.

Hatten Sie auch einen solchen Schlüsselmoment oder war es bei Ihnen eher ein Prozess, als Sie aus der Gemeinschaft austraten?

Es ist ein Prozess. Dieser beginnt, wenn man zum ersten Mal ein Gebot übertritt, bis man beispielsweise Schweinefleisch isst. Ich erlebte einen Schlüsselmoment, als ich am Freitagabend eine Zigarette anzündete, obwohl ja Sabbat war. Da schaute ich zum Himmel und fragte mich, ob jetzt ein Blitz kommt und mich erschlägt.

Der Blitz kam nicht, doch wie war das Gefühl, neue verbotene Dinge zu tun?

Irgendwann hat man keine Angst mehr, sondern findet eine neue Welt, welche man zuvor nicht kannte. Das ist aufregend, wie eine neue Beziehung. So geht man Schritt für Schritt zum neuen Ich.

Samuel Friedman als kleiner Junge

Haben Sie dabei die Vergangenheit ganz hinter sich gelassen oder haben Sie noch Berührungspunkte?

Die meisten Aussteiger*innen trennen sich komplett. Der Schritt ist sehr schwer, man will ja kein Teil der religiösen Gemeinschaft mehr sein. Viele schliessen sich einer neuen Gruppe an. Bei mir war es der Fussball. Sobald ich austrat, bin ich dem FCZ beigetreten. Meine neue Religion und meine Liebe ist der Fussball.

Haben Sie die Religion gewechselt?

Für das Judentum wird man jüdisch geboren und stirbt jüdisch. Ich könnte mich wohl Moslem nennen, aber das würde daran nichts ändern.

Glauben Sie noch?

Ich weiss, es gibt eine höhere Macht, aber ob es Karma ist oder wie man es nennen will, das weiss ich nicht. Religion ist nichts mehr, was mich im Alltag bewegt.

Die Szene der Neufindung dauert in der Serie vielleicht fünf Minuten, in meinem Leben waren es etwa fünf Jahre.
Samuel Friedman

Wie erlebten Sie die Zeit kurz nach dem Austritt aus der ultraorthodoxen Gesellschaft?

Ich hatte eine Phase, in der ich viele sexuelle Erfahrungen und Drogenexperimente machte. Diese Erfahrung hätte ich mir sparen können. Doch manchmal braucht man das auch. Die Szene der Neufindung dauert in der Serie vielleicht fünf Minuten, in meinem Leben waren es etwa fünf Jahre.

Haben Sie den Austritt je bereut?

Nein. Doch heute hätte ich es vielleicht anders gemacht.

Sie haben eine Organisation gegründet, um Leute zu begleiten, die aussteigen wollen. Welche Tipps geben Sie ihnen?

Mach den Schritt. Such dir Hilfe. Rede darüber. Viele sind sehr verschlossen. Doch es gibt Leute, die helfen können. Ich habe den Prozess sehr jung angefangen. Wenn aber jemand bis Mitte 20 in der Gemeinschaft lebt, braucht er Begleitung. Denn er lebte sein bisheriges Leben in einer Parallelgesellschaft und muss neu starten.

Wie reagierte die orthodoxe Gemeinschaft darauf, dass sie Aussteiger*innen begleiten?

Die religiösen Führer kamen zu mir und beschwerten sich, dass ich Leute abwerbe. Aber das stimmt nicht, ich bin nur da, falls jemand eine Schulter oder ein Ohr braucht. Das habe ich ihnen gesagt. Sie können nun darüber denken, was sie wollen.

Was ist der Unterschied zwischen New York, dem Drehort von «Unorthodox» und der Gemeinschaft in Zürich?

Die Community in New York ist wohl die extremste. Sie haben auch innerjüdische Konflikte und verleugnen den Staat Israel. Aber für die Serie musste man ja auch ein dramatisches Beispiel nehmen. In Zürich ist die Gemeinschaft nur etwa 2000 Leute gross. Pro Jahr tritt hier nur etwa eine Person aus, denn es braucht sehr viel Mut.

Esty kam sehr schnell in der Gesellschaft an und fand viele Freunde.

Da muss man sehr viel Glück haben, damit das realistisch ist. In der Realität geht es viel länger. Wenn man aus einer solchen Gemeinschaft austritt, fühlt man sich erst einmal allein.

Sie kennen auch Frauen, die ausgestiegen sind. Was ist dabei besonders schwierig?

Für Frauen ist es schwieriger zum Aussteigen. Denn sie haben noch weniger Berührungspunkte zur Gesellschaft. Sie sind zuhause mit den Kindern. Jüdische Mädchen sind auch häufig introvertiert. Zudem haben sie eine starke Bindung zur Familie.

Bricht mit dem Austritt auch der Kontakt zur Familie ab?

Es gibt beides. Ich habe es sehr gut mit meinen Eltern und bin auch heute noch oft dort. Es gibt aber auch andere, die haben null Kontakt zur Familie. Als die Schwester eines Kollegen heiratete, schloss man ihn beispielsweise explizit vom Fest aus. An solchen Aktionen misst sich der Grad der Religiosität und des Fanatismus der Familie.

Ultraorthodoxes Judentum
Das ultraorthodoxe Judentum ist die konservativste Richtung innerhalb des Judentums. 2007 wurden die ultraorthodoxen Juden weltweit auf rund 1,3 bis 1,5 Millionen geschätzt. Der grösste Teil lebt in Israel. Weitere grössere Gemeinschaften befinden sich unter anderem in New York, London, Antwerpen, Strassburg, Wien und Zürich.

Das Leben ultraorthodoxer Juden ist geprägt von strengen Regeln. Auch durch Äusserlichkeiten soll die konservative Einstellung und die Abschottung gegenüber der übrigen Welt zum Ausdruck gebracht werden. Ultraorthodoxe Männer tragen schwarze Anzüge und Hüte, verheiratete Frauen bedecken ihr Haar mit einer Perücke.

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