Rapperin Anna Frey : «In unserem Wohlstand geht’s nicht um Wohlbefinden»

Vor elf Jahren gab Anna Frey mit «Still Young» ihren Einstand als Rapperin. Seither hat sich viel getan. Darum wollten wir sie über ihre Arbeit als Theaterregisseurin befragen, über ihr Debüt als Performerin im Musiktheater und über ihre neue Solo-EP «Still».
12. Dezember 2017

Obwohl es erst Nachmittag ist, dunkelt der Himmel über dem beleuchteten Weihnachtsbaum vor dem Café du Bonheur rasch ein. Leise rieselt der Schneeregen, doch ein Mann mit Zeitung lässt sich seinen Tee tapfer vor dem Lokal servieren. Ganz än härte Siäch, wie in Annas Song «Züriboy». Die Zürcherin selbst erscheint pünktlich und etwas verschnupft zum Gespräch.

Anna, du hast mit 12 Jahren zu rappen begonnen. Wie bist du zur Musik gekommen? Und wieso ist die Wahl auf Rap gefallen?

Eigentlich bin ich erst zum Hip-Hop und dann zur Musik gekommen. Schon als ich kleiner war, schrieb ich Texte und Gedichte. Später habe ich Künstler wie Missy Elliott oder Eminem am Radio gehört. Cora E. hat mich zu meinem ersten hochdeutschen Text inspiriert. Später habe ich dann Bligg n Lexx, Gleis Zwei und all die anderen Schweizer Rapper dieser Zeit entdeckt und habe auf Mundart weitergemacht. Aber ich hab mich lange nicht für Musik interessiert und sie auch nicht konsumiert, wie es andere tun.

Im Ernst?

Ja, die meisten Rapper*innen sind ja keine Musiker*innen im eigentlichen Sinne. Bei vielen Hip-Hopper*innen hört man regelrecht, dass sie von Musik keine Ahnung haben und ihr Output darum hauptsächlich auf Klischees basiert.

Aber zur Musik kamst du dennoch ...

Ja, aber erst vor etwa sieben Jahren, nachdem ich den Jazz-Gitarristen Flo Stoffner kennenlernte. Durch ihn habe ich ganz neue Musik entdeckt.

Aber du hast keine Musikhochschule besucht, sondern hast während vier Jahren Theaterregie in Hamburg studiert. Wie war das?

Ich war immer gut in der Schule, habe aber trotzdem gelitten, weil ich «Schule» an sich immer in Frage stelle. Doch es war gut, aus Zürich rauszukommen. Mir hat Hamburg gefallen und mir hat die Idee gefallen, was ganz Neues zu machen – an einem Ort, wo dich keiner kennt und du nicht Teil einer Szene bist.

Warum fiel die Wahl auf Theaterregisseurin?

Du meinst, warum nicht auf Schauspielerin?

Ja, in Anbetracht deiner Erfahrung als Performerin.

Als Regisseurin entwickelst du eine Geschichte und kümmerst dich um alle Aspekte eines Stücks. Schauspieler*innen hingegen sollen bloss Anordnungen befolgen. Das hätte mir nicht gefallen.

Ist das einer der Gründe, weshalb du den Darsteller*innen deines Regie-Debüts »Selber schuld« viel Freiraum gelassen hast?

Naja, Regie ist schon anstrengend. Man trägt die Verantwortung für alles. Wenn du von den Schauspieler*innen verlangst, dass sie sich zeigen, dann solltest du sie auch dabei unterstützen, das Beste aus sich herauszuholen. Ich find’s cool, mit Freiräumen zu arbeiten. Dann sind Pannen auch nicht so schlimm, weil die Darsteller*innen viel besser auf diese reagieren können. Das macht das Stück frischer und direkter. Ich bevorzuge Improvisation generell, weil sie dich an Orte trägt, an die du vom einsamen Schreibtisch aus nie gelangen würdest.

Letzten Herbst erschien die aktuellste Platte deiner Band Anna & Stoffner, «Falsch». Wurde sie improvisiert oder geschrieben?

Beides. Sie besteht zur einen Hälfte aus klassischen Songs und entstand andrerseits aus dem Stehgreif.

Was kommt bei dir zuerst: der Text oder die Musik?

Das ist immer anders. Aber bei den frei improvisierten Stücken meist der Text. Flo spielt sonst immer frei, aber Anna & Stoffner ist die einzige Band, in der er sich an Songs hält. Wir sind mittlerweile ein gut eingespieltes Quartett (Anna & Stoffner mit Vincent Membrez und Emanuel Künzi) und wissen, dass nichts schief gehen kann, wenn wir aufeinander hören. Das gibt uns viel Sicherheit, weil wir aufeinander vertrauen können.

Und bereits ein halbes Jahr nach «Falsch» machtest du dich an die Arbeit für deine erste Solo-EP «Still», die vor ein paar Wochen erschienen ist.

Ich hatte einfach wieder Bock auf prive Rap-Songs. Ich schreibe ständig neue Texte, und wenn die neue Platte fertig ist und du auf der Bühne stehst, dann bist du textlich schon wieder weiter. Es bedarf viel Verantwortung und Organisationsarbeit, um mit vier Musikern und Gastkünstlern im Studio oder mit einem Theater-Ensemble zu arbeiten. Darum wollte ich zur Abwechslung wieder ohne Geld und Förderungsanträge schaffen. Computermusik ist voll das Gegenteil davon, mit anderen Leuten etwas über Improvisation zu entwickeln. Da hat’s Klötzli, Schalter und Eingabefelder auf dem Bildschirm. Das ist wie ein Puzzlespiel. Man kann Songs auf Knopfdruck «tighter» machen und aus einer riesigen Soundbibliothek wählen, deren Klänge auf Dauer allerdings recht ähnlich klingen.

Für die Bedienung eines Musikprogramms braucht’s ja ein gewisses Vorwissen. Wie gross war da für dich die Lernkurve?

Ich hab mit «Logic Pro X» gearbeitet, das ich schon früher für Song-Skizzen verwendete. Die komplexeren Sachen habe ich mir von Zwölfjährigen in YouTube-Videos erklären lassen (lacht). Die Idee war, alles alleine und ohne Geld zu machen. So habe ich auch das Mastering der Songs übernommen. Die Produktionsvoraussetzungen sind heutzutage ja echt krass geworden und alles klingt so clean – egal in welchem Genre.

Mittel wie YouTube, Video- oder Musiksoftware stehen uns allen zur Verfügung und du hast diese genutzt, um kreativ zu sein. Warum denkst du, verwenden die meisten Menschen ihre Computer nur noch fürs Konsumieren?

Vielleicht, weil sich alles in dieser Kiste befindet. Shopping, Netflix, Arbeit, Konsum und Kommunikation. Ich ziehe mich immer wieder eine Weile aufs Land zurück, um dem Internet zu entkommen. Ich fürchte, wir Menschen überschätzen uns und kommen mit dem Überangebot nicht mehr klar. Wobei ich sagen muss, dass ich das mit dem Konsum echt nicht begreife. Wahrscheinlich macht die allgegenwärtige Werbung die Leute nervös. Wenn ich durch die Stadt laufe, dann hat es überall Läden und alles, was sie anbieten, ist an ein Gefühl gekoppelt. Ein Stuhl steht beispielsweise für tausend Dinge, aber nicht mehr für einen Stuhl, während ein Parfüm stellvertretend für eine schöne Liebesnacht ist. Man verkauft uns ein Märli-Land, quasi ein Disneyland für Erwachsene.

Vielleicht liegt es daran, dass unsere Grundbedürfnisse wie Wohnen, Essen und Sicherheit bereits gedeckt sind und wir Kapazität für eine Schlacht um Status haben?

Wenn unsere Grundbedürfnisse gedeckt sind, werden durch Werbung einfach neue Bedürfnisse geschaffen, um unseren Konsum anzuregen. Und in Zürich ergeht es vielen ja so: Hast du kein Geld, dann hast du auch kein Sozialleben mehr. Du faulst einfach raus. Aber in unserem Wohlstand geht’s nicht mehr um Wohlbefinden. Du kaufst einen neuen Pulli, bist zehn Minuten glücklich und dann kehrt die Sehnsucht zurück. Ich hab mir ein Black Friday-Video angeschaut, in dem ein paar Kids stolz ihren ellenlangen Kassenzettel in die Kamera hielten, als wär’s ein kreativer Akt.

Du spielst seit neuestem als Performerin im Musiktheater-Stück »Alice« von Steffe la Cheffe. Wie kam das? Geht das ein wenig auf deine Zeit im Zirkus zurück?

Ich war erst zwei Wochen alt, als ich das erste Mal mit dem Zirkus meiner Eltern auf Tournee ging. Von daher war ich schon früh mit der Bühne vertraut. Aber Steffe, bzw. Fabian Chiquet, der das Stück mitkonzipiert hat, hat mich angefragt, weil sie auf der Suche nach mundartaffinen Frauen waren.

Was sind deine nächsten Pläne? Wann kommt das nächste Anna & Stoffner-Album?

Wir werden im nächsten Sommer und Herbst neue Gigs spielen und dann schauen, wie es auf der nächsten Platte musikalisch weitergeht. Bislang war das ja immer irgendwie klar, aber auf «Falsch» haben wir so viele Richtungen ausgelotet, dass uns für das nächste Album mehrere Wege offenstehen. Wir werden sehen.

Annas neue Solo-EP «Still» ist ab sofort auf ihrer Website erhältlich und das Musiktheaterstück «Alice» ist noch bis 15. Dezember zu sehen.

Fotos © Maxi Schmitz

Zu Anna Freys Website

Member entscheiden mit:
Deine Bewertung -> Stutz für den/die Journalist*in
Bewertung löschen

Kommentare

Willst du unabhängigen Journalismus?

Tsüri.ch steht für unabhängigen & engagierten Journalismus und setzt sich für eine offene, fröhliche, tolerante und ökologische Gesellschaft ein. Mit deiner Unterstützung können wir das auch in Zukunft tun.

Mit nur 5.-/Monat bin ich dabei
Einloggen und zurück zum Artikel
Gerade nicht