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Auch dem Cast von «The French Dispatch» ist die Freude an ihrem Film vergangen (© The Walt Disney Company).

Prime Time: Im Künstelkino

«The French Dispatch» sucht gerade die schweizerischen Kinos heim. Anscheinend hat jemand vergessen, Wes Anderson zu sagen, dass er aufhören sollte, Filme zu drehen. An seinem bemühten Puppenkistenkino erfreuen sich höchstens noch geistfreie Freigeister.
15. November 2021

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Text: Heinrich Weingartner

Christopher Nolan, Quentin Tarantino und Wes Anderson könnten nicht unterschiedlichere Regisseure sein. Und doch haben sie eine merkwürdige Eigenschaft gemeinsam: Ihre Filme werden von Mal zu Mal schlechter. «Memento», «Pulp Fiction», «Bottle Rocket» – allesamt Meisterwerke. «Tenet», «Once Upon a Time in Hollywood», «The French Dispatch» – alles Mistwerke. Nolan, Tarantino und Anderson möchten gerne so gross werden wie Kubrick, Scorsese oder Jacques Tati.

Und genau dieses verzweifelte Streben nach Grösse und Relevanz verunmöglicht es ihnen, sich weiterzuentwickeln. Alle drei haben den Stil ihrer Erstlinge ins Unerträgliche gesteigert und zur Pose verkommen lassen. Sie drehen, was man von einem Nolan-, Tarantino- oder Anderson-Film erwarten würde und wagen: nichts mehr.

Wes Andersons neuester Film ist episodisch aufgebaut: Es geht um ein US-amerikanisches Magazin in einer französischen Kleinstadt, ein inhaftiertes Maler-Genie und dessen Aufseherin, einen Koch, einen entführten Sohn und eine Politjournalistin, die über studentische Revolten schreibt. Die heissen alle Arthur Howitzer Jr., Herbsaint Sazerac, JKL Berensen, Lucinda Krementz oder Roebuck Wright.

Man merkt bereits an den Figurennamen, wie gerne Wes Anderson Schriftsteller geworden wäre – immer wieder dreht er Filme, in denen die Schriftstellerei selber zum Thema wird. Das Problem an seinen neuesten Werken ist: Er beschreibt alles derartig detailliert, weitschweifig und langfädig, dass man ein einheitliches Werk vor lauter Details nicht mehr sehen kann. Das ist dann aufgeblähte Prosa. Noch schlimmer, wenn man sich aufgeblähte Prosa auf einer Leinwand ansehen muss.

Mit seinem Erstling «Bottle Rocket» überraschte der gebürtige Texaner Wes Anderson ganz Hollywood und wohl auch ein bisschen sich selber. Er konnte nicht glauben, dass seine kindlich-erfrischende Sicht auf die Welt, seine kurlig-neurotischen Figuren und sein anarchischer Humor einen solchen Anklang finden würden. Seit «Moonrise Kingdom» aber ist dieser einst erfrischende Stil einem gekünstelten Puppentheaterkino gewichen, das sich nur noch mit sich selbst beschäftigt.

So auch in «The French Dispatch»: Alles ist Effekt – jeder Dialog, jede Figur, jede Szene wird ästhetisch überhöht und als Kunstwerk verkauft. Aber im Kino ist es wie in der Musik: Wenn auf jedem Takt ein Ton mit gleicher Dynamik gespielt wird, entsteht bloss energiearme Langeweile. Qualität entsteht durch Weglassen. Wes Anderson aber verhält sich wie ein Kunstistudent auf Speed, der gerade herausgefunden hat, dass es 20 Millionen Farben gibt.

Wes Anderson schafft es auch mithilfe von bekannten Gesichtern nicht, sein gekünsteltes Kino mit Qualität anzureichern.
Heinrich Weingartner, Kultz

Diese überladene Präsentation führt schlussendlich dazu, dass sich all diese Handlungsfäden, Figuren und bis ins hinterletzte Detail ausgeschmückten Anekdoten gegenseitig auslöschen. Man steht in Wes Andersons Gemischtwarenladen und überall drauf steht Interessant!, Speziell!, Unkonventionell!, während man sich bloss einen einzigen normalmenschlichen Moment wünscht, der das macht, was gutes Kino können muss: In Herz oder Hirn einen Nerv oder eine Synapse anregen. Wes Anderson verheizt dafür einen prominenten Cast von Bill Murray, Tilda Swinton, über Benicio del Toro und Lea Seydoux bis hin zu Owen Wilson. Und schafft es auch mithilfe von diesen Gesichtern nicht, sein gekünsteltes Kino mit künstlerischer Qualität anzureichern.

«The French Dispatch», ab jetzt im Kino Kosmos in Zürich.

Regie: Wes Anderson, mit: Léa Seydoux, Tilda Swinton

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