S'Ändi vom Usgang

Märt statt Disco!
28. Februar 2015


«He, wo bisch hüt im Ussgang gsi?» fragt mich ein Typ mit grossem Smile. Ich muss lachen, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich jemand direkt vom Zürcher Nachtleben am Helvetiaplatz Wochenmarkt treffe. «Gar nöd, bin früeh uffgstande, dä Märt isch min Ussgang», antworte ich. «Aha, und was bisch da am chaufe?» fragt er.

Ich stehe gerade am Marktstand von Judith und Dani aus Ebmatingen. Jeden Dienstag und Freitag bringen sie ihr Gemüse zum Markt. Ich war mal eine Woche bei dem Ehepaar arbeiten (aus Neugier) und fast gestorben vor Anstrengung: 11 Stunden pro Tag arbeiten und das 6 Tage die Woche. Der Typ, der vom Nachtleben ausgespuckt wurde, wartet mit mir am Stand bis ich an die Reihe komme, ohne Anzeichen von Müdigkeit.  Am liebsten mag ich das verschiedene Blatt-Gemüse, die Karotten und die Kräuter. Weil alles frisch geerntet wird, hält es (mit richtiger Lagerung, zum Beispiel die Kräuter mit feuchtem Tuch im Plastiksatz im Kühlschrank) länger als die Ware vom Supermarkt.

[caption id="attachment_1190" align="alignnone" width="640"]Eine Märtfrau am Helvetiaplatz. Im Sommer, sie hat nie viel, aber immer genug. Besonders Beeren und Kirschen. Bei ihr bekommst du vieles für unter 2 Franken. Früh kommen lohnt sich Eine Märtfrau am Helvetiaplatz. Im Sommer, sie hat nie viel, aber immer genug. Besonders Beeren und Kirschen. Bei ihr bekommst du vieles für unter 2 Franken. Früh kommen lohnt sich[/caption]

Roger heisst er, der Herr mit leichter Alkoholfahne. Sympatisch ist er, und es interessiert ihn,  was ich kaufe. Ich erzähle ihm, warum ich Judith und Dani’s Produkte so sehr mag und flaniere dann weiter, den Marktständen entlang. Einige Minuten später begegne ich Roger nochmals mit seiner Gefährtin Sue. Weil für mich der Markt wirklich wie Ausgang ist, spreche ich sie nochmals an. «Hey kenned ihr d Ursula? Mini Liieblingsblume Frau am Märt.» Ursula verkauft Blumen von der Gärtnerei ihres Bruders. Auch hier gilt: Weil die Rosen und Nägeli so frisch sind, bleiben sie lange frisch, oft bis zu zwei Wochen. Das Geschwätz fängt von vorne und mit allen drum herum stehenden Marktbesuchern an. Roger kauft einer etwas älteren Dame eine Rose als Geschenk.

[caption id="attachment_1195" align="alignnone" width="640"]Naja, ganz so cool wie in der Nacht ists nicht ganz, dafür probiotisch. Gurken und Sauerkraut auf dem Helvetiaplatz- Markt Naja, ganz so cool wie in der Nacht ists nicht ganz, dafür probiotisch. Gurken und Sauerkraut auf dem Helvetiaplatz- Markt[/caption]

Roger und ich haben etwas gemeinsam; wir mögen Lebensmittel vom Markt, welches wir direkt aus den Händen kaufen, welche das Gemüse gesät, und geerntet haben. Die Verkäufer können auch genaue Vorschläge zur Zubereitung machen, denn sie essen das Gemüse selber auch. Der Rosenkavalier wird in der Zwischenzeit immer etwas lauter, glücklicher und beladener.In der Zwischenzeit hat er sich für sein Katerfrühstück einiges zusammen gekauft. Das Manserspitz Gebäck - ein Silserblätterteig Dreieck gefüllt mit Mostbröckli oder Käse - ist er bereits am essen. Der Trick am Markt ist, nicht von Händlern zu kaufen. Diese erkennt man zum Beispiel an den Bananen, die sie am Stand verkaufen. Manche Stände bieten eine Mischung aus Eigenanbau und gehandelter Ware an. Die kleinen unscheinbaren Stände sind oft die preiswertesten.

[caption id="attachment_1191" align="alignnone" width="640"]Ihr Garten und Keller geben momentan nichts mehr her. Nur die Hühner legen immer noch Eier für ein Katerfrühstück. 6 Stück kosten 3,90 Franken Ihr Garten und Keller geben momentan nichts mehr her. Nur die Hühner legen immer noch Eier für ein Katerfrühstück. 6 Stück kosten 3,90 Franken[/caption]

Auf dem Markt einzukaufen kann teuer werden, darum ist es wichtig, auf den Preis zu achten. Saisonale Produkte sind meist günstig. Und ja, es ist so: gute Lebensmittel kosten mehr. Nicht weil sie eingeflogen werden, eine teure Verpackung haben oder Marketingbudgets mitfinanzieren müssen. Sie kosten, weil es aufwändig ist das Gemüse zu produzieren und weil in der Schweiz keine Ausbeuter-Löhne bezahlt werden.

[caption id="attachment_1192" align="alignnone" width="640"]Birnenauswahl im November am Bürkliplatz CHF 3.80/kg. Im Migros und Coop gibt es sehr selten Äpfel und Birnen für unter vier Franken pro Kilo Birnenauswahl im November am Bürkliplatz CHF 3.80/kg. Im Migros und Coop gibt es sehr selten Äpfel und Birnen für unter vier Franken pro Kilo[/caption]

Ein Hindernis ist die Verkaufszeit der Wochenmärkte in Zürich. Um 6 Uhr gehts los, um 11 Uhr ist Feierabend. Samstags machen die Stände gnädigerweise erst um  12 Uhr Schluss. Das heisst, liebe Zürcher, die beste Zeit ist direkt nach dem Ausgang.

Der Frühling kommt bald und die ersten Tulpen aus dem Zürcher Oberland sind erhältlich. Roger werde ich bestimmt wieder antreffen, hier am Markt am Helvetiaplatz.

7 Gründe, dein Katerfrühstück am Markt einzukaufen:

  1. Du kannst kleinere Mengen kaufen und somit genau so viel wie du brauchst
  2. Du merkst, was die Erde gerade so hergibt und somit die Saionalität. In der Migros ist man nie genau sicher, welcher Monat draussen ist
  3. Du kannst das Gemüse anfassen, weil es nicht verpackt ist. Und du kannst dir selber den Reifegrad oder die Frische auswählen und sparst an den endlosen Verpackungen
  4. Die Produkte sind länger halbar, solange du sie direkt von einem Produzenten kaufst und vor dem Kauf kontrollierst
  5. Du bekommst Beratung dazu
  6. Sonnenschein ist manchmal inklusive beim Einkaufen
  7. Wenn Du dich auf die Preise achtest, kannst du beim Gemüse und Früchte billiger einkaufen als in der Migros und im Coop
Member reden mit: Bewerte hier diesen Beitrag mit 1 bis 5 Punkten und entscheide so über das Honorar für den / die Journalist*in mit.
Bewertung löschen

Kommentare

Willst du unabhängigen Journalismus?

Tsüri.ch steht für unabhängigen & engagierten Journalismus und setzt sich für eine offene, fröhliche, tolerante und ökologische Gesellschaft ein. Mit deiner Unterstützung können wir das auch in Zukunft tun.

Mit nur 5.-/Monat bin ich dabei
Einloggen und zurück zum Artikel
Gerade nicht