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Rotchopf im Interview: «Rap ist die grösste Jugendkultur der Schweiz.»

Tsürifäscht am 4. März
23. Februar 2016
Chefredaktor


Der 27-jährige Rotchopf passt nicht so recht zu den Klischees, die Rappern üblicherweise angehängt werden. Er provoziert zwar gekonnt und gerne, verzichtet dabei aber komplett auf Gewalt und Sexismus . Stattdessen kritisiert Rotchopf den langweiligen Mittelstand, zu dem er selber gehört. Im Interview spricht er über seinen Zugang zur Musik, die Rap-Szene in Zürich und darüber, was passiert, wenn er laut «Hitler» sagt.

Rotchopf, du bist ein weisses, gut gebildetes Mittelstandskind aus der Agglo und entsprichst so gar nicht dem Bild eines Rappers. Rotchopf: Das kann man so sagen. Aber Hip-Hop ist inzwischen in allen sozialen Schichten angekommen und der Rap ist sowieso daran, die alten Klischees abzusetzen. Es ist geil, dass wir eine Aufbruchzeit erleben und zum Beispiel die Homophobie und der Sexismus zurückgehen. Die Entwicklung ist noch nicht vollendet, aber es ist schon einiges gegangen. Die Leute machen, was sie wollen.

Wie steht es um den Hip-Hop in Zürich? Es gab diese Zeit mit Gleis 2, als die ganze Schweiz Zürcher Hip-Hop gehört hat. Heute ist es etwas eingeschlafen und nur noch Xen und Skor schaffen es, die Masse zu erreichen. Aber es gibt wieder viele junge Migrantenkinder, die rappen und immer besser werden. Diese kommen zwar nicht aus der Stadt, sondern meistens aus der Agglo – zum Beispiel aus Dietikon oder Wetzikon. Rap ist inzwischen mit Abstand die grösste Jugendkultur der Schweiz.

Wie hast du zum Hiphop gefunden? In der Primarschule durch meinen Bruder und Cousin, weil wir viel Rap gehört haben. Und als dann Eminem aufkam, waren eh alle auf Hip-Hop. Ich hatte eine grosse Klappe und so war  es die logische Konsequenz, dass ich selber angefangen habe, Konzerte zu geben.

Für mich ist das Schreiben oft eine Art Psychohygiene. Welche Rolle spielt die Musik für dich? Mir geht es um die Performance: Das Adrenalin, der Spass, zusammen ein Fest haben – das gibt mir extrem viel. Es ist wie eine Droge. Ich liebe es, auf der Bühne zu stehen.




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In deinen Texten und Auftritten hat es viel Provokation. Was willst du damit bewirken? Rap eignet sich extrem gut für die Provokation, er muss aufrütteln. Früher ging das meistens über Gewalt und Sexismus, aber das ist heute langweilig. Ich versuche auf eine politische Art zu provozieren und nehme mich selber da nicht aus.

Vor allem in deinem bekanntesten Track streifst du eine Grenze und schreist: Auch in dir steckt ein kleiner Hitler. Was meinst du damit? Wenn ich Hitler sage, habe ich die Aufmerksamkeit. Mit «Au i dier steckt än chline Hitler»,will ich sagen, dass es normal ist, ein Arsch zu sein und wir alle dazu beitragen, dass die Welt zurzeit so beschissen ist. Ich will den Mittelstand aufrütteln, weil diese Leute immer meinen, sie seien die Guten, aber genauso zu den gesellschaftlichen Problemen beitragen, wie alle anderen auch.



Worum geht es dir abgesehen von der Provokation und der Selbstreflektion deiner Zuhörer? Wie du gesagt hat, bin ich ein Mittelstands-Kid aus der Agglo – das ist das Langweiligste, was es gibt. Darum beginne ich zu lügen und es kommt dadamässigen Stuss raus – das ist meistens ziemlich lustig! Mit Humor will ich uns wenigstens kurz aus unserer pseudofreien Gesellschaft mit langweiligen Jobs befreien. Es beschäftigt mich, dass viele Leute einer Arbeit nachgehen, die sie nicht gerne machen – aber halt leider müssen. Die Anforderung an uns alle sind übertrieben hoch – wir müssen immer leisten, immer pünktlich sein. Und am Wochenende knallen wir uns mit Drogen und Alkohol weg. Mit der Musik will ich das Ausbrechen fördern.

Ich nehme an, der Hiphop ist nicht dein ganzes Leben. Was machst du sonst noch? Ich spiele oft in Theatern mit und beginne diese Woche mit dem Schauspielstudium in Bern. Nach meinem Psychologie-Studium wollte ich etwas machen, das mir wirklich Freude bereitet. Ich ziehe sogar nach Bern und es wird wahnsinnig streng, aber es ist das, was mich glücklich macht.

Was machst du am 4. März? Dann habe ich einen Gig beim Festival vom Blick am Abend. Die machen so ein Fest und ich darf auftreten und freue mich riesig! (Lacht laut und viel zu lang) Nein, natürlich bei euch am Tsürifäscht! Es wird toll!




Titelbild: Instagram/gdsfm

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