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Will viel, macht wenig richtig: Der zweite Spielfilm der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania. (Bild: Trigon Film)

Prime Time: Ein Film über Kunst oder so

«The Man Who Sold His Skin» ereilt dasselbe Schicksal wie jeder Film, deren Regisseurin Übermut mit Löffeln gefressen hat: Er beginnt vielversprechend, verliert ab der Mitte an Fahrt und endet in einem dramaturgischen Desaster.
18. Oktober 2021

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Text: Heinrich Weingartner

Die Welt der professionellen Hochkunst ist ein elitäres, von Macht, Geld und noch mehr Geld zerfressenes Pflaster. Wo so viel Geld ist, ist auch gutes Marketing. Es ist deshalb nicht einfach, diese Maschinerie wirkungsvoll zu kritisieren. Der Film «The Square» ist ein positives Beispiel dafür.

«The Man Who Sold His Skin» eher nicht. Hier wird zu viel miteinander vermischt, zu viel gewollt und vor allem gegen Ende des Films munter dramaturgisch hin und her getaumelt wie bei einer Vorführung vor Testpublikum. Diese zwei Stunden Zeitverschwendung werden niemandem in Erinnerung bleiben.

Der junge Syrer Sam Ali ruft in einem Bus die Revolution aus, weil er seine verbotene Liebe heiraten will und alle fangen an, zu tanzen. Er wird verhaftet und kann dann aber dank eines Kollegen aus einem Fenster flüchten.

Zum Glück hat er das selbe Hemd an wie die Kartoffelsäcke eines Lieferwagens und versteckt sich darauf. Er schaut bei einer Vernissage in Beirut vorbei und will Essen schnorren. Dann hält ihn aber der bekannte Künstler Jeffrey Godefroi zurück. Er will ihm seinen Rücken kaufen, um dort ein Kunstwerk in der Form eines Tattoos zu verewigen.

Der Deal lautet nun wie folgt: Sam Ali erhält eine Tonne Geld, muss aber immer und überall verfügbar sein, damit er in Galerien und Kunsthäusern ausgestellt werden kann. Sam Alis verbotene Liebe lebt per Zufall in Belgien, wo die nächste Ausstellung ist. Sie treffen sich zuerst via Zoom, dann auch analog, aber sie ist bereits mit einem anderen Mann verheiratet.

Der Film wechselt bis am Schluss immer wieder die Genres.
Heinrich Weingartner, Kultz

Das Hauptproblem von «The Man Who Sold His Skin» liegt in seiner chamäleonhaften Wandlungslust: Der Film beginnt als Romanze, verwandelt sich in ein Flüchtlingsdrama, später in eine Kritik über die Kunstwelt und wechselt bis am Schluss immer wieder die Genres – und das gerade dann, wenn es spannend wird.

Dies lässt sich ausschliesslich erklären durch die Unfähigkeit der Macherin, in einem dieser Genres eine stringente Vision zu kreieren und sich für einen Weg zu entscheiden. Umso bedauernswerter ist das, weil die jeweiligen Teile für sich eigentlich nicht schlecht gemacht sind. Besonders das Neon-Technoide der Kunstwelt fängt Kaouther Ben Hania in anmutigen Bildern ein. Aber das macht den Braten auch nicht feiss.

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Die beiden Turteltauben kommen dann übrigens trotzdem zusammen. Happily ever After. Spoiler, aber macht nix, vertrauen Sie mir, die 19 Franken geben Sie lieber für den neuesten Bond oder für «Titane» aus, der läuft gerade nebendran.

«The Man Who Sold His Skin», ab jetzt im Kino Riffraff.

Regie: Kaouther Ben Hania, mit: Yahya Mahayni, Monica Bellucci

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