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Fotos: Rico Schüpbach

Rico Schüpbach: «Für den Abstimmungskampf der Ehe für Alle habe ich keine Energie mehr»

Ein Gespräch zur LGBTQ+ Szene: In welchen Bereichen hängen wir nach wie vor hinterher, kommt die immer stärker werdende Kommerzialisierung der queeren Szene zugute, oder regt sie eher auf? Im Interview spricht Queer-Kolumnist Rico Schüpbach über Rollenbilder und Identität und die Frage, ob es irgendwann leichter wird.
31. Mai 2020
Freie Journalistin

Vor ein paar Wochen begegnete ich meinen Kollegen Rico im Tanzhaus Zürich. Er nahm dort an Ivy Monteiros Open Class für Vogue-Peformance & Ballroom teil, ich war im angrenzenden «Nude» auf einen Drink verabredet, fand aber viel spannender, was da nebenan abging. Ich wollte mehr erfahren: Was ist Voguing? Was ist aktuell Thema in der LGBTQ+ Szene? In welchen Bereichen hängen wir in der Schweiz nach wie vor hinterher und kommt die immer stärker werdende Kommerzialisierung der queeren Szene zugute, oder regt sie eher auf?

Ich traf Rico zum Gespräch.

Rico, du hast dich bereits zu Studienzeiten mit Gendertheorien und Geschlechterstereotypen in den Medien beschäftigt. Und du schreibst eine Queer-Kolumne auf fempop.

Auslöser dafür waren meine sexuelle Orientierung und der Wunsch, die Erlebnisse, die ich während meines Comingouts den darauf folgenden Jahren erlebt habe, zu verarbeiten, zu hinterfragen und zu analysieren. Sozusagen eine DIY-Psychotherapie (lacht).

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Queer, schwul, hetero, lesbisch, bi, trans, inter-asexuel – spielt es überhaupt (noch) eine Rolle? Braucht es die Labels für das «Ich bin»?

Diese Begriffe waren und sind enorm wichtig, um Diskriminierungen und Unterdrückung zu bekämpfen. Sie helfen queeren Menschen sichtbar zu werden und geben ihrer Identität ein Zuhause. Viele Begriffe waren lange Zeit eine Fremdbeschreibung – die Unterteilung in Hetero- und Homosexualität begann im 19. Jahrhundert und ist damit relativ neu, danach folgte eine lange und schmerzhafte Geschichte, in der Homosexualität stark pathologisiert wurde: Unterdrückung, Verfolgung, medizinische Experimente, zwangsverordnete pseudo-psychologische Behandlungen – viele queere Biographien sind durch Ausgrenzung, Mobbing und im schlimmsten Fall Gewalt geprägt.1969 haben sich queere Menschen, insbesondere auch queere People of Color, in New York gegen Polizeigewalt und Schikanen gewehrt und durch diese Stone Wall Riots das Fundament für die LGBTIQ+ Bewegung gelegt. Ein paar der Begriffe haben einen problematischen Hintergrund, viele wurden aber von LGBTIQ+ Bewegungen angeeignet und positiv konnotiert. Ein wichtiger Prozess in der Befreiung von Stigmata.

«Zwar fühle ich mich ok damit, als Mann wahrgenommen zu werden, will mich aber von den Erwartungen, die an dieses Mannsein geknüpft sind, lösen.»

Du selbst sagst du bist queer.

Ich habe lange Zeit gesagt ich sei schwul, aber mittlerweile ist mir der Begriff queer näher. Es ist ein sehr weiter Begriff, der die sexuelle Orientierung, wie auch die Gender-Identity umfasst. Letzteres, muss ich aber sagen, hinterfrage ich mittlerweile immer öfter. Ich möchte mich nicht von meiner Geschlechtsidentität einschränken lassen. Zwar fühle ich mich ok damit, als Mann wahrgenommen und mit den Pronomen «er/ihn» betitelt zu werden, will mich aber von den Erwartungen, die an dieses Mannsein geknüpft sind, lösen.

Die Rollenbilder und Geschlechtsidentität legst du nie ab und das sollte man auch nicht müssen. Ich möchte mich nie wieder fragen müssen, ob ich «genug männlich» wirke. Und früher habe ich mich auch noch gefreut, wenn es hiess: «Ich hätte gar nicht gedacht, dass du schwul bist». Dabei ist es ein enormer psychischer Stress, sich ständig so verhalten zu müssen, wie die Gesellschaft es von einem erwartet und es ist schrecklich, dass Leute nach wie vor lächerlich gemacht oder angefeindet werden, wenn sie dies nicht tun.

Gibt es noch viel zu tun in der Schweiz?

Die Gesellschaft generell ist noch extrem heteronormativ organisiert und in klassischen Strukturen verhaftet. Auch wenn wir das Gefühl haben, in einer sehr liberalen Gesellschaft zu leben, so ist noch Vieles nicht gleich. Themen wie die Gender Pay Gap, der Vaterschaftsurlaub oder die Ehe für Alle sind Beispiele hierfür.

Es gibt für mich nichts daran zu bejubeln, dass die Ehe für Alle vors Volk kommt.

Es ist eine verdammte Zumutung, wie lange wir jetzt schon warten müssen.

Es ist eine verdammte Zumutung, wie lange wir jetzt schon warten müssen. Ich bin 31 und würde das gerne noch erleben, doch für den Abstimmungskampf habe ich keine Energie mehr. Müssen wir die Mehrheit auf Knien darum bitten, gleichgeschlechtlichen Paaren endlich die gleichen Rechte zu geben? Absurd. Dann heisst es immer: «Hab Geduld, die Gesellschaft ist noch nicht so weit» und ich frage mich: «Noch nicht so weit für was? Für mich?». Mittlerweile ermöglichen 28 Länder die Ehe für Alle. Wie auch beim Frauenstimmrecht ist die Schweiz unerträglich spät. Auf die hochgelobte direkte Demokratie kann man in diesem Zusammenhang einfach nur verzichten. Und die Ehe für Alle ist nicht das einzige Anliegen. Nach wie vor bringen sich homosexuelle Jugendliche um – Jugendliche schwule und bisexuelle Männer sind einem zwei- bis fünfmal so hohen Suizidrisiko ausgesetzt wie jugendliche heterosexuelle Männer. Die Hälfte aller Suizidversuche von Schwulen geschieht vor dem 20. Lebensjahr. Gewalt gegen queere Menschen, insbesondere gegen jüngere schwule Männer, nimmt leider in der letzten Zeit wieder zu.

Was müsste jede*r Einzelne tun, um etwas daran zu ändern?

Das Private ist immer politisch. Was jede*r Einzelne tun könnte ist, sich nicht einfach in eine Rolle quetschen zu lassen und diese Rolle dann auch zu leben, sondern zu hinterfragen: Möchte ich das? Den Job, den*die Partner*in, die Kinder, die Hochzeit, bei der ich auch Erwartungen und Rollen erfüllen muss. Und wenn ja, warum? Weil ich denke, man muss dies eben machen und können – wie das Autofahren? Wenn nein: Wer hindert einen daran, zu sein, wer man sein will? Eventuell muss man sich von gewissen Menschen trennen und neue Kontakte suchen, die einen unterstützen und die einen auffangen, wenn Andere einen verstossen.

Auch durch die Kommerzialisierung wird auf die LGBTQ+ Szene aufmerksam gemacht. Du hast mir jedoch erzählt, diese wird von Teilen der queeren Szene auch mal stark kritisiert...

Sendungen wie «Queen of Drags» mit Bill Kaulitz und Heidi Klum können einerseits enorm wichtig sein, um die LGBTQ+ Szene im Mainstream sichtbar zu machen und um Reichweite zu schaffen, andererseits ist die Kommerzialisierung nicht ganz unproblematisch: Es kommt immer stark darauf an, welches Ziel mit der Sendung verfolgt wird. Geht es tatsächlich um Chancengleichheit, oder um Entertainment und schlussendlich um Geld?

Diese Unternehmen hätten sich nie zu Zeiten an unsere Seite gestellt, als es sich noch negativ auf ihr Image ausgeübt hätte und jetzt polieren sie dieses Image damit auch mal gerne auf.

So auch bei der Pride...

Auch die ist ein gutes Beispiel: Die einen sagen, die Pride sei mittlerweile zum abscheulichen Kommerz-Umzug geworden, bei dem Grossbanken mitlaufen und Firmen sich profilieren. Da fragt man sich auch, ob es hier manchmal eher um Marketing-Movements geht oder wirklich um die Werte der jeweiligen Firma. Und ob diese Werte auch in der Realität, innerhalb der Unternehmen zu spüren und zu sehen sind.

Und dann wäre da noch der Fakt, dass die Pride entpolitisiert wurde. Dass die Polizei vor Ort ist und mitläuft, wird von Vielen kritisiert, da eben diese Polizeigewalt während der Stone Wall Riots für Unterdrückung sorgte und die Marches ihren Ursprung bei eben diesem politischen Kampf haben. Bei ihnen soll jeder mitlaufen können – auch ein schwuler Polizist oder eine lesbische Bänkerin, keine Frage – aber eben auch Leute ohne Papiere oder Flüchtlinge, die noch immer dramatische Erfahrungen mit der Polizei machen. Andere sagen: «Hey, es ist doch cool, dass die Polizei mitläuft und damit zeigt, dass sich Vieles normalisiert hat – wir sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.» Die grossen Firmen geben Visibility und die grossen Banken machen oft das Sponsoring des Events. Klar ist aber: Diese Unternehmen hätten sich nie zu Zeiten an unsere Seite gestellt, als es sich noch negativ auf ihr Image ausgeübt hätte und jetzt polieren sie dieses Image damit auch mal gerne auf.

Hat die jüngere Generation, etwa die Z, es leichter, queer zu sein?

Weil die Welt immer aufgeklärter ist, denke ich, haben sie es hoffentlich grundsätzlich einfacher mit dem Comingout Zuhause oder in der Schule. Junge, queere Menschen haben heute zum Glück die Möglichkeit, sich bereits im Internet mit Anderen zu verbinden und beispielsweise zu recherchieren, was «trans» ist. Sie können dann sehen, dass sie nicht alleine sind, dass es eine Community da draussen gibt und dass ihre Gefühle absolut normal sind. Das ist enorm wichtig. Aber es kommt ganz individuell auf die Person und ihr Umfeld an. Das Beste wäre natürlich, wenn es irgendwann gar kein Comingout mehr geben müsste und es egal ist, ob man eine Frau oder einen Mann mit zu den Eltern nach Hause bringt. Aber ich muss sagen, mit 31, auch bei mir haben Freunde und Familie damals ganz gut reagiert. Und ich hatte durchs Reisen und Aufenthalte in verschiedenen grossen Städten tolle Möglichkeiten, mein inneres Comingout vorab zu festigen.

Für jemanden, der noch recht neu in der (Zürcher) Queer Szene unterwegs ist – wie beschreibst du sie und wo gehst du selbst gerne aus?

Die Szene ist klein und fein und doch sehr divers im wahrsten Sinne des Wortes. Von Mainstream Gay Clubbing, wie etwa im Heaven Club oder im Bronx, dem Lila Queerfestival der Milchjugend, bis zu underground- und queeren, illegalen Partys ist so Einiges dabei. Toll sind auch der Kweer Ball und die damit verbundenen Voguing-Kurse, die ich seit kurzem ausprobiere. Voguing hat seinen Ursprung in der New Yorker Black Queer Scene der 80er Jahre und man tritt dort in verschiedenen Rubriken gegeneinander an. Madonna machte es populär – wo wir wieder bei der Kommerzialisierung wären.

Was wünscht du dir?

Dass die Schweiz nicht mehr nur eine Vorreiterinnenrolle als internationaler Finanzplatz und in Sachen Käse und Schokolade spielt, sondern auch in Sachen Menschenrechte. Dass sie eine progressive, soziale Politik verfolgt mit Fokus auf marginalisierte Menschen, wie Geflüchteten, von Armut oder Beeinträchtigung Betroffenen – und sich für die Gleichstellung von Mann und Frau einsetzt.

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