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Zeitreisefilme können auch sanfte Töne anschlagen: Der poetische Film «Petite Maman» berührt. (Bild: Cineworx)

Prime Time: Ein Zeitreisefilm der anderen Art

Céline Sciammas märchenhafte Träumerei einer surrealen Welt, in der Vergangenheit und Zukunft verschwimmen, ist einfach, elegant und bewegend. «Petite Maman» ist nur 72 Minuten lang, fühlt sich aber an, als wäre alles Wichtige gesagt.
08. November 2021

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Text: Sarah Stutte

Die geliebte Grossmutter der achtjährigen Nelly ist gerade in einem Pflegeheim an den Langzeitkomplikationen ihrer Knochenkrankheit gestorben. Auch Nellys Mutter Marion ist untröstlich. Zumal sie sich nun – zusammen mit Nelly und deren Vater – auf die schwierige Reise zurück in das Haus ihrer Kindheit auf dem Land machen muss, um dieses zu räumen. Hier werden ihre Erinnerungen geweckt, im ehemaligen Kinderzimmer, alten Schulheften oder dem Gedanken an die geheime Hütte im nahegelegenen Wald, die sie damals baute.

Marion wird von ihrem Kummer überwältigt, fährt wieder zurück in die Stadt und lässt Nelly mit ihrem Vater allein im Haus. Nelly ist ein Einzelkind. Genauso wie es ihre Mutter war, die von einer inneren Traurigkeit beseelt ist und deshalb emotional wie physisch eine Mauer um sich aufgebaut hat. Diese Abwesenheit ist etwas, mit dem Nelly ihr ganzes Leben lang umgehen musste. Während der Vater, der Nelly näher steht, ruhig und sorgfältig die restlichen Sachen packt, erkundet diese die Umgebung.

Beim Spielen im Wald stösst sie auf eine scheinbar halbfertige Hütte auf einer Lichtung. Ein Mädchen winkt ihr fröhlich zu und bittet um Hilfe beim Bau der Hütte. Sie ist das Spiegelbild von Nelly (die Zwillingsschwestern Joséphine und Gabrielle Sanz spielen die Hauptrollen) und sagt, ihr Name sei Marion.

Nachdem sie zusammen gespielt haben, gehen sie durch den Wald zurück zu Marions Haus – das Elternhaus von Nellys Mutter. Dort trifft Nelly auf Marions freundliche, zurückgezogene Mutter in den Dreissigern, die mühsam mit einem Stock geht. Nelly begreift schnell, dass ihr eine Art Zeitschlaufe ermöglicht, ihre Mutter als Achtjährige neu kennenzulernen und ihre Oma noch einmal zu sehen, um sich von ihr verabschieden zu können.

Die Schönheit dieser poetischen Geschichte ergibt sich aus der Zwanglosigkeit, mit der das Übersinnliche in die Handlung eingeführt wird, wodurch sich Zukunft und Vergangenheit überschneiden. Weil sie aus der kindlichen Perspektive heraus erzählt wird, scheint alles möglich und nichts muss erklärt werden, denn die Grenzen zwischen Traum, Wunsch und Wirklichkeit verschwimmen auf eine selbstverständliche Art und Weise.

«Geheimnisse sind nicht immer Dinge, die wir zu verbergen versuchen», sagt Nelly zu ihrer neuen besten Freundin. «Es gibt nur niemanden, dem wir sie erzählen können.» Die Geheimnisse werden dem Publikum anvertraut. Vielleicht war Nellys Mutter als Kind genauso einsam, wie Nelly es jetzt ist.

Vielleicht hat sich Nelly immer gewünscht, dass sie mit ihrer Mutter so direkt und einfach sprechen kann, wie mit einer Freundin in ihrem Alter. Und vielleicht hat die erwachsene Marion genau das Gleiche empfunden.

Genau diese Schranken löst Sciamma auf, indem sie auf einer Ebene zwischen Kindern und Eltern Verständnis schafft, die Zeit und Raum überwindet und in der letztendlich das Gefühl füreinander bleibt. «Du vergisst nicht», sagt Nelly in einer Szene zu ihrem Vater, «du hörst einfach nicht zu». Das ist das Wunder dieses Film, in dem jeder den anderen so deutlich hören kann, als ob er mit sich selbst sprechen würde und am Ende das Gesagte auch versteht.

«Petite Maman», ab jetzt im Kino Houdini.

Regie: Céline Sciamma, mit: Joséphine Sanz, Gabrielle Sanz, Nina Meurisse

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