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Bildungsexpertin Rahel Tschopp über Smartphones im Unterricht

Auch Lehrende müssen Lernen: Schon am Flughafen und auf dem Weg zu einer Bildungsreise in die Vereinigten Staaten, nimmt sich Rahel Tschopp, Leiterin des Zentrums für Medienbildung und Informatik an der Pädagogischen Hochschule Zürich (PHZH), Zeit für ein Gespräch. Es geht um die Zukunft des Lernens, den richtigen Umgang mit Tablets und Smartphones im Unterricht und die Frage, ob man für Medienbildung zu alt sein kann.
12. März 2020
Freier Autor, Journalist und Lektor

Frau Tschopp, Sie brechen gerade auf eine vierwöchige Reise in die USA auf. Was erwartet Sie dort?

Die ersten drei Wochen bin ich auf Einladung der USA da. Ich bin Teilnehmerin einer Reise zum Thema «Bildung im digitalen Zeitalter». Wir reisen in fünf verschiedene Städte und gehen dabei von der Regierungsebene bis zum Klassenzimmer. Spannend ist daran einerseits, dass wir mit unterschiedlichen Akteuren zusammenkommen, mit Universitäten, mit Nichtregierungs- und Regierungsorganisationen. Aber auch, dass wir 20 Teilnehmende aus der ganzen Welt sind. Es sind Vertretungen aus Aserbaidschan, Bolivien und Grönland mit dabei.

Was möchten Sie aus den USA mitnehmen?

Ich verlängere den offiziellen Teil der Reise um eine Woche und reise mit dem Leiter vom Schulamt der Stadt Zürich, Michael Anders, nach San Francisco. Dort schauen wir uns verschiedene Schulen an, San Francisco ist der Hotspot des digitalen Wandels. Es gibt dort ganz unterschiedliche Haltungen, von: «Wir machen im Unterricht gar nichts mit Geräten, sondern haben andere Kompetenzen im Fokus» bis zu: «Jedes Kind bekommt ein Gerät zur Verfügung gestellt, damit es wirklich individuell damit lernen kann.» Es geht darum, mir ein Bild zu machen und die jeweiligen Beweggründe kennenzulernen - wie sind sie dazu gekommen, die Schule auf diese Weise zu gestalten?

Haben uns die USA da etwas voraus?

Sicher San Francisco, dort ist das Silicon Valley immer präsent und man hat sich schon viele Gedanken gemacht über Sachen, bei denen wir erst hinterher kommen. Wir sind im Moment erst soweit, dass die Schulen durch den Lehrplan 21 mit digitalen Geräten ausgestattet wurden. Jetzt stellt sich die Frage: Wie setzen wir diese Geräte ein?

Wie sieht es mit dem Thema digitales Lernen momentan in der Schweiz aus?

Die einzelnen Kantone setzen den Lehrplan 21 diesbezüglich unterschiedlich um. Im Kanton Zürich wird von der 5. bis zur 9. Klasse jeweils eine Lektion «Medien und Informatik» unterrichtet. Dies war ein wichtiger Antrieb für die Anschaffung einer neuen Infrastruktur. Zudem haben sich die Schulen überlegt, wie sie die neuen Geräte in verschiedenen Fächern einsetzen wollen. Es macht keinen Sinn, wenn sie nur in dieser einen Lektion eine Rolle spielen.

Unabhängig von der Ausstattung sollten sich die Schulen nun die Frage stellen, was sie unter lernen und lehren verstehen.

In den Schulen der Stadt Zürich gilt seit eineinhalb Jahren das Konzept «Eins-zu-eins», also jedes Kind hat ab der 5. Klasse ein Gerät. Dann gibt es andere Schulen, die mit sehr wenigen Geräten auskommen. Unabhängig von der Ausstattung sollten sich die Schulen nun die Frage stellen, was sie unter lernen und lehren verstehen. Das ist ein wichtiger Punkt: dass die Schulen zuerst überlegen, über welche Möglichkeiten sie verfügen und was bildungstechnisch gefordert ist, und daraus ableiten, wie man die Geräte im Unterricht einsetzt. Solche Überlegungen wirken sich auf das Gesamtkonzept einer Schule aus und es können sich Fragen entwickeln wie: Haben die regulären Klassen noch eine Legitimation? Ist die klassische 45-Minuten-Lektion noch zeitgemäss oder können wie uns hier weiterentwickeln? Auf der Sekundarstufe gibt es Schulen, die traditionelle Schulformen aufgebrochen haben und neue Wege suchen, damit die Kinder ihre Lernfreude beibehalten.

Was wird in der Schule wichtiger werden?

Das ist eine gute Frage. Ich denke, dass wir Kinder insbesondere darin schulen sollten, Probleme lösen zu können. Was hier ganz besonders wichtig wird, sind Fähigkeiten wie kritisches Denken, Kooperation, Kommunikation, Kreativität. Stellt man dies in den Vordergrund, braucht es nicht unbedingt digitale Medien. Schaut man auf das Arbeitsleben von heute, entsteht die Lösung für komplexe Aufgaben meist nicht von einem Menschen allein, sondern sie entwickelt sich im Team. Die digitalen Geräte spielen dabei auch eine Rolle, jedoch müssen sie nicht im Zentrum stehen. Ich stehe der Entwicklung kritisch gegenüber, wonach oft bereits sehr kleine Kinder viel Zeit damit verbringen.

Nun wird «Medien und Informatik» aber bereits in der Primarschule gelehrt. Ist das schon ein Alter, in dem das angebracht ist?

Der Lehrplan 21 schreibt gewisse Kompetenzen im Bereich Medien und Informatik vor. Aber das muss nicht heissen, dass man diese von klein auf ausschliesslich über die digitalen Geräte vermittelt. Bei der Informatik zum Beispiel geht es im Kindergarten stark um das Sortieren und Erkennen von Mustern. Das machen viele Kindergartenlehrpersonen bereits seit Jahren so, sind sich aber nicht bewusst, dass es dabei auch um Informatik geht. Teilweise werden jedoch auch einfach Apps zum Spielen im Unterricht eingesetzt. Das finde ich nicht sinnvoll. Das Gerät sollte konstruktiv genutzt werden - wenn zum Beispiel Kindergartenkinder in den Wald gehen, um Naturbilder zu machen und mit Blättern und Steinen eine Figur legen und das filmen, um es später wieder anschauen zu . So erkennen sie zum Beispiel, dass der Wind die Blätter weggeweht hat, die Bilder aus Stein sind aber geblieben.

Wie sollte so ein Umgang mit Geräten in der Schule in Zukunft aussehen?

Mein Wunsch ist, dass sich die Schulen weiter Gedanken dazu machen was sie unter Lernen und Lehren verstehen und die weiteren Unterrichtsentwicklungen von ihrer Antwort abhängig machen. So kann etwa Frontalunterricht immer noch angebracht sein, aber nur in gewissen Situationen. Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Wert auf andere Unterrichtsformen gelegt wird, die heute durch digitale Medien möglich geworden sind. Das kann zum Beispiel heissen, dass die Schülerinnen und Schüler mit jemandem aus England oder den USA kommunizieren kann, wenn sie Englisch lernen.

Wie geht man im schulischen Bereich damit um, dass sich die genutzte Technik die ganze Zeit wandelt und man vielleicht gar nicht absehen kann, was dann in zwei Jahren wichtig ist?

Die Schule wird sich je länger je mehr daran gewöhnen, dass die Halbwertszeit von Entwicklungsprojekten kürzer wird. Nichts ist so beständig wie der Wandel. Diese Haltungsänderung wird die Schulen sicher weiter beschäftigen. Aber es müssen auch Wertefragen debattiert werden: Wofür ist die Schule da? Was ist die Legitimation von Schulen und von Lehrpersonen?

Die Expertin von der Pädagogischen Hochschule Zürich. (Bild: zvg)

Sind Wertefragen auch ein Anspruch Ihres Weiterbildungskurses «Medienbildung und Informatik»?

Auf jeden Fall. Im Zentrum steht jedoch die Vermittlung der Grundkompetenzen von Lehrpersonen in der Informatik und die zugehörige Didaktik. Denn das ist ganz neu, die wenigsten Lehrpersonen wurden hier im Rahmen ihrer Ausbildung bereits geschult.

In Informatik?

Ja. Es geht nicht um Anwendungskompetenzen, sondern wirklich um grundlegende Informatik: zum Beispiel um das Programmieren und Codieren oder um Informatiksysteme. Dass sie diese Kompetenzen haben und sie mit den Kindern entsprechend im Unterricht umsetzen können, darauf liegt der Schwerpunkt. Aber wir versuchen natürlich über die Kursstruktur schon aufzuzeigen, wie man Leistungskontrollen anders gestalten kann als herkömmliche Prüfungen. Die Lehrpersonen lernen auch, dass es Aufgaben gibt, die Kinder besser zusammen lösen können, wenn es beispielsweise darum geht, einen Roboter zu programmieren. Es geht also mehr um die Grundkompetenzen der Informatik und weniger um den gesamten digitalen Wandel.

Es gibt kein Mindestalter. Es ist das Medium, das eingesetzt und gebraucht wird.

Gibt es ein Mindest- oder Höchstalter, um mit Medienbildung zu beginnen?

Das gibt es nicht. Man muss nur schauen, was in den Elternhäusern passiert: Die meisten Kinder haben von klein auf Kontakt mit einem Tablet oder Smartphone und spielen damit. Darum ist klar: Es gibt kein Mindestalter. Es ist das Medium, das eingesetzt und gebraucht wird. Man kann schon mit kleinsten Kindern darüber diskutieren. Ich kann ein Beispiel nennen, um das zu erläutern. Wir hatten eine Lehrperson, die im Zeichnen die Kinder drei Techniken anwenden liess. Es ging um eine Skyline in der Nacht. Zuerst sollten die Kinder mit Gouache-Farben malen, dann mit schwarzer Neocolor und diese mit einer Nadel auskratzen. Die zweite Technik war, aus schwarzem Karton die Fenster auszuschneiden und mit farbiger Folie zu hinterlegen. Die dritte Technik war dann, das Bild am Computer zu zeichnen.

Nachdem jedes Kind jede Technik ausgeführt hatte, hat die Lehrperson mit den Kindern darüber diskutiert. Die erste Frage war: Was hat am meisten Spass gemacht? Da haben alle gesagt: Die Arbeit am Computer. Später kamen die spannenden Fragen: Welches Bild ist einzigartig? Auf welches bist du am meisten stolz? Welches würdest du am liebsten verschenken? Durch diese Fragen wurde ihnen bewusst, dass das Bild am Computer nicht so viel Wert hat wie die anderen und dass das jeder so machen kann. Ich denke, solche Aspekte müssen die Lehrpersonen erkennen und dabei verstehen, dass es nicht einfach gut und schlecht gibt. Es geht darum, die Nuancen herauszuarbeiten und den Kindern die Möglichkeit zu geben, von klein auf mit zu diskutieren, damit ihnen bewusst wird, was sie machen.

Was Medienkompetenz im Alter angeht, engagieren Sie sich beim Verein Compi Sternli. Um was geht es da?

Der Verein Compi Sternli führt Kinder mit älteren Personen zusammen, damit die eins zu eins miteinander arbeiten. Das Kind begleitet die ältere Person auf den ersten Schritten mit dem iPad. Dabei bauen die Teilnehmenden Ängste ab und merken: Das ist ja sogar noch praktisch, hier kann ich mir Infos holen, das Wetter checken und so weiter. Ich erhalte viele Anrufe à la: «Wissen Sie, ich bin schon 72 und brauche das doch gar nicht mehr.» Ein Jahr später rufen die gleichen Personen nochmals an und sagen: «Ich bin jetzt 73, aber ich habe gemerkt: Ich brauche es doch noch.» Die Leute erkennen einfach, dass es überall ums Internet geht. Das Interesse der Menschen ist sehr gross, hier ein gewisses Grundlagenwissen für sich aufzubauen.

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