Renato Kaiser, wie er zwischen Vernunft und Wahnsinn balanciert. Foto: Aissa Tripodi

Renato Kaiser: Slam Poet, Alkohol-Abstinentler und Tsüri-Member

Renato Kaiser ist einer der erfolgreichsten Mitglieder der Schweizer Poetry Slam-Szene. Wir sprachen mit ihm über Alkohol-Abstinenz, Frauen in der Politik und den Vergleich zwischen Tsüri-Member und Facebook-Freund*innen.
05. Juni 2020

Gut 1100 Menschen sind Tsüri-Member. Welche Gesichter und Geschichten stecken hinter dieser Zahl? Wir machen uns auf die Suche und treffen sie für ein Gespräch. Bist du auch Tsüri-Member und einem Portrait nicht abgeneigt? Melde dich!


Es ist Vormittag und die Sonne brennt bereits auf der Haut. Ich sitze auf einer Steintreppe im Verzascatal. Mein Smartphone habe ich zwischen Ohr und Schulter eingeklemmt. Auf der anderen Seite Renato Kaiser. Während dem Interview benutzt der 34-Jährige haufenweise sprachliche Stilmittel – am häufigsten Vergleiche, Ironie und Witz. Es ist eine Freude, ihm beim Sprechen zuzuhören. Während wir telefonieren ist er im Wald mit seiner Jagdhündin unterwegs. Ab und zu unterbricht ihr Bellen unser Gespräch. Renato wohnt mit Hund und Freundin im Kirchfeld Quartier in Bern.

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Auf seiner Website steht über den Slam Poet und Satiriker, dass er zwischen Vernunft und Wahnsinn, zwischen Ernst und Witz balanciere. Doch: Wann ist Renato Kaiser vernünftig, wann wahnsinnig? «Es gibt keine Situation, in der ich zu vernünftig bin», sagt er über sich, «denn ich finde vernünftig sein etwas Gutes.» Er sei jedoch generell ein exzessives Wesen – egal ob Sport, Arbeit oder Alkoholkonsum. Obwohl Letzteres nicht mehr ganz zutrifft: «Ich trinke seit knapp acht Jahren keinen Alkohol.»

«Ich bin generell ein exzessives Wesen», Renato Kaiser auf dem Sportplatz. Foto: Aissa Tripodi

Zum Alkoholkonsum kämen alle immer gleich, erklärt er, und zwar so, dass Alkohol von der Gesellschaft gefördert werde. Kritik bleibe aus. Ausserdem werde Alkoholkonsum bei Männern teilweise mit einer erstrebenswerten Männlichkeit konnotiert. «Als Spass dachte ich daher, ich möchte ein alkoholfreies Jahr erleben und als es vorbei war, hatte ich kein Bedürfnis wieder zu beginnen – bis heute.» Er möchte dann trinken, wenn er wieder Bock darauf hat. «Ich weiss, das ist der langweiligste Verlauf eines Alkohol-Abstinenten, da er nicht mit einem Verzicht verbunden ist – dafür bin ich jetzt heroinabhängig», scherzt Renato. Der Künstler arbeitet jetzt zwar mehr als zuvor, doch er findet es nicht ganz so schlimm in seinem Beruf ein Workaholic zu sein. Dennoch: «Wenn du deinen Job zu gerne machst, ist die Chance gross, dass du mit einem Lächeln ins Burnout hineinrutschst.»

Kreativ statt bürgerlich

Die Liebe zum Wort fand er bereits in seiner Kindheit.

In der Primarschule habe ich Krimis geschrieben, die besonders blutrünstig waren.
Renato Kaiser

Dass er gut schreiben könne, hat er bereits früh gemerkt. Die ersten Texte, die von ihm veröffentlicht wurden, waren journalistische: Er schrieb für die Schülerzeitung, die Zeitung des Musikvereins und für den Regionalteil des St. Galler Tagblatt. «Ich war sehr gerne Journalist und auch mein Studium – Geschichte und Germanistik – war passend dafür.» 2005 machte er in Sirnach zum ersten Mal bei einem Slam mit – mit Erfolg! Er reihte Sieg an Sieg, wurde 2012 Schweizer Meister und lebt nun schon seit 11 Jahren von seiner Leidenschaft. Seine Texte sind politisch. Er selber meint, man könne nie nicht politisch sein. Wenn er auf politischer Ebene in der Schweiz etwas ändern könnte, dann wäre das die Verteilung von Geschlechtern im Parlament. «Frauen werden als Quote wahrgenommen, und zwar aus Pflicht, statt zu sagen, es tut gut, dass wir Frauenstimmen haben.» Es sei tragisch, dass man das den Leuten erklären müsse. Aber nur schon die Einsicht wäre ein Fortschritt.

Er findet Tsüri sympathisch

Warum ist der gebürtige St. Galler, der in Bern lebt, Tsüri-Member geworden? «Ehrlich gesagt, weiss ich das gar nicht mehr. Das kann man etwa mit Facebook-Freund*innen vergleichen: Man hat sehr viele davon, aber weiss nicht mehr, in welchem Verhältnis man zu ihnen steht.» Er sei in einer Zeit Mitglied geworden, als neuer unabhängiger Journalismus mit einer klaren definierten Haltung entstand. Das fand er sympathisch. «Von Beginn an war der Vibe von Tsüri.ch sehr angenehm, dynamisch und frisch – ohne dass es genervt hat.»

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