Fotos: zVg

Samir: Filmemacher, Citoyen und Tsüri-Member

Das Gespräch mit Tsüri-Member Samir bleibt nicht oberflächlich. Er politisiert, philosophiert und erzählt packende Geschichten. Passend, sein Name bedeutet im Arabischen der Geschichtenerzähler.
18. März 2020
Praktikantin Redaktion

800 Menschen sind Tsüri-Member. Welche Gesichter und Geschichten stecken hinter dieser Zahl? Wir machen uns auf die Suche und treffen sie für ein Gespräch. Bist du auch Tsüri-Member und einem Portrait nicht abgeneigt? Melde dich!


Ich treffe Samir in den Räumlichkeiten von Dschoint Ventschr, seiner Filmproduktionsfirma am Helvetiaplatz. Bei meiner Ankunft ist Samir mit Zahraa Ghandour, der Hauptdarstellerin von Baghad in my Shadow, hinter Glas im Sitzungszimmer in ein Gespräch vertieft. Ein roter Linoleumboden und Neonröhren an der Decke schmücken das Büro, ich lausche Telefonaten über mögliche Drehorte und Gesprächen über französische Fassungen – so stelle ich mir eine Filmfabrik vor.

Der Geschichtenerzähler

Die scheinbar leichte und schnell zu beantwortende Frage, was denn Samirs Lieblingsort in der Stadt sei, endet in einer Geschichtsexkursion über Zürich. Im Sommer ist es der Letten. Mit der Anmerkung, wenn dann aber viele Sixpacks und tätowierte Leute Überhand nehmen, sei er weg. Die Liebe zu diesem Betonflecken an der Limmat entstand in den 70er Jahren. Schon damals, als er die Kunstgewerbeschule besuchte, fand er diesen Ort grossartig. Der Bauhausstil, die Natur, die Stadt – alles vereint. Noch ein paar Bäume mehr zierten einst den Damm zum Limmatufer, erzählt Samir und fügt an: «Wos dänn umtah händ, die Tubble.»

«Alte Gewerkschafter in ihren Campingstühlen spielten Tschau Sepp in Begleitung ihrer Frauen – mit den dicken Füdli und den Cellulite – alle waren zufrieden, das war so lässig», schwärmt Samir. It was a different world. Die Kunstgewerbeschule, der Letten, der Limmatplatz und das Limmathaus (heute X-tra) – all diese Orte stimmen ihn melancholisch. Er wirft die rhetorische Frage in den Glasraum, ob man sich bewusst sei, was diese Gebäude bedeuten? Es waren Errungenschaften der Arbeiterbewegung in den 30er-Jahren. Und schon sprechen wir über die Stadtarchitektur. Er erwähnt Escher und seine Bande im 19. Jahrhundert, über die Arbeiterbewegung und Genossenschaften gelangen wir zum neoliberalen Wave samt Prime Tower und Europaallee.

1960 – blühender Irak und bünzlige Schweiz

Samir erzählt von seiner Kindheit in Bagdad und in Zürich. Ende 1961 kam er als sechsjähriger Junge mit seiner Familie vom Irak in die Schweiz. Sie emigrierten, weil sein Vater, wie seine ganze irakische Familie, als Kommunist verfolgt wurde. «Vorher hatte ich in einer grossen, arabischen Sippe gelebt. Ich schaute Mickey Mouse im Fernseher, dann kam ich in die damals unglaublich bünzlige Schweiz, die noch fast keinen TV kannte und lebte in der Agglo.» Die Migration war ein grosser Einschnitt in seinem Leben. Er erwähnt die blühenden demokratischen Zeiten im Irak und seine Zugreise in die Schweiz. «Unter diesen Umständen aufzuwachsen war einschneidend,» sagt Samir und erwähnt im Nebensatz die Schwarzenbach-Initiative mit ihrer Hetze: Ausländer*innen raus. Heute laufe das viel subtiler.

Samir bei Dreharbeiten. «Ich bin von klein auf von orientalischen Melodramen geprägt worden, darum kann ich es mit meinen Filmen nicht lassen.»

Bereits im Kindesalter hatte er eine Obsession für Filme. Er begleitet seine Tanten oft ins Kino, ägyptische Komödien und Bollywood prägten ihn. In Zürich konnte er keine Filmklasse besuchen, da es diese noch nicht gab. So machte er eine Ausbildung zum Typographen. Die digitale Welle vernichtete aber das Berufsfeld der Typographie und er landete auf der Strasse. «Also wortwörtlich, ich stand da vorne an der Hohlstrasse mit anderen Arbeitslosen für Jobs an, dort wo der Güterbahnhof war und jetzt der hässliche Polizeibunker steht», sagt Samir und murmelt, «welcher mit Hilfe von den Sozialdemokraten gebaut wird...»

Wo sind wir stehen geblieben? Fragt Samir.

Sag doch mal, warum du Tsüri-Member bist.

Ich fand euch von Anfang an super, ich bekam eine E-Mail und von da an war ich mit 5 Stutz im Monat dabei. Mir gefiel die Idee, dass junge Leute gemeinsam eine digitale Zeitschrift machen und Themen frech und ungewöhnlich angehen!

Gibt es etwas, was wir anders machen sollten?

«Ihr macht schon vieles gut, vor allem finde ich gut, dass ihr euch auch aktiv einbringt in die Gesellschaft mit Aktionen und Veranstaltungen. Vielleicht könnten wir aber alle noch mehr machen?! Ich ärgere mich jeden Tag über all diese SUVs, die herumkarren. Um 1974 haben wir eine Barrikade an der Weststrasse gebaut, danach gab es ein Nachtfahrverbot und die Anwohner*innen konnten wenigstens schlafen.» Stolz erwähnt er seine Tochter, welche bei der Klimajugend dabei sei.

Wir sprechen also nicht über Änderungen, welche die Tsüri-Redaktion vornehmen sollte – wir sprechen über gesellschaftliche Änderungen. «Was ist das für eine idiotische Furzidee, dass wir 1.5 Tonnen Blech für einen 80kg-Menschen herumkutschieren? Das macht ja auch aus kapitalistischer Logik keinen Sinn.» It doesn’t make sense. Ob denn unsere Generation zu wenig radikal sei. «Ja bestimmt, eigentlich müsste doch jeder Tag ein Velotag sein, wo man mit den Fahrrädern die Strassen blockiert», meint Samir.

Einmal radikal, immer radikal

Strassen blockiert hat Samir bereits zu Zeiten der Jugendunruhen in Zürich, aber er würde es auch heute wieder tun – mit dem Fahrrad. Samir bleibt seiner Linie treu.

Klar gäbe es Renegaten (Menschen, die ihre bisherige politische oder religiöse Überzeugung wechseln), die auf einmal dem Neoliberalismus verfallen seien, sagt Samir. «Ich kann mir aber nicht vorstellen wie man Renegat wird. Entweder hat man eine Haltung oder man hat keine. Ich bin ja nicht aus Mode Linker geworden. Sondern weil mir die linken Theorien, wie man die Gesellschaft analysieren kann, stringenter als alle anderen Ideen vorkamen. Ich bleibe radikal, bis ich tot bin.» Er gibt aber zu, dass er im Alter von 64 Jahren toleranter gegenüber anderen geworden sei.

Der Pessimismus ist am menschlichen Dasein geschuldet, welches eben sehr kurz ist.
Samir

Samir hat, wie er selber sagt, linke Theorien gebüffelt und über die Geschichte der Menschheit studiere er viel. Die Welt macht ihn aber nicht traurig: «Der Pessimismus ist am menschlichen Dasein geschuldet, welches eben sehr kurz ist. Man hat das Gefühl, dass man in seinem kurzen Leben viel verändern muss.» Er weiss, dass es möglich ist die Gesellschaft zu ändern, vielleicht einfach nicht in einem kurzen menschlichen Leben. Sein Blick auf die Menschheit sei weniger von Emotionen geprägt, er analysiere lieber und für diesen analytischen Blick sei er den alten Kommunisten ewig dankbar: «So konnte ich gross werden, ohne allzu depressiv zu werden.»


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