💌 «Züri Briefing» 💌

Mentari Baumann an der Zurich Pride 2019. (Bilder: Zurich Pride)

Pride-Organisatorin zum Thema Diversität: «Es ist wichtig, dass wir uns mehr öffnen»

Morgen beginnt mit der Pride-Demonstration in Zürich das grösste queere Festival der Schweiz. Mentari Baumann, Präsidentin des Vereins «Zurich Pride Festival», erzählt, wieso sie innerhalb des Vereins mehr Diversität möchte und welche Erfahrungen sie bisher mit «Pinkwashing» gemacht hat.
03. September 2021
Praktikant Redaktion

Michael Schallschmidt: Die Pride Zurich konnte aufgrund der Corona-Pandemie im letzten Jahr nicht wie geplant stattfinden. Wie viel mehr freuen Sie sich dafür auf die diesjährige Ausgabe?

Mentari Baumann: Wir vom Verein freuen uns alle sehr darüber. Wir konnten zwar bereits im vergangenen Juni das Projekt Pride-TV durchführen, bei dem Acts, Podiumsdiskussionen und Reden, die normalerweise während des Festivals stattfinden, online eine Plattform erhielten. Auch wenn die Aktion ein grosser Erfolg war, ist es dennoch etwas ganz anderes, eine physische Veranstaltung durchführen zu können.

Dank der Pandemie konntet ihr also eure Arbeit auf Online-Plattformen verbessern.

Ein wenig schon, denn wir konnten mit Pride-TV ein neues Format ausprobieren und so auch neue Erfahrungen sammeln. Es war zwar herausfordernd, dafür konnten wir inhaltlich mehr bieten als während einer normalen Veranstaltung, weil online alles schneller geht. Trotzdem sind physische Veranstaltungen immer besser, da die Pride nicht bloss ein Festival oder eine Demo ist, sondern auch ein «Safe Space».

Was sagen Sie zur Meinung von Angehörigen der LGBTIQ-Community, welche die jährlichen Demonstrations-Umzüge für übertrieben oder zu kommerzialisiert halten?

Der ganze Vorstand und auch ich sind der Meinung, dass wir momentan eine gesunde Balance haben, was die Zurich Pride betrifft. Ich finde es aber immer wertvoll, wenn die Menschen aus der Community eine Kontrollfunktion übernehmen. Auch die Mitglieder unseres Vereins äussern sich beispielsweise im Rahmen der Generalversammlungen regelmässig über die Umsetzung der Veranstaltungen, was wir stets schätzen. Natürlich beobachte ich selbst auch im Ausland gewisse Entwicklungen, die ich nicht als erstrebenswert für unsere Veranstaltung empfinde.

Wenn Sie von Entwicklungen im Ausland sprechen, welche Orte schweben Ihnen da vor?

Da kommt mir als erstes New York in den Sinn. Dort können die Leute nicht mehr beim Demonstrationszug mitlaufen, sondern nur hinter Absperrbändern stehen und zuschauen. Das geht so meiner Meinung nach nicht, denn es handelt sich bei der Pride um eine politische Demonstration, an der die Menschen auch ihre politischen Rechte ausüben dürfen. In Grossbritannien gibt es auch Pride-Festivals, die gebührenpflichtig sind. Mir ist zwar bewusst, dass man ab einer gewissen Grösse auf solche Finanzierungswege zurückgreifen muss, aber ich würde es für unsere Veranstaltung dennoch nie so weit kommen lassen.

Wir haben bewusst mehr Frauen und People of Color auf die Bühne geholt.
Mentari Baumann

Das Kollektiv BIPOC.WOC kritisierte im letzten Jahr in einem offenen Brief, dass die Zürich Pride BIPoC, also Black, Indigenous und People of Color, nicht ausreichend einbeziehen würde. Was hat das Vereinskomitee seitdem unternommen, um mehr Inklusion in diesem Bereich zu schaffen?

Diesen Brief erhielt noch meine Vorgängerin, die im Anschluss auch mit dem Kollektiv das Gespräch gesucht hat. Zwar wurden Pläne gemacht, mit BIPOC.WOC über ihre Anliegen zu sprechen, jedoch hat die Corona-Pandemie den Austausch wieder etwas erschwert. Ich verstehe das Anliegen jedoch absolut, denn wir vom Vereinskomitee sind eine eher homogene Gruppe. Deswegen ist es uns auch wichtig, dass wir uns mehr öffnen.

Wir haben das während Pride-TV bereits umgesetzt, indem wir bewusst mehr Frauen und People of Color auf die Bühne geholt haben. Als Verein, der auf freiwillige Helfer:innen angewiesen ist, brauchen wir ohnehin jede Unterstützung, die wir kriegen können. Wir freuen uns aber umso mehr, wenn es Menschen sind, die mehr Diversität und damit auch eine neue Perspektive in unseren Verein mitbringen.

Und welche Erfahrungen habt ihr dieses Jahr mit «Pinkwashing» gemacht, also mit Unternehmen, die den Anschein erwecken wollen, sich um die Anliegen der LGBTIQ-Community zu kümmern aber es nicht wirklich tun?

Wir haben mit den Unternehmen, die mit uns zusammenarbeiten, bisher überwiegend gute Erfahrungen gemacht. Die allermeisten davon kommen nicht auf Empfehlung ihrer Marketingabteilung auf uns zu, sondern auf Anregung ihrer internen LGBTIQ-Netzwerke. Diejenigen aus den Unternehmen, mit denen wir Gespräche führen und Aktionen planen, sind deshalb Menschen, die auch zu unserer Community gehören. Käme nun ein Unternehmen auf uns zu, das keinerlei Verbindungen zur LGBTIQ-Community vorweist, wären wir dementsprechend auch misstrauisch.

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Wie geht ihr mit solchen Unternehmen um, wenn sie euch sponsern wollen?

Wir sind noch nicht an einem Punkt angekommen, an dem uns eine Vielzahl von Unternehmen von Beginn an auf einer Marketing-Ebene kontaktieren und es ist meiner Meinung nach auch nicht erstrebenswert, diesen Punkt zu erreichen. Unternehmen, mit denen wir schon länger zusammenarbeiten, haben häufig auch Mitarbeitende, die zum Beispiel selbst schwul oder lesbisch sind, was uns auch ein grösseres Vertrauen in die Unternehmensleitung gibt. Dennoch sind auch diese nicht automatisch über alle Zweifel erhaben.

Die Plakatkampagne der Zurich Pride zur Abstimmung vom 26. September.

Im Hinblick auf die anstehende Abstimmung zur gleichgeschlechtlichen Ehe habt ihr das Motto «trau dich» gewählt. Was habt ihr als Verein weiter unternommen, damit die Stimmbevölkerung am 26. September ja sagt?

Wir haben uns vor allem auf das Motto konzentriert und im Rahmen dessen eine Plakatkampagne im Raum Zürich durchgeführt. Dabei haben wir ein lesbisches und ein schwules Paar auf den Plakaten gezeigt, die beide gerne heiraten möchten. Nachdem wir mit dieser Kampagne bereits Juni Präsenz im öffentlichen Raum zeigten, haben wir Ende August nochmals mit diesen Plakaten gearbeitet.

Zudem haben wir in unserem Podcast und auf Social Media die «Ehe für alle» mehrmals angesprochen, über die Pro-Argumente gesprochen und unsere Zuhörer:innen über die politische Situation rund um das Thema informiert. Auch das Datum für unseren Demonstrationszug haben wir bewusst auf den 4. September gelegt, um wenige Wochen vor dem Abstimmungssonntag nochmals Aufmerksamkeit für unser Anliegen zu erhalten, sozusagen für die letzte Mobilisierung.

Wie hoch sind Ihrer Meinung nach den Chancen, dass die Ehe für alle angenommen wird?

Ich bin sowohl optimistisch als auch vorsichtig, was meine Einschätzung zur anstehenden Abstimmung betrifft. Wenn ich mir die Umfrageergebnisse ansehe, dann bin ich sehr zuversichtlich, da rund 60 Prozent der Befragten Ja zur Ehe für alle sagen. Wichtig ist jetzt aber, dass diejenigen, die für die gleichgeschlechtliche Ehe sind, auch an der Abstimmung teilnehmen. In der Vergangenheit scheiterten nämlich immer wieder Vorlagen an der Urne, weil zu wenig Leute abgestimmt haben. Deswegen sollen alle, die in der Schweiz abstimmen dürfen, dies bis zum 26. September auch tun.

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