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Die erste Kuh in Oregon war bei der Bäckerzunft besonders beliebt.

Prime Time: Backen im Wilden Westen

Die Independent-Filmemacherin Kelly Reichardt erzählt in ihrem Neo-Western über eine Männerfreundschaft, eine Kuh und das Überleben in einer rauen Welt.
26. Juli 2021

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Text: Sarah Stutte

Eine junge Frau (Alia Shawkat) geht mit ihrem Hund in einem Wald in Oregon spazieren, als dieser plötzlich etwas ausgräbt: einen menschlichen Schädel. Stunden später hat die Frau zwei menschliche Skelette freigelegt. Dann wechselt die Szenerie zu einem Waldstück in den 1820er-Jahren, in dem der sanftmütige «Cookie» Figowitz gerade ein paar Pilze sammelt, um damit seine hungrig-mürrischen Fallensteller-Kollegen zu beschwichtigen. Weil das aber nicht viel bringt, trennt er sich alsbald von ihnen und schliesst sich stattdessen einem chinesischen Wanderarbeiter namens King Lu an, dem er eines Nachts zur Hilfe kommt. Fortan leben die beiden zusammen in einem Bretterverschlag in den Wäldern und kommen mit dem zurecht, was die Natur ihnen bietet.

Dann erzählt Cookie seinem neuen Freund von seinem Traum, irgendwann eine Bäckerei zu eröffnen. Mit Milch würde er süsse Brötchen backen, weil er das Brot aus Mehl und Wasser satt hat. Leider gibt es nur eine einzige Kuh in der ganzen Gegend, diejenige des englischen Grundbesitzers der nahen Siedlung. Dieser liess das Tier extra aus seinem Heimatland herkommen, damit es ihm Milch für seinen Tee liefert. In King Lu reift ein Geschäftsplan: Nachts das Tier verbotenerweise zu melken, mit der Milch Cookies exotisches «Ölgebäck» zu verfeinern und dieses tagsüber auf dem Markt zu verkaufen. Natürlich werden die Backwaren der Renner, was alsbald auch den Chief auf den Plan ruft.

Schon Kelly Reichardts 2010 erschienener Film «Meek's Cutoff» war ein Western, der in Oregon im frühen 19. Jahrhundert spielte und auf einer historischen Begebenheit beruhte: dem Trapper Stephen Meek, der mit seiner Abkürzung der herkömmlichen Route nach Oregon einen alternativen Weg für Auswanderer fand. In Reichardts neuer Geschichte, die auf dem Roman «The Half-Life» ihres regelmässigen Drehbuchautors Jon Raymond basiert, steht die erste Kuh, die den Weg ins Oregon-Territorium fand, im Zentrum des Geschehens.

Die männlichen Figuren sind erfrischenderweise gegen das Klischee gebürstet – raubeinige Halunken sucht man hier vergebens.

«First Cow» ist, wie es auch «Meek's Cutoff» war, ein ungewöhnlicher Western. Der wilde Westen ist gar nicht so wild, sondern eher still. Es wird nicht viel geschossen und nicht viel geredet. Die männlichen Figuren sind erfrischenderweise gegen das Klischee gebürstet – raubeinige Halunken sucht man hier vergebens. Stattdessen wird eine feine Geschichte gesponnen, über Freundschaft, Ausbeutung, den Traum vom grossen kleinen Glück und der Unerbittlichkeit des Scheiterns. Die Schönheit des Films wird durch seine Schlichtheit genährt. In der ruhigen, unaufdringlichen Darstellung der amerikanischen Landschaft liegt eine kraftvolle Faszination.

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