Rich Pride Zurich: Wie ein Wissenschaftler die Reichen zur politischen Bewegung formen will

In einem Seminarraum der Uni Zürich setzte sich ein Immobilieninvestor mit Doktortitel für die Minderheit «Reiche Menschen» ein.
08. März 2019

«Wie mit Vorurteilen gegenüber Reichen umgehen?» Dieser Titel spricht Leute an, die sich ihrer Vorurteile bewusst sind – und etwas dagegen tun wollen. Das wären also Menschen, die selbst nicht reich, aber vom marktliberalen Kapitalismus überzeugt sind. Wäre es tatsächlich eine Vorurteilstherapie gewesen, hätte die Location Sinn gemacht: An der Uni Zürich haben wohl viele Vorurteile gegen Reiche.

Früher Abend. Im Lichthof wird gelernt und diskutiert. Wo ist denn jetzt diese Gruppentherapie? Ah, ein bekanntes Gesicht! Olivier Kessler, das Zahnpastalächeln hinter der No Billag-Initiative. Kessler verweist in den zweiten Stock. Das Liberale Institut, dessen Vizedirektor Kessler ist, hat die vermeintliche Vorurteilstherapie gemeinsam mit der rechtslibertären Kleinstpartei up!schweiz organisiert.

Im Seminarraum sitzen um die 50 Männer und sechs Frauen, mehrheitlich älteren Semesters. Olivier Kessler begrüsst die Anwesenden. Minderheitenschutz sei ein Liberalenthema, «auch wenn mit dem Begriff der Minderheit viel Unfug betrieben wird.» Dass der Anlass keine Vorurteilstherapie wird, macht er schnell klar: «Reich werden kann nur, wer den Mitmenschen Nutzen bietet.»

Nur ein Topmanager im Publikum

Den Hauptteil der Veranstaltung bildet das Referat von Dr. phil. Dr. rer. pol Rainer Zitelmann. Grünes Lacoste-Shirt, ansehnlicher Bizeps für einen 61-Jährigen. Nicht-Reiche sind nicht seine Zielgruppe – aber Zitelmanns Vortrag ist auch kein Therapieangebot für Reiche. Die Frage «Oh, wie gehe ich mit all den Vorurteilen gegen mich um?» beantwortet er nicht. Zitelmann zielt auf «Rich Pride» ab. Schwule, Muslime, Schwarze organisieren sich und schliessen sich zusammen. Alle Minderheiten tun das – «nur wir Reichen nicht.» Und wo sieht Zitelmann den Grund? Fehlende Solidarität! Eine Publikumsumfrage von Zitelmann ergibt: Etwa 20 Unternehmer*innen sitzen im Raum. «Und Topmanager?», fragt er weiter. Vorne in der Mitte geht eine einzelne Hand in die Höhe. «Nur einer.»

Zitelmann sagt, die Unternehmer würden über Manager motzen und umgekehrt. Und während auch deutsche Grünen-Wähler*innen Respekt vor denen haben, die als Selbständige reich geworden sind, stehen andere weit unten in der Beliebtheitsskala. Zum Beispiel die Immobilieninvestoren. Zitelmann macht von Beginn weg klar, dass er seine Forschung auch aufgrund persönlicher Betroffenheit verfolgt: Er ist reich. Wie ist er reich geworden? Zufälligerweise als Immobilieninvestor.

Doppeldoktor/Immobilieninvestor Zitelmann betont, mit seinen Büchern verdiene er weniger als seine Putzfrau. Er habe das durchgerechnet. Auch für seinen heutigen Auftritt kassiere er kein Honorar – und als Wissenschaftler? 150'000 Euro privates Kapital habe er in die Recherche für sein aktuelles Buch «Die Gesellschaft und ihre Reichen» investiert. «Dafür habe ich mir kein neues Auto gekauft, mein acht Jahre alter Bentley muss reichen», meint er.

Nicht alle Briefkastenfirmen sind böse

Die quantitativen Studien, die Zitelmann präsentiert, sind interessant. In welchem Land ist der «Sozialneid», wie man es in dieser Bubble nennt, am grössten? In Frankreich. Brit*innen gönnen Reichtum am ehesten, und in der deutschen Parteienlandschaft sind die Vorurteile gegen Reiche bei Linkspartei- und AfD-Anhänger*innen am höchsten. In den Medien werden Reiche in vier von fünf Fällen negativ dargestellt – zum Beispiel stünden nach einem Skandal wie den sogenannten Panama Papers alle unter Generalverdacht, die eine Briefkastenfirma haben. «Das prägt sich halt ein. Auch in Hollywood-Filmen erscheinen die Reichen meist als Schurken», so Zitelmann. Einen Teil der 150'000 Euro habe er dafür ausgegeben, dass andere die Darstellung von Reichen in Filmen nach einem Kriterienkatalog auswerten. Und begründet: «Ich kann selbst ja nicht all diese Filme schauen.»

Schade ist, dass der Doppeldoktor/Immobilieninvestor über keine Daten und anscheinend nur wenig Wissen zur Schweiz, immerhin das reichste Land der Welt, verfügt. Zitelmann sagt, er würde die Daten in einer Neuauflage des Buches gerne nachliefern, wenn sich – vielleicht hier im Publikum? – jemand fände, der ihm diese Forschung zahlt. 20'000 Euro ungefähr. Klassensolidarität halt: Reiche geben Reichen.

Es wirkt fast marxistisch, wie klar Zitelmann «die Reichen» als eine einzige gesellschaftliche Klasse darstellt. Das braucht er vielleicht, damit sein Selbstwertgefühl als Immobilieninvestor den eigenen Studienergebnissen standhält. Dass Zitelmann aber alle gesellschaftlichen und politischen Privilegien ausblenden kann, die reiche Menschen geniessen, wirkt absurd.

Ärger und Neugier seien Antrieb für Zitelmanns Vorurteilsforschung gewesen. Der Doppeldoktor/Immobilieninvestor lebt in Berlin und hat dort vor etwa einem Jahr gesehen, wie Leute mit dem Slogan «Kill your landlord» demonstrierten. «Jetzt bin ich selbst Vermieter und habe mir natürlich überlegt: "Tötet Türken" oder "tötet Schwule" wäre zum Glück undenkbar, aber bei Reichen völlig in Ordnung», teilt er seine Gedanken. Zitelmann berichtet von der Schweigespirale in der Reichendiskriminierung, als würde er ein trauriges Dasein am gesellschaftlichen Rand fristen: «Seien Sie lauter!»

Umverteilung schiebt den Knall bloss hinaus

Zitelmann schwärmt vom libertären Thinktank Cato Institute in den USA – dessen Hauptzweck es ist, den Klimawandel zu verharmlosen – und berichtet stolz von einer Rezension seines Buchs auf der Rechtsaussenplattform «Tichys Einblick». Obwohl er Trump nichts abgewinnen kann, ist Zitelmann schon ein Rechter: Steuern seien ihm ein Graus, die linke Grundstimmung allgegenwärtig. «Bekämen die Jugendlichen auch so viel Applaus, wenn sie gegen Ökohysterie oder für Begrenzung der Zuwanderung auf die Strasse gingen?», fragt er in die Runde.

Das Publikum reagierte auf Zitelmanns Vortrag eher verhalten. Solidarität untereinander, stolz sagen, dass man reich ist und Spenden für Zitelmanns nächste Studien oder libertäre Denkfabriken – das ist alles? Manche haben sich den Abend wohl therapeutischer vorgestellt.

«Schlimm wird es ja erst in gesellschaftlichen Ausnahmesituationen», sagt Zitelmann. Er nennt mehrere Beispiele für Reichenverfolgung, aber länger spricht er über Nazideutschland. Nach Zitelmanns Doktorarbeit «Hitler – Selbstverständnis eines Revolutionärs» war der Nazidiktator ein Sozialrevolutionär, ein Bolschewist, der Reiche verfolge. Zitelmann ignorierte in seiner Doktorarbeit aber die Entstehungsbedingungen seiner Quellen. Sonst wäre seine These nicht aufgegangen.

Im Publikum erhält der Nazideutschland-Exkurs Zuspruch. «Umverteilung kann den grossen Knall bloss hinausschieben», reagiert jemand spontan. Anscheinend haben manche (wahrscheinlich) wohlhabende Menschen in der Bankenstadt Zürich, in der stabilen Schweiz, Angst vor einem gesellschaftlichen Umsturz.

Titelbild: Benjamin Von Wyl

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