Von Rahel Bains

Redaktionsleiterin

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2. Juni 2022 um 17:16

Mensurlaub in Zürcher Verwaltung: «Periode ist etwas Persönliches»

Die Grünen fordern, dass der Stadtrat einen Pilotversuch für einen Menstruationsurlaub durchführt. Doch die Debatte läuft in Zürich bereits: So wird etwa im Karl der Grosse schon lange eine Arbeitskultur gelebt, in der Frauen mit Menstruationsbeschwerden zu Hause bleiben dürfen. Support gibts von ganz oben.

Fabienne Schellenberg, Leiterin des Karl der Grosse, findet: «Spannend wäre eine Debatte darüber, was allgemein als Gesundheit definiert wird.» (Foto: Elio Donauer)

Die Neuigkeit warf hohe Wellen: Die spanische Regierung hat kürzlich einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der Frauen erlauben soll, bei Menstruationsbeschwerden zu Hause zu bleiben. Gemäss Entwurf müssen die Beschwerden von einem:r Ärzt:in bestätigt werden, womit der Menstruationsurlaub schlussendlich über die übliche Krankschreibung läuft. Durch das neue Gesetz soll eine solche Krankschreibung aber erleichtert werden. Die Kosten würden vom Staat übernommen. Sollte das Gesetz einst tatsächlich in Kraft treten, käme Spanien eine Vorreiterrolle zu: Noch in keinem anderen Land in Europa gibt es ein vergleichbares Gesetz. Nur Japan, Taiwan, Südkorea, Indonesien und Sambia kennen ähnliche Regelungen.

Nun schwappt die Debatte nach Zürich: Die Zürcher Grünen fordern in einem Postulat, dass der Stadtrat in einer Dienstabteilung einen Pilotversuch für einen Menstruationsurlaub durchführt. Dieser Versuch soll wissenschaftlich begleitet werden. Dabei sollen städtische Mitarbeiterinnen, die unter regelmässigen und starken Beschwerden leiden, einen bis fünf Tage pro Monat dispensiert werden, notabene bei voller Bezahlung.

«Verstehe, dass es schwierig sein kann, darüber zu sprechen, wenn man eine:n Vorgesetzte:n hat, der:die überhaupt keine Sensibilität für dieses Thema aufweist.»

Fabienne Schellenberg, Leiterin Karl der Grosse

Eine, die in ihrem Betrieb bereits seit langem eine Arbeitskultur fördert, in der Frauen, die während ihrer Menstruation unter Schmerzen leiden, entstigmatisiert werden, ist Fabienne Schellenberg. Der Leiterin des Stadtzürcher Debattierhauses Karl der Grosse geht es dabei um eine Grundeinstellung und die Frage: Wie gehst du mit deinem Körper um? In was für einer Verfassung kommst du zur Arbeit? Dass sie unter dem Personalrecht der Stadt Zürich steht, sei ein grosser Vorteil, erzählt sie: «Die Gesundheit der Mitarbeitenden ist der Stadt Zürich als Arbeitgeberin ein wichtiges Anliegen.»

Schellenberg findet die Vorstellung, unter Schmerzen und mit Medikamenten vollgepumpt arbeiten zu müssen, nicht zielführend. Aus Arbeitgeberinnensicht glaubt sie nicht, dass ihre Mitarbeiterinnen in einer solchen Verfassung produktiv seien. Lieber sollen sie sich zu Hause ausruhen, bis sie wieder ganz fit sind. Denn mit einer Migräne würde man ja auch daheim bleiben.

Nicht unproblematisch: Wörter wie «Mensurlaub»

Schellenbergs Mitarbeiterinnen müssen ihr nicht sagen, dass sie aufgrund ihrer Mensbeschwerden zu Hause bleiben, sie dürfen aber – und das ohne Angst haben zu müssen, stigmatisiert zu werden. «Ich verstehe, dass es schwierig sein kann, darüber zu sprechen, wenn man eine:n Vorgesetzte:n hat, der:die überhaupt keine Sensibilität für dieses Thema aufweist. Weil man doch immer noch bedenken muss: Egal, wie sehr wir derzeit darum bemüht sind, Tabus zu brechen – die Periode ist noch immer etwas Persönliches.» 


Fabienne Schellenberg wünscht sich für die Debatte rund um den Mensurlaub, dass die Thematik nicht zu einem «Frauending» verkommt. (Foto: Elio Donauer)

Als Leiterin eines Debattierhauses freut sie sich darüber, dass dank der Entwicklungen in Spanien nun über das Thema gesprochen wird, dass eine Debatte in Gang gekommen ist. Dazu gehört auch eine Auseinandersetzung mit den Wordings: «Die Wörter ‹Mensfrei› oder ‹Mensurlaub› bergen auch Gefahren, wie auch der Begriff ‹Mutterschaftsurlaub›, weil diese in den Köpfen etwas ganz anderes auslösen können. Wenn du sagst, du hast mensfrei, impliziert dies ja, dass du frei bist von deiner Mens.» Schellenberg wünscht sich für die Debatte, dass die Thematik nicht zu einem «Frauending» verkommt – schliesslich spricht man auch nicht von «Grippeurlaub» oder «Migränefrei». Spannend wäre eine Debatte darüber, was allgemein als Gesundheit definiert wird.

Ursula Hess, Leiterin Personalkommunikation und -marketing der Stadt Zürich, sagt auf Anfrage, dass die Stadt ein Personalrecht habe innerhalb dessen man krank sein dürfe. Egal, ob hierfür Menstruationsbeschwerden oder eine Grippe der Grund seien. Dies gelte für alle insgesamt 30’000 Mitarbeiter:innen. Es sei ihnen überlassen, die Verantwortung dafür zu übernehmen, in welchem Zustand sie im Falle einer Krankheit  zur Arbeit erscheinen. Die Frage nach dem Krankheitsgrund sei übrigens eine private, findet Hess.

Keine Ferien, sondern Akzeptanz in der Gesellschaft

Auch Stimmen aus der Politik fanden schon vor dem Grünen-Postulat, dass es nicht um Ferien für die Frauen gehen soll, sondern um Akzeptanz in der Gesellschaft. Der Nachholbedarf in diesem Thema sei hierzulande riesig, sagte etwa Juso-Schweiz-Präsidentin Ronja Jansen gegenüber 20 Minuten. Die ganze Gesellschaft orientiere sich an Leuten, die nicht menstruieren. Es müsse deshalb eine Änderung in der gesamten Arbeitswelt geben. Denn der Druck auf dem Schweizer Arbeitsmarkt sei derart hoch, dass sich kaum jemand getraue, sich krank zu melden – egal, ob Frau oder Mann. «Macht man dann noch Regelschmerzen geltend, gibt es dafür noch weniger Verständnis. Das Resultat ist, dass menstruierende Menschen sich mehrheitlich medikamentiert durch den Tag kämpfen.»

«Einige wären froh darüber, wenn die Thematik mittels eines offiziellen Mensurlaubs enttabuisiert werden würde, andere hingegen finden die Sache zu privat.»

Stadtrat Daniel Leupi

Die Co-Präsidentin der Grünen Fraktion im Gemeinderat, Selina Walgis, findet es wichtig und richtig, dass man nicht arbeiten muss, wenn man sich krank fühlt. Hat man starke Beschwerden, sollte es selbstverständlich sein, zu Hause bleiben zu können – so wie bei anderen Beschwerden oder Krankheiten auch. Walgis befürchtet allerdings, dass Frauen dadurch einen weiterer Nachteil im Berufsleben hinnehmen müssten – dies müsste man bei einer allfälligen Einführung dieser Regelung im Auge behalten. Auch sie findet das Wort «Urlaub» völlig falsch. «Das tönt schon sehr romantisch, was es in der Realität dann aber keineswegs ist», so Walgis auf Anfrage. Grundsätzlich findet sie die Diskussion über das Thema wichtig, da viele Frauen stark unter den Menstruationsbeschwerden leiden.

«Mensurlaub» wurde beinahe zu Leupis Wahlkampfthema

Das Thema «Mensurlaub» hätte es übrigens beinahe schon viele Monate vor dem Grünen-Postulat aufs politische Parkett geschafft: Für den Wahlkampf im Rahmen der diesjährigen Stadtratswahlen im vergangenen Februar hätte Stadtrat Daniel Leupi das Thema beinahe in seine Agenda aufgenommen. Im vergangenen Jahr liess er sich gar Unterlagen dazu zusammenstellen. «Ich war wirklich kurz davor, das Thema offiziell zu lancieren», bestätigt Leupi.

Im Rahmen dessen habe er mit zahlreichen Frauen gesprochen – die Rückmeldungen seien jedoch unterschiedlich ausgefallen: «Einige wären froh darüber, wenn die Thematik mittels eines offiziellen Mensurlaubs enttabuisiert werden würde, andere hingegen finden die Sache zu privat und wollen das gegenüber der Arbeitgeberin nicht thematisieren, während wieder andere befürchten, vom Arbeitsmarkt noch mehr benachteiligt zu werden. «Aufgrund des grossen Spektrums an Antworten war ich mir nicht sicher, ob eine klare Mehrheit der Frauen ein solches Vorhaben tatsächlich unterstützen würde», so Leupi. 

Nun wurde das Thema in Form eines Vorstosses aus dem Parlament lanciert. Leupi steht diesem gegenüber «sehr offen», sagte er vor wenigen Tagen. Denn es sei sehr problematisch, wenn Frauen während ihrer Periode Medikamente einnehmen müssen, um arbeitsfähig zu sein. Zudem findet er es erstaunlich, dass erst jetzt, nach den jüngsten Meldungen aus Spanien, auch auf politischer Ebene über einen Menstruationsurlaub diskutiert werde.