💌 1042 Member 💌

Sieht es so auf LSD aus? (Bild: Pixabay)

Über den (Un-)Sinn einer rauschfreien Gesellschaft

«LSD erzeugt psychedelisches Verhalten bei denen, die es noch nie genommen haben»: Eine Podiumsdiskussion mit Zürcher Vertreter*innen, die mit festgefahrenen Paradigmen von psychedelischen Substanzen aufräumt und neue Hoffnung schöpft.
30. Januar 2020

Psychedelische Substanzen: Ein Begriff, der oft mit Vorurteilen und verschobenen Moralvorstellungen verbunden ist. So sind die Erzählungen des Volksmunds von Flashbacks, Horrortrips oder anhaltender Paranoia bis heute ungemein mächtig. Aber haben nicht bereits die alten Griechen regelmässig psychoaktive Substanzen zur Selbsterkenntnis genutzt? Und was ist mit der Wirkung von Microdosing in der Psychiatrie? Lassen diese nicht auf mehr Akzeptanz hoffen?

member ad

Über eben diese Fragen und ob eine rauschfreie Gesellschaft überhaupt wünschenswert ist, wurde vergangene Woche im Kosmos diskutiert. Anlass für die Diskussion bot die Veranstaltungsreihe «Trockener Januar». Mit von der Partie waren Alexander Bücheli, Experte für Prävention und Schadensminimierung Nachtleben, Roger Liggenstorfer, Gründer Nachtschattenverlage und die beiden Frauen Katrin Preller, Neuropsychologin an der Universität Zürich, und Philosophin Susanne Schmetkamp.

Profit- und leistungsgetriebene Gesellschaft Grund für Konjunktur

Die Journalistin Anuschka Roshani (Das Magazin) leitete durch den Abend und wollte zu Beginn wissen, was die Renaissance des Psychedelika über die heutige Gesellschaft verrät. «Wir leben in einer profit- und leistungsgetriebenen Gesellschaft. Dies hat in vieler Hinsicht mit der Konjunktur psychodelischen Substanzen zu tun», antwortete Schmetkamp. Zum einen würden gewisse Substanzen eine Leistungssteigerung und somit eine erhöhte Fokussierung hervorrufen, was im Sinne der Aufmerksamkeits-Gesellschaft stünde. Im Gegensatz dazu können Psychedelika einen Raum schaffen, in dem man herunterfahren und die Kontrolle für einen Moment loslassen könne. Letzteres sei jedoch genau der Knackpunkt vieler Nutzer*innen, wenn es darum geht, einen positiven Trip zu erleben. «Viele Leute können sich nicht auf die Reise einlassen, weil sie mit dem Kontrollverlust nicht umgehen können», fügte Bücheli hinzu. Dabei sei die Wirkung von LSD vergleichbar mit unserem Leben: Eine Reise bestehend aus Höhen und Tiefen, die man beide gleichermassen geniessen sollte.

Von links nach rechts: Alexander Bücheli, Roger Liggenstorfer, Katrin Preller, Susanne Schmetkamp und Moderatorin Anuschka Roshani. (Bild: Autorin)

«Psychedelika soll Geheimnis unseres Bewusstseins lüften»

Eine LSD-Erfahrung führt nicht nur im privaten Raum zu einem Perspektivenwechsel und zur Subjekt-Objekt-Auflösung. Die Substanz findet auch in der Psychotherapie in Form von «Microdosing» immer mehr Verwendung – und schöpft so Hoffnung für neue Antworten. «In verschiedensten Experimenten konnte man nachweisen, dass depressive Menschen mit Hilfe von LSD innerhalb von sechs Monaten einen Heilungsprozess durchlaufen konnten», sagte Preller. Dies sei jedoch nicht verwunderlich, da Psychedelika aus einer therapeutischen Ecke stammten. Auf die Frage inwiefern LSD den Patient*innen helfe, stellte die Neuropsychologin einige Thesen auf: «Zum einen verändert die Substanz Rezeptoren im Gehirn, was bei den Nutzer*innen zu gewissen Einsichten führt.» Ausserdem hätten sich die Patienten näher zur Umwelt verbunden gefühlt. Aufgrund der bisherigen vielversprechenden Forschungsergebnisse wünscht sich Preller künftig, dass Psychedelikas das Geheimnis über die Funktion unseres Bewusstseins und Gehirns lösen. Doch: Ohne die gesellschaftliche und gesetzliche Akzeptanz sei dies unmöglich.

Was wünschen sich die anderen Teilnehmer*innen in zukünftigen Debatten? «Die Substanzen sollen nicht verboten werden, denn es sind Vitamine fürs Gehirn», sagte Liggensdorfer. Und über die Vorurteile: «Ausserdem erzeugt LSD psychedelisches Verhalten bei denen, die es noch nie genommen haben.» Nebst der Aufklärung über die Risiken möchte Bücheli ebenfalls den «well-being-Aspekt» thematisieren. Und: «Mehr Nüchternheit in der Diskussion um Drogen.»

Und so geht eine weitere Diskussion über Drogen zu Ende. Viel und offen wurde geredet, über die Psychiatrie, über Leistung und Akzeptanz. Was aber etwas unterging, war jene Szene, in der vermutlich am meisten LSD konsumiert wird: Die Partypeople. Diese wollen bei sich keine psychischen Veränderungen auslösen, sondern einfach eine gute Zeit haben. Und auch diese Motivation hat Akzeptanz verdient.

Kommentare

Nöd Jetzt!