«Die Mehrheit der betroffenen Personen will keinen Tunnel»

Am 9. Februar stimmen Zürcher*innen über das Rosengarten-Projekt ab. Der geplante Bau des Tunnels erhitzt die Gemüter der Contra-Partei. Viele der dort ansässigen Quartierbewohner*innen sprechen sich gegen das Mammutprojekt aus.
31. Januar 2020
Praktikantin Redaktion

Seit einigen Wochen zieren rote Fahnen die Balkone in Wipkingen: «Rosengarten-Unsinn: NEIN» steht mit grossen Lettern darauf geschrieben. Das Statement zur Abstimmung am 9. Februar 2020 scheint in diesem Stadtteil klar. In den beiden Pro- und Contra-Lagern weht mittlerweile ein rauer Wind: Während die Verantwortlichen und die liberale Mitte auf dem hohen Nutzen des Tunnel-Projekts beharren, feuert die links-grüne Fraktion mit Gentrifizierungs-Geschossen. Ein Vorwurf jagt den nächsten.

Doch was sagen eigentlich die Menschen, die in diesen Zonen leben – und von den Veränderungen betroffen wären?

Veränderungen unerwünscht

«Die meisten hier im Quartier sind gegen das Projekt», sagt Benjamin Oberlin. Der Vater eines kleinen Sohnes wohnt mit seiner Familie an der Rosengartenstrasse unweit vom Transit-Hotspot, aber in einer verkehrsberuhigten Wohngegend. Die Lebensqualität sei hier sehr hoch, so Oberlin, von der massiven Verkehrsbelastung wenige hundert Meter westlich merke man kaum etwas. «Am Wochenende trifft man sich mit anderen Eltern und ihren Kindern am Röschibachplatz, kauft am Markt ein oder spaziert an den Unteren Letten.»

Momentan ist dies alles noch möglich. Bei einer Annahme des Projekts wird sich dies ändern – zumindest vorübergehend: In den Wohnzonen rund um die Rosengartenstrasse muss mit Installationsplätzen für Baustellen und Verkehrsumleitungen gerechnet werden. Auch die Scheffelstrasse, die unmittelbar neben der Mietwohnung von Oberlin und seiner Familie verläuft, soll für eineinhalb Jahren von der Begegnungszone zur Umleitungsstrasse werden.

In anderen europäischen Städten versuchen Planer*innen Autos ganz aus den Innenstädten zu verbannen.
Benjamin Oberlin, Rosengarten-Bewohner

Doch nicht nur deshalb ist der junge Vater gegen das Projekt von Stadt und Kanton. Für Oberlin sei der Bau des geplanten Tunnels eine Symptombekämpfung sondergleichen: «Das Rosengarten-Projekt ist weder nachhaltig, noch will die Mehrheit der direkt sowie indirekt betroffenen Personen eine derartige Veränderung.»

Auf der Suche nach Lösungen

Die von Oberlin genannte Veränderung beinhaltet neben zwei neuen Tramlinien vom Milchbuck bis zum Albisriederplatz auch einen Tunnel mit einer Gesamtlänge von 2.3 Kilometer. Durch ihn soll in erster Linie der Abschnitt zwischen Wipkinger- und Bucheggplatz von der momentanen Verkehrsflut befreit werden. Heute passieren täglich fast 56'000 Mobilfahrzeuge die 700 Meter lange Strecke im Kreis 10. Motorenlärm und eine enorme Abgasbelastung senkt die Wohnqualität an der Rosengartenstrasse massiv. Eine Situation, die zweifelsohne verbessert werden soll – immerhin in diesem Punkt sind sich Befürworter*innen wie auch Gegner*innen des Rosengarten-Projekts einig. Die Frage ist nur, wie?

Zürich hinke bei der Verkehrsplanung grundsätzlich hinterher, bedauert Oberlin und verweist auf die fortschrittlichen Massnahmen anderer europäischen Städte: «In Kopenhagen versuchen die Städteplaner*innen in den Innenstädten Autos ganz zu verbannen: Durch Road-Pricing und Tunnelmassive, die den Transitverkehr grossflächig umleiten.» Solche langfristigen Lösungen würde er sich auch für die Limmatstadt wünschen.

Blick auf die Scheffelstrasse: Bei Annahme der Vorlage würde die Strasse als Umleitung dienen.

Nicolas Ganz, Architekt und Stadtentwickler, teilt diese Meinung. Das 1.1 Milliarden teure Verkehrskonzept sei längst überholt und das Auto als städtischer Verkehrsträger eine Investition ohne Zukunft: «Es ist Zeit über alternative Modelle der Mobilität nachzudenken. Das Wissen wie auch die Mittel dafür sind in der Schweiz vorhanden», so Ganz.

Günstig wohnen – mit Nachteilen leben?

Der heute 31-Jährige lebte während seines Studiums in einem Haus an einem stark befahrenen Abschnitt der Rosengartenstrasse. Als Übergangslösung gedacht, blieb die Wohngemeinschaft acht Jahre lang bestehen – erst vor zwei Jahren zog Ganz nach Zürich Enge. An die Nachteile der Hochparterre-Wohnung kann sich der selbstständige Architekt aber noch gut erinnern: «Wenn ich zuhause lernen wollte, waren noise-cancelling Kopfhörer unersetzlich und wenn am Morgen die Lastwagen im Stau bergauf angefahren sind, hat das ganze Haus vibriert.» Und auch die Emissionswerte bezüglich der Luftverschmutzung sind laut Ganz um ein Vielfaches höher als erlaubt gewesen.

Günstiger Wohnraum ist keine Frage der Verkehrspolitik, sondern muss generell gesichert werden.
Nicolas Ganz, Architekt

Trotzdem sei die Zeit an der Transitachse spannend gewesen: «Durch die niedrigen Mieten hat sich dort eine bunte Mischung von Leuten niedergelassen.» Mit dem Projekt und einer miteinhergehenden Aufwertung des Quartiers würde diese soziale Diversität verloren gehen, ist sich Ganz sicher. Doch genau diese Vielfalt brauche eine Stadt, um lebendig zu bleiben.

Allerdings müsse die soziale Diversität nicht durch das Belassen von prekären Zuständen wie an der meistbefahrenen Strasse der Stadt erhalten bleiben: «Das Argument, dass die Rosengartenstrasse nicht beruhigt werden darf, weil sonst günstiger Wohnraum verloren ginge, ist mir ein Dorn im Auge: Günstiger Wohnraum ist keine Frage der Verkehrspolitik, sondern muss generell gesichert werden», sagt der junge Architekt. Die Abstimmung über das Projekt am Rosengarten hängt also auch mit der Abstimmung über günstigen Wohnraum zusammen.

Wie genau sich Quartiere in Wipkingen und Umgebung verändern würde, steht noch in den Sternen. Fakt ist aber: Viele Bewohner*innen wünschen einen Rosengarten ohne Tunnel. Die Frage ist, ob das die restlichen Stimmberechtigten des Kantons ähnlich sehen.


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Bilder: Elio Donauer

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