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Postwachstumsgesellschaft – Weshalb mehr nicht immer besser ist

An der Universität Zürich findet eine Vorlesungsreihe zu alternativen Wirtschaftsmodellen statt. Die Organisator*innen vom Verein Plurale Ökonomik präsentieren hier die besprochenen Themen. Hier folgt der zehnte von zwölf Teilen.
26. November 2019

Text: Flora Märki


Frau Prof. Angelika Zahrnt führte uns vergangenen Donnerstag in die Postwachstumsökonomie ein. Sie ist Wirtschaftswissenschaftlerin aus Deutschland und Autorin zahlreicher Bücher, unter anderem zum Thema Postwachstumsgesellschaften.

Die Postwachstumsgesellschaft beschreibt Konzepte für eine Ökonomie und Gesellschaft innerhalb der planetaren Grenzen, so Frau Zahrnt. Viele Massnahmen, die ökologische Probleme lösen könnten, aber zugleich zu Wachstumseinbussen führen könnten, werden heute aus Angst vor einem Einbruch des BIP-Wachstums nicht umgesetzt. Dies führt zu einem Klimaschutz unter Wachstumsvorbehalt und verhindert so leider viele Lösungen.

Frau Zahrnt erläutert einige Grundlagen zum Wirtschaftswachstum: Die Wachstumsraten sollten immer abhängig vom Ausgangsniveau betrachtet werden, um diese sinnvoll interpretieren zu können. Zudem wird fälschlicherweise das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) oft mit Fortschritt und Entwicklung gleichgesetzt, was aber längst nicht immer der Fall ist. Die folgende Kritik am Wirtschaftswachstum bezieht sich auf hochindustrialisierte Länder.

Es existieren viele alternative Indikatoren zum BIP, aber allzu oft wird trotzdem diese Messgrösse als massgebend betrachtet. Doch mehr Wirtschaftswachstum wird auch durch Umweltkatastrophen, Unfälle und erhöhte Gesundheitsausgaben verursacht. Zudem fördert Wirtschaftswachstum ökologische Probleme und verhindert Lösungen. Auch wird die Erwartung des Allerheilmittels «Wachstum» nicht erfüllt. So findet beispielsweise durch Wirtschaftswachstum kein automatischer sozialer Ausgleich statt. Letztlich ist auch mit der absehbaren Abflachung der Wachstumskurven ein Abschied vom Wirtschaftswachstum vorherzusehen. Deshalb, so folgert Frau Zahrnt, sei es wichtig die Wachstumstreiber zu erkennen und diese in eine wachstumsunabhängige Form zu transformieren.

Weniger arbeiten könnte uns das bringen, was uns oft am meisten fehlt, nämlich Zeit.

Bevor wir uns den gesellschaftlichen Wachstumstreibern widmen, einige Anmerkungen zum «grünen Wachstum». Bis heute konnte noch keine Entkopplung des Wirtschaftswachstums und des Energieverbrauches / der CO2-Emissionen festgestellt werden. Dies ist teilweise auf «Rebound-Effekt» zurückzuführen. Er umschreibt den Effekt, dass viele Geräte und Maschinen heute zwar energie- und ressourceneffizienter sind, aber dafür werden grössere oder mehr Geräte gekauft. Dadurch werden die positiven Effekte der Ressourceneffizienz zunichte gemacht.

Die vielen neuen Technologien, in die viel Hoffnung gesetzt wird, bringen viele offene Fragen mit sich. So bieten beispielsweise Geoengineering und Gentechnologien viel Potential, aber auch Risiken, welche einen offenen gesellschaftlichen Diskurs verlangen. Daher stellt sich die Frage ob Nachhaltigkeit nicht mehr ist als nur Technik. Frau Zahrnt betont, dass Suffizienz auch ein Teil der Lösung ist. So kann «weniger besitzen» eine regelrechte Befreiung vom Überfluss sein. Oder «weniger arbeiten» könnte uns das bringen, was uns oft am meisten fehlt, nämlich Zeit.

Frau Zahrnt umschreibt die Postwachstumsgesellschaft als Gesellschaft, die nicht existenziell auf Wirtschaftswachstum angewiesen ist und wo Wirtschaftswachstum kein Imperativ und Selbstzweck ist. Zudem soll das Wachstum von Energie- und Ressourcenverbrauch inkl. Fläche und der Verlust von Biodiversität gestoppt werden und keine Politik zur Erhöhung des Wirtschaftswachstums gemacht.

Die wichtigsten Wachstumstreiber sind laut Frau Zahrnt Folgende: Alterssicherung, Gesundheitswesen, Arbeitsmarkt, Konsum, Banken & Finanzmärkte, Verteilungswesen und Staatsfinanzen. Für einen Umbau, dieser Wachstumstreiber zu wachstumsunabhängigen Institutionen braucht es einen gesellschaftlichen Transformationsprozess.

Nächste Woche wird uns Prof. Dr. Marc Lavoie in den Postkeynesianismus einführen.

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