💌 1159 Member 💌

Rikschafahrer Arjun über die Langstrasse: «Alles was verrückt ist, ist hier normal»

Der Bike Butler von der Langstrasse
21. Juni 2015
Wer kennt ihn schon nicht. Er gehört unterdessen zum Erscheinungsbild der Langstrasse. Arjun, einer der Bike Butler. Ich wollte mehr über ihn und über seine Arbeit erfahren.

 

Wie bist du zum Rikschafahren gekommen? Arjun: Ursprünglich komme ich aus Indien und studierte dort Mathematik. Nach der Universität merkte ich schnell, dass ich nicht so funktionieren will, wie es mir die Gesellschaft in Indien vorgab. Ich versuchte mehrere Jobs, unter anderem arbeitete ich vier Jahre in einem Callcenter und hatte Spass dabei. Doch irgendwann packte mich die Neugier. So begab ich mich auf eine Weltreise. In London arbeitete ich dann zum ersten Mal als Rikschafahrer. Es machte mir viel Spass! Ich merkte, dass ich meine Kunden zum Lachen bringen und sie unterhalten konnte. Nun mache ich das schon seit fünf Jahren.

Und wie bist du von London nach Zürich gekommen? Auf einer Velotour nach Griechenland traf ich eine Zürcherin. Wir hatten eine schöne Zeit miteinander. Als ich wieder in London war kriegte ich einen Anruf von ihr – sie sei schwanger. Als ich dann in Zürich zu Besuch war, sah ich per Zufall Beat auf seiner Rikscha. Ich fuhr ihm mit meinem Fahrrad hinterher und erzählte ihm meine ganze Geschichte und fragte ihn nach einem Job. Er meinte, sobald ich meine Unterlagen zusammen habe und in Zürich wohne, können wir darüber sprechen. So startete ich 2013 als Angestellter und bereits ein Jahr später machte mir Beat das Angebot, Teilinhaber der Firma zu werden.



Warum trägt ihr diese Kostüme? Dies war Beats Idee. Dazu kann ich leider nicht viel sagen. Dieser Fahrradanzug, welcher extra bedruckt wurde, soll unseren Service und unsere Professionalität wiedergeben.

Was magst du an deinem Job? Es gibt drei Sachen, die mich motivieren. Erstens liebe ich es, mich um die Leute zu kümmern und möchte, dass sie sich gut fühlen. Zweitens mag ich den Respekt, den ich zu spüren bekomme. Ich hatte noch nie eine langweilige Fahrt. Jede ist einzigartig und man weiss nie im Voraus was passieren wird. Auch der Austausch macht mich sehr glücklich. Drittens, nur schon in die Schweiz und nach Zürich zu kommen war eine grosse Sache für mich. Jedoch meine Arbeitszeiten selber einzuteilen und mein eigener Chef zu sein, macht mich noch viel glücklicher und erfüllt mich mit Stolz.

Gibt es etwas, das dich stört als Rikschafahrer? Viele denken ich könnte was Besseres machen. Ich müsse nicht mein ganzes Leben lang Rikschafahrer bleiben. Sie können nicht glauben, dass dies mein Beruf und auch meine Leidenschaft ist. Sie bemitleiden mich und fragen, ob ich genug Geld zum Überleben verdiene. Das ist hart zu hören.

Hat dich Zürich gut aufgenommen? Mittlerweilen grüssen mich die Leute auf der Strasse. Sie kennen mich. Von einigen weiss ich auch bereits wo sie wohnen. Es kommt vor, dass ich sogar zu viel weiss. Zum Beispiel mit wem sie ausgehen. Aber ich bin wie ein Anwalt. Was auf der Rikscha passiert, bleibt auf der Rikscha und dies wissen auch meine Kunden. Zürich ist wie eine Familie. Worte können hier sehr schnell rumgehen.

Was für Leute fahren mit dir mit? Beat und ich haben unterschiedliche Kunden. Beat arbeitet am Tag und er hat sehr wahrscheinlich Kunden, die sich besser benehmen können. Meine Kunden sind zwischen 20 und 40 Jahre alt. Mittlerweile habe ich einige Stammkunden. Viele kommen aber auch nach Zürich nur um eine Nacht Spass zu haben.

Wieso fährst du in der Nacht? Ich glaube, das liegt an meiner Persönlichkeit. Das Nachtleben widerspiegelt meinen Lifestyle. Wenn die Sonne unter geht sind die Leute eher dazu bereit sich gehen zu lassen. Klar, der Alkohol hilft mit. Das Nachtleben ist sehr schnell und die Dinge passieren oft unerwartet. Manchmal bin ich wie ein Kindergärtner und muss auf meine Kunden aufpassen. Ich habe einfach Spass mit den Leuten. Genau darin bin ich gut und genau dies macht meinen Service aus.

Wie unterhältst du deine Kunden? Bei mir auf der Rikscha gibt es keine Regeln. Wenn du tanzen möchtest, dann tanze, singe, hänge dich an die Rikscha oder mach was dir sonst noch einfällt. Die Leute können so sein, wie sie möchten. Was mich am meisten motiviert ist, dass jeder Abend und jeder Gast anders ist. Man weiss nie was passiert. So versuche ich auch auf jeden Kunden speziell einzugehen. Es geht um ihr Erlebnis.

Arjun_2

Gib es Geschichten, die du nicht mehr vergessen wirst? Kürzlich fuhr eine Band aus Genf bei mir mit. Plötzlich wollte sich einer von ihnen ausziehen. So tanzte dieser singend um 06:30 Uhr morgens nackt auf meiner Rikscha. Zur Abwechslung sprang er von der Rikscha runter und tanzte nackt auf einer Kreuzung. Bei der Sihl gab es einen kleinen Badestopp. Ich liebe es, verrückte Leute umher zu fahren. Die Leute hier sind sehr privilegiert. Man kann sich sehr viel erlauben und es wird von der Gesellschaft toleriert.

Du bist seit zwei Jahren an der Langstrasse. Hat sich etwas verändert? Für mich hat sich nichts verändert. Ich hörte nur, dass die Strasse vor einigen Jahren völlig anders war.

Was magst du am meisten an dieser Strasse? Wir können nicht die ganze Zeit mit Regeln leben. Die Langstrasse ist ein Ort, wo man sich frei fühlen kann. Die Leute brauchen solche Orte, um dem Alltag zu entkommen. Es ist ein Ort, an dem alles zusammen kommt: interessante, betrunkene, verrückte, dumme und intelligente Leute. Alles was verrückt ist, ist hier normal.

Auf was freust du dich nach einem Arbeitstag? Meistens starte ich 11 Uhr abends und arbeite bis circa 07:30 Uhr morgens. Nach meiner Schicht muss ich erstmal runter kommen. Meine Arbeit gibt mir so viel Energie. Für mich ist es wie high zu sein, einfach ohne Drogen. So komme ich nachhause und trinke zuerst einmal ein Glas Wein. Manchmal möchte ich mir noch was kochen, aber wie das nach einer anstrengenden Nacht und ein oder zwei Gläser Wein so ist, bevorzuge ich dann meistens mein Bett.

 




Tsüri-Mail: Einmal abonnieren bitte. Kein Scheiss. Kein Spam. 
Welche Rubriken interessieren dich?



Das könnte dich auch interessieren

Kommentare

Nöd Jetzt!