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Foto: Elio Donauer

Psychologin Daniela Vogt: «Halleluja, wir sind keine Roboter, wir müssen nicht alleine funktionieren!»

Selbstisolation, Quarantäne und Social Distancing – Einsamkeitsgefühle können stärker als je zuvor sein. Psychologin Daniela Vogt spricht mit Tsüri.ch über Einsamkeit in Zeiten des Coronavirus und wie du dich psychisch gesund halten kannst.
31. März 2020

Artemisia Astolfi: Was sind in dieser Zeit die grössten Herausforderungen, die auf unsere Psyche zukommen?

Daniela Vogt: Für unsere Psyche ist die Isolation momentan ein sehr grosses Thema. Bei vielen sorgt der Job oder die Schule dafür, dass man sich von A nach B bewegt und über den ganzen Tag Kontakte pflegt. So kommt man automatisch zu Bewegung, zu sozialem Austausch, zu Bestätigung und zu Herausforderungen. Dies sind alles Dinge, die wir zu Hause vermissen. Den Mangel an Alltagsstruktur müssen sich die Menschen nun selber aufbauen.

Für alle Menschen, die momentan ohne Arbeit dastehen, ist zudem die wirtschaftliche Zukunft sehr belastend. Die Betroffenen sind einem enormen Druck und Existenzängsten ausgesetzt.

Was sind die positiven Aspekte dieser Situation?

Es gibt durchaus Leute, die während dieser Lage Positives erleben. Es ist eine grosse Solidarität und Dankbarkeit spürbar. Viele sprechen auch davon, dass sie nun endlich Dinge tun können, wofür sie vorher nie Zeit hatten.

Auch für Menschen, die Mühe haben mit sozialen Kontakten, ist die momentane Lage durchaus positiv.

Patienten mit sozialen Phobien oder Zwangserkrankungen sind nun keinen Reizen mehr ausgesetzt und sind daher entlastet. Sie müssen nun nicht mehr durch überfüllte Bahnhofshallen eilen, sondern können einfach zu Hause bleiben. Die sind jetzt det am beste zwäg!

Wieso fällt es der Mehrheit der Menschen überhaupt schwer, für längere Zeit allein zu sein?

Weil wir soziale Wesen sind. Wir sind Gruppentiere und keine Einzelgänger. Sozialer Kontakt und Interaktion gehört zu unserer Grundkonstitution. Antworten auf unsere Fragen zu erhalten, gesehen und wahrgenommen zu werden, das gehört zu unseren Grundbedürfnissen. Halleluja, wir sind keine Roboter, wir müssen nicht alleine funktionieren!

Wie reagieren unterschiedliche Altersgruppen auf das «Social Distancing»?

Für die älteren Generationen ist die Isolation besonders schwer, da viele von ihnen bereits vorher wenig soziale Kontakte hatten und die wenigen fallen nun auch weg. Den Bewohner*innen in den Altersheimen wird das Essen vor die Tür gestellt. Jegliche Interaktion fällt weg. Vor allem haben viele ältere Menschen nicht die Möglichkeit, online Kontakte herzustellen, so wie wir es tun. Deshalb fällt es ihnen auch schwer, zu Hause zu bleiben. Sie möchten auf das «Grüezi»-sagen beim Spazieren nicht verzichten und argumentieren, dass sie ihr Leben ja sowieso schon gelebt haben.

Und die jüngere Generation?

Jugendliche haben oft noch nicht erfasst, was da vor sich geht und treffen sich trotzdem noch in Gruppen. Wenn man ihnen erklärt, dass es, wenn sie jetzt mit dem «Töffli» umfallen, vielleicht im Spital keinen Platz gibt, erschrecken sie aber doch sehr.

Auch für Eltern ist es sehr schwer. Sie müssen oft von zu Hause aus arbeiten, aber da sind auch die Kinder, welche voller Energie stecken und nicht nach draussen können.

Was für Auswirkungen hat die Isolation auf Menschen, die schon zuvor unter Einsamkeit litten?

Menschen, die sich vorher bereits einsam fühlten, leiden jetzt noch mehr. Das Gefühl wird nicht besser, nur weil sich jemand in der Wohnung nebenan ebenfalls alleine fühlt. Leute, die gerade eine Trennung durchgehen oder sowieso schon alleine leben, empfinden diese Situation als sehr schwer. Die wenigen Kontakte, die sie allenfalls noch hatten, fallen jetzt weg. Aktionen, um irgendwo einen Anschluss zu finden, fallen ins Wasser. Man kann weder jemanden auf Tinder in echt kennenlernen, noch einen Tanzkurs besuchen.

Ist es sinnvoll, sich mit den sozialen Medien abzulenken und online Kontakte aufzubauen?

Wenn es dir durch Kontakte aus sozialen Medien besser geht, dann nutze sie!

Im Moment ist es nicht mehr die Frage, wie wir Kontakte aufnehmen. Hauptsache, es gibt sie. Wenn es dir durch Kontakte aus sozialen Medien besser geht, dann nutze sie!

Wie hängen die psychische und die physische Gesundheit zusammen?

Diese beiden Faktoren hängen stark zusammen. Stress zum Beispiel hat eine Wirkung auf die Abwehrkraft unseres Immunsystems. Chronischer Stress kann also dazu führen, dass du nicht mehr gleich fit bist und deine Abwehrkraft abnimmt. Wir müssen unseren Tag so gestalten, damit wir rundum fit bleiben.

Wie kann man sich am besten psychisch und physisch fit halten?

Dein Tagesablauf soll möglichst darauf ausgerichtet sein, dass du motiviert bist, Freude verspürst und Erfolgserlebnisse hast. All das musst du dir nun selber einrichten, ohne das soziale Umfeld und die Arbeit, die dir das normalerweise gibt. Wichtig ist eine gute Tagesstruktur:

  • Steh immer zur selben Uhrzeit auf, zieh dich so an, wie wenn du das Haus verlassen würdest und achte auf eine gute Körperpflege.
  • Beginne den Tag mit etwas, das du gut kannst und gerne machst, sodass du mit einem Erfolgserlebnis startest.
  • Achte auf geregelte Mahlzeiten und iss gesund!
  • Verlasse mindestens einmal am Tag das Haus und geh an die frische Luft.
  • Versuche zwei bis drei Mal pro Woche Sport zu machen, so wie es dir gefällt!
  • Pflege deine sozialen Kontakte regelmässig. Rufe deine Freund*innen und deine Familie an.
  • Belohne dich immer wieder. Manchmal hilft es, sich ein wenig zu überlisten, z.B: Erst wenn ich eine Stunde gearbeitet habe, kann ich eine Stunde an die Sonne gehen.
  • Am Ende des Tages ist es wichtig dich zu loben, auch für kleine Dinge. Sei stolz auf dich!
  • Sorge am Abend für einen klaren Unterbruch zwischen Arbeit und Freizeit, sodass du herunterfahren kannst. Verbringe den Abend mit etwas, das dir Freude bereitet. Sei dabei kreativ, schau dir zum Beispiel ein Online-Live-Konzert an, richte dich gemütlich ein und es wird sich fast wie echt anfühlen.
  • Schlafe gut und genug, dies regeneriert deine ganzen Kräfte wunderbar.

Was kann ich tun, wenn ich mich immer einsamer fühle?

Gewöhne dich jetzt, wo es dir gut geht, an diese Tagesstruktur. Sei mutig, wieso nicht in einen Chat schreiben: «Hey, wer hat Lust morgen mit mir zusammen eine Stunde zu singen?» Du kannst es versuchen. Wenn du hingegen merkst, dass es dir schlechter und schlechter geht, gibt es verschiedene Notfallprogramme. Natürlich ist es auch jetzt möglich, eine Psychotherapie aufzunehmen. Es gibt Hausärzt*innen mit denen du sprechen kannst oder Kriseninterventionsstellen. Wenn es dir schlecht geht, zögere nicht, hol dir Hilfe.

Wie kann man persönlich dazu beitragen, dass sich Leute im eigenen Umfeld nicht einsam fühlen?

Melde dich viel bei deiner Familie und deinen Freund*innen. Vor allem bei älteren Menschen. Telefoniert oft zusammen oder macht Videokonferenzen. Rufe öfters an, als du es sonst tust. Du wirst merken, dies tut auch dir gut!

Aktion: Ich rufe drei für mich wichtige Menschen an!
Rufe noch heute drei Menschen an, die dir am Herzen liegen. Es wird auch dir gut tun.
1. Führe einfach ein Gespräch und höre zu, wie es der Person geht.
2. Sei aufmerksam und spüre, ob die Person etwas braucht.
3. Bei Bedarf, sucht gemeinsam eine Lösung.

Denkst du, dass die jetzige Situation zu einem langfristigen, gesellschaftlichen Umdenken führt?
Ja.

Uns wird klar werden, dass der Individualismus, den wir leben, uns nicht gut tut.

Viele spüren nun grosse Dankbarkeit dafür, dass Menschen füreinander da sind und sich gegenseitig unterstützen.

Psychologin Daniela Vogt, Foto: zvg.

Zur Interviewpartnerin
Daniela Vogt ist ausgebildete Psychotherapeutin und arbeitet seit 2019 im Seefeld Zürich in der Praxis von Dr. med. Marie-Caroline Viebke. Davor war sie im Engadin, in der Clinica Holistica tätig.

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