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Der Bundesrat verzichtete darauf, ein Arbeitsverbot für die Erotikbranche zu verhängen – im Gegensatz zu gewissen Kantonen. (Foto: Elio Donauer)

Prostitutionsverbot – «Viele Sexarbeitende stehen vor dem Nichts»

Seit vergangener Woche gilt im Kanton Zürich das Prostitutionsverbot. Der Regierungsrat will damit die Ausbreitung von Covid-19 eindämmen. Fachstellen kritisieren den Entscheid: Für Sexarbeitende seien die Auswirkungen des Verbots fatal.
16. Dezember 2020
Redaktorin & Klima-Redaktorin

Es ist noch dunkel, als sich an diesem Montagmorgen im Dezember erste Menschen vor der Isla Victoria versammeln. Wenige Stunden später zieht sich die Schlange vom Eingang der Beratungsstelle für Sexarbeitende unweit der Langstrasse bis um die nächste Strassenecke. Mit Kapuzen tief ins Gesicht gezogen und verschränkten Armen versuchen die Wartenden der Kälte zu entfliehen. An diesem Tag waltet der Winter keine Gnade. Im Gegenteil: Der Wind ist noch rauer geworden im Zürcher Sexgewerbe. Das Corona-bedingte Prostitutionsverbot des Regierungsrates katapultiert Sexarbeitende in eine noch prekärere Lage.

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Vom Regen in die Traufe

«Einige gingen in ihr Heimatland zurück», erzählt Beatrice Bänninger, Geschäftsleiterin der Zürcher Stadtmission, welche die Isla Victoria betreibt, «doch viele bleiben hier – weil sie nach der Rückreise nicht mittellos in Quarantäne wollen, die Lage im Heimatland noch schlimmer ist oder weil sie ihre Familie in der Schweiz haben.» Die Situation sei dramatisch: «Viele Sexarbeitende stehen vor dem Nichts.» Das habe auch damit zu tun, dass sich die Branche seit dem ersten Lockdown im vergangenen Frühling nie ganz erholt hat, so Bänninger. Zwar hob der Bundesrat das Prostitutionsverbot nach zwei Monaten im Juni wieder auf, aufgrund der strengen, im Kanton Zürich seit Oktober geltenden Sicherheitsmassnahmen seien die Kunden jedoch ausgeblieben – «die hohen Anforderungen an die Kontaktdatenerfassung und -verifizierung waren für die Freier eine grosse Hürde.»

Am Montagmorgen, 14. Dezember 2020, zog sich die Menschenschlage bis in die Langstrasse.


Und wo keine Arbeit ist, ist auch kein Lohn. Denn die Erfahrungen seitens Fachstellen zeigen: Viele der Sexarbeitenden lebten bereits vor Corona in prekären Verhältnissen; sind weder sozial- noch krankenversichert. Hinzu kommen die unsicheren Wohnsituationen, denn durch die Lohneinbussen der letzten Monate haben laut Bänninger einige kein Geld mehr auf der Seite: «Wir wissen von Frauen, die sich verschulden müssen, um ihre Mieten zu zahlen.» Deshalb brauche es dringend auch finanzielle Unterstützung für die Betroffenen. Aus diesem Grund hätten sie vergangenen Montag in der Isla Victoria in Kooperation mit dem Sozialdepartement und dem kantonalen Sozialamt Nothilfe ausgezahlt, so die Geschäftsleiterin.

Ein Bürokratie-Dschungel sondergleichen

Dabei ist nicht nur die finanzielle Situation schwierig für die Sexarbeitenden. «Die Unsicherheit ist seit der Verschärfung der Massnahmen enorm gross», sagt Lelia Hunziker von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration, kurz FIZ. Das habe auch mit den unterschiedlichen Regelungen in den Kantonen zu tun. «Welche Massnahmen gelten wo? Wie darf ich noch arbeiten?», die Antworten auf solche Fragen würden sich fast täglich ändern, so die Geschäftsführerin der Beratungsstelle. Das Netzwerk Prostitution Collective Reflection (ProCoRe), das sich für Sexarbeitende in der Schweiz einsetzt, hat deshalb eine Zusammenfassung aller kantonalen Bestimmungen erstellt.

Prostitution findet statt. Egal, ob mit oder ohne Verbot.
Beatrice Bänninger

Für das Prostitutionsverbot des Kantons Zürichs findet Hunziker klare Worte: «Ich finde es richtig, dass gegen die Verbreitung des Virus vorgegangen wird.» Trotzdem kritisiere sie die Entscheidung der Behörden scharf: «Die Regierung hat weder uns Fachstellen noch die Betroffenen bei der Analyse der Situation und beim Entscheidungsprozess involviert, und das bedauern wir sehr.»

Fakten fehlen

Das FIZ hat deshalb eine Medienmitteilung zur Massnahme des Zürcher Regierungsrates verfasst: «Der Entscheid basiert nicht auf Fakten, sondern auf Werten», so Hunziker. Denn Zahlen, wie viele Menschen sich im Sexgewerbe mit Covid-19 infiziert haben, gebe es keine und auch die Sicherheitsvorkehrungen seien gemäss Aussagen der Polizei gut umgesetzt worden.

Der Kommunikationsleiter der Staatskanzlei, Andreas Werner Melchior, bestätigt auf Anfrage von Tsüri.ch: «Zu den konkreten Ansteckungen im Prostitutionsgewerbe liegen nach meinem Wissen keine Statistiken vor.» Es sei aber mittlerweile bekannt, dass es viel eher um Risikoabschätzungen als um konkrete Statistiken gehe, die in der Praxis schlicht nicht erhoben werden könnten, so Melchior.

Durch Verbot in die Illegalität

Trotz den Vorwürfen seitens der Fachstellen bleibt das Arbeitsverbot für Sexarbeitende bis zum 10. Januar 2021 bestehen. Es ist bereits das zweite Mal in diesem Jahr, dass die Regierung den Shutdown der Erotikbranche herbeiführt. «Das Verbot wurde von den Betroffenen im vergangenen Frühling soweit wir wissen sehr gut eingehalten», sagt Hunziker, denn die Angst sei gross, gebüsst zu werden. Auch an Corona zu erkranken sei – gerade für Menschen ohne Krankenversicherung – «eine Katastrophe.» Doch in finanzieller Not würden einige auch dieses Risiko eingehen, vermutet die Leiterin der Fachstelle: «Je prekärer die Lebens- und Arbeitssituation, desto weniger können Sexarbeitende sicher und selbstbestimmt arbeiten.»

Denn mit dem Rutsch in die Illegalität würden auch alle anderen Rechte der Sexarbeitenden untergraben werden, so Hunziker. Das Risiko, von Freiern ausgenutzt zu werden, sei aus diesem Grund sehr hoch – und die Folgen davon verheerend. Auch Bänninger, die täglich mit Sexarbeitenden in Kontakt steht, sieht im Verbot eher eine Gefahr als einen Schutz für die Betroffenen: «Prostitution findet statt. Egal, ob mit oder ohne Verbot.»

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