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Eine Vater-Sohn-Beziehung mit baldigem Ende: «Nowhere Special» ist traurig, ohne dabei unnötig auf die Tränendrüse zu drücken.

Prime Time: Die Zeit, die bleibt

Ein unheilbar kranker Vater sucht in «Nowhere Special» für seinen kleinen Sohn ein neues Zuhause. Der leise und berührende Film über einen Abschied trifft auch dank der überzeugenden Darsteller direkt ins Herz.
09. August 2021

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Text: Sarah Stutte

Der Fensterputzer John ist ein engagierter alleinerziehender Vater. Einfühlsam und geduldig kämmt er dem vierjährigen Michael die Haare auf der Suche nach Läusen, die er sich im Kindergarten eingefangen hat. Er entkernt eine Packung Weintrauben für ihn und liest ihm zu jeder Tageszeit Geschichten vor. John versucht sich neben seiner Arbeit wirklich sehr viel Zeit für seinen Sohn zu nehmen. Doch gerade das ist es, was ihm fehlt. Aufgrund einer schweren Krankheit hat er nicht mehr lange zu leben und sucht deshalb eine passende Pflegefamilie für seinen kleinen Jungen.

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Die Mutter hat die Familie früh verlassen. Warum, gibt der ruhige John wie so vieles, was in ihm vorgeht, erst nach und nach preis, denn er ist nicht der Mann der grossen Worte. Das merkt man auch, wenn John zusammen mit Michael und einer jungen Sozialarbeiterin potenzielle Adoptiveltern besucht. Die Bewerber reichen von privilegierten Grundbesitzer:innen bis zu Menschen, die wie John aus der Arbeiterklasse stammen. Stets bleibt er dabei höflich, so dass seine Meinung zu den möglichen Eltern oft völlig undurchschaubar ist. Nur einmal äussert er sich direkt zu einem Paar und meint, dass er diesem noch nicht einmal einen Hamster anvertrauen würde.

Deshalb sind es vor allem die Momente, in denen John offen seine Gefühle zeigt und artikuliert, die unvermittelt wie kleine Nadelstiche wirken. In einer Szene versucht er der Sozialarbeiterin verzweifelt zu erklären, dass er nicht weiss, ob er seinen Sohn so gut kennt, um für ihn die richtige Wahl zu treffen. Gerade dann bekommt man eine leise Ahnung davon, wie es sein muss, nicht nur mit der Trauer über den Verlust umzugehen, sondern gleichzeitig eine solch unfassbar schwere Entscheidung treffen zu müssen.

Dass der Film von Uberto Pasolini («Still Life», 2013) trotz des schweren Themas nie ins allzu Rührselige abgleitet, hat er vorderhand der sanften Erzählweise des italienischen Regisseurs und Drehbuchautors zu verdanken. Dieser las einen Zeitungsartikel über einen unheilbar kranken, alleinstehenden Vater, der eine Adoption für seinen vierjährigen Sohn suchte. Pasolini wollte nach eigener Aussage die Geschichte auf sehr subtile, diskrete Weise angehen und sich so weit wie möglich von einem sentimentalen Melodrama fernhalten.

Pasolini macht aus dem, was sonst banal wäre, etwas Ergreifendes.
Sarah Stutte, Kultz-Redaktorin

Deshalb vermeidet er es, Johns Behandlungsprozess oder seinen körperlichen Verfall allzu detailliert zu schildern. Stattdessen konzentriert sich sein Blick auf dessen emotionale Reise. Pasolini macht aus dem, was sonst banal wäre, etwas Ergreifendes. Dasselbe spiegelt sich in der Kameraarbeit von Marius Panduru wider, der ungewöhnliche Bilder sucht, um die liebevolle Verbindung zwischen Vater und Sohn auf möglichst natürliche Art und Weise zu vermitteln.

Am eindrücklichsten ist jedoch die zurückhaltende und deshalb ungemein kraftvolle Darstellung von James Norton, dessen Schmerz sogar in seinem Lächeln immer mitschwingt und den man in jeder Minute nachempfinden kann. Auch der gerade einmal vierjährige Daniel Lamont ist eine Entdeckung, weil er glaubhaft vermittelt, dass er die Veränderung vielleicht nicht verstehen, aber sicher fühlen kann. «Nowhere Special» ist ein überaus menschlicher, leiser und poetischer Film über die Unerbittlichkeit des Lebens und gerade deshalb etwas ganz Besonderes.

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