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Porträt eines Patienten: Täglich ein Gramm Hasch, statt eine Handvoll Pillen

Medizinisches Cannabis
25. Mai 2015
Hans-Peter S. aus Zürich hat in seinen 50 Jahren einiges erlebt: Er fuhr Motorradrennen, nahm an internationalen Armdruck-Wettbewerben teil, war Kampfsportler und arbeitete als Akkordmaurer. 2013 hatte er mit dem Motorrad einen unverschuldeten, schweren Unfall. Als er in der Intensivstation aufwachte, konnte er sich nicht mehr bewegen. Rehabilitation und unzählige Medikamente erwarteten ihn, doch Hans-Peter ging einen ungewöhnlichen Weg. Er verzichtete ganz auf Medikamente und begann regelmässig zu kiffen. Heute, zwei Jahre nach dem Unfall, ist sein Ziel, medizinisches Cannabis in der Schweiz zum Thema zu machen. In Israel, in Kanada und in den USA – überall wird Hanf erforscht; vor allem die entspannende, schmerzlindernde und entzündungshemmende Wirkung des im Cannabis enthaltenen THC könnte die Pharmaindustrie verändern. Nur in der Schweiz sieht es schütter aus, wenn es um medizinische Behandlung mit Cannabis geht.
«Ich ging aus der Reha als hoffnungsloser Fall»
Ein halbes Jahr lang besuchte Hans-Peter nach seinem Unfall die Reha-Klinik Balgrist. Eine Halswirbelquetschung lähmte seine Arme und Beine. Plötzlich konnte er seine Zehen wieder etwas spüren. Es folgte Bewegungstherapie unter starken Schmerzen. «Ich habe mich gegen die Therapien und die Medikamente gewehrt. Für mich war das widersinnig.» Hans-Peter ist davon überzeugt, dass der Mensch selber am besten wisse, was seinem Körper gut tue. Für ihn war klar: Cannabis und Training mit Meditation würde ihm helfen. Nach drei Monaten Reha und kleinen Fortschritten, verzichtete er auf die vorgeschriebenen Medikamente und rauchte stattdessen nur noch Joints. Die Ärzte sahen das nicht gerne, tolerierten es aber, da sich sein Zustand enorm verbesserte. «Das Spital hätte viel Geld sparen können, wenn sie mir von Anfang an Cannabis, statt Medikamente gegeben hätten.»

Die Ärzte gingen davon aus, dass Hans-Peter den Rollstuhl nie wieder verlassen würde – während er das erzählt, dreht er sich mit einer Rollmaschine einen Joint. Inzwischen kann er wieder gehen, wenn auch nur langsam und mit Mühe. Seine rechte Hand kann er kaum mehr öffnen, mit seiner linken kann er bereits etwas festhalten. Sein Zustand verbessere sich stetig. Das liege daran, dass er sich regelmässig bewege, unter die Leute gehe und natürlich am Cannabis. Absichtlich wohnt er im zweiten Stock, um das Treppenlaufen nicht zu verlernen. Er versucht dabei möglichst viel im Haushalt selbständig zu erledigen; er wäscht, kocht und putzt selbst – seine Spitex-Betreuerin hilft beim Einkauf.

«Jede Bewegung ist erkämpft und nicht geschenkt. Manchmal komme ich mir vor wie zubetoniert. Ein, zwei Züge und ich bin wieder lockerer.» Nebst den Schmerzen sind die Spasmen Hans-Peters grösstes Problem. Wenn er einen Muskel bewegen will, arbeiten alle anderen dagegen; für selbst kleine Bewegungen muss Hans-Peter enorme Kraft aufwenden, zu verkrampft sind seine Muskeln. Cannabis hilft dabei, diese zu entspannen.

Selbstmedikation als Einstellung
Für Hans-Peter bedeutet Medikation auf das eigene Gefühl zu hören. «Ärzte – egal wie gut ausgebildet – sind Fachidioten. Wenn es um meinen Körper geht, bin ich Fachmann.» Und wenn THC das ist, was der Körper verlange, solle er das bekommen. Die gängigen Medikamente und Schmerzmittel lähmen den Körper nur zusätzlich und verursachen Nebenwirkungen. «Ich war froh, als ich wieder etwas spürte. Ich wollte etwas spüren. Ich wollte den Schmerz zulassen und nicht mit Medikamenten bekämpfen.»

Pro Tag raucht Hans-Peter ein Gramm Haschisch – etwa 3-5 Joints. Das sei nicht zu viel und nicht zu wenig. Hans-Peter probiert auch extrahiertes THC in Öl als Tröpfchen. Für Patienten, die nicht rauchen wollen – oder können, sei dies eine grossartige Alternative. Er selbst ist weniger begeistert vom THC-Öl. Die Dosierung ist für ihn schwieriger. Zurzeit sind die Medikamente, die auf Cannabis basieren, in der Schweiz zu schwach und zu teuer. Warum die Pharmaindustrie pflanzliche Wirkstoffe nicht fördere, dafür aber synthetische Schmerzmittel, die abhängig machen können, versteht Hans-Peter nicht. Für ihn ist Hanf, wie Aloe Vera: Eine Pflanze mit Jahrtausende alten Tradition – in China wurde Cannabis bereits vor Christus als Medizin verwendet.

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Nicht unkritisch gegenüber Cannabis
Auch vor seinem Unfall hatte Hans-Peter eine Affinität zu Cannabis. Aber als «typischer Kiffer» bezeichnet er sich nicht. Trotz mehreren Joints pro Tag, ist Hans-Peter aktiv in seinem Leben. Er arbeitet mit Freunden an Motorrädern, geht spazieren und macht jeden morgen Sportübungen. Auch Freunde und Bekannte trifft Hans-Peter so oft wie möglich. Diese wissen von seiner ungewöhnlichen Behandlung und respektieren sie. Nur in der Öffentlichkeit kifft Hans-Peter nicht, er will niemanden provozieren. «Ich komme mir schon etwas vor wie ein Kräuterlisi. Aber ich bin einfach ein Maurer, der gerne Töff fährt und in den Spunten geht.» Hans-Peter schmunzelt. Wie eine Kräuterlisi wirkt er nicht. Die zwei Joints während dem Gespräch haben keine merklichen Spuren hinterlassen – trotz einem «permanenten High» ist Hans-Peter konzentriert und voller Energie.

Auch wenn Hans-Peter täglich seinen Körper mit Cannabis behandelt, als ungefährlich sieht er den Konsum nicht. Das unkontrollierte Züchten von Cannabis durch Hobbygärtner drücke sehr auf die Qualität – auf der Gasse fände man Gras, das überzüchtet und nicht sauber sei. Von schlechtem Gras soll man die Finger lassen. Hans-Peter ist für eine Entkriminalisierung und dafür, dass der Staat die Aufzucht kontrolliere.

Versicherung bezahlt den Hasch
Mit seiner Versicherung hat Hans-Peter eine besondere Abmachung ausgehandelt. Diese übernimmt die Kosten von 500 Franken pro Monat, die er in Hasch investiert. Eine Win-Win-Situation: Hans-Peter bekommt das Medikament seiner Wahl und die Versicherung zahlt 500 Franken statt 10’000 – so viel würden die verschriebenen Medikamente kosten. «Ich sagte ihnen, dass ich nur Hasch will und wieviel das koste. Sie waren einverstanden und wollten einfach die Quittung des Dealers.» Hans-Peter lacht: «Aber es funktioniert auch ohne Quittung.» Nicht nur wegen den geringeren Kosten ist Hans-Peters Versicherung gewillt seine alternative Behandlung zu unterstützen, auch blieb Hans-Peter seit seinem Unfall frei von Entzündungen und Problemen mit Organen – wie es bei Paraplegikern öfters der Fall ist.

Hans-Peter sieht sich als Präzedenzfall und will andere Menschen motivieren. Sein unkonventioneller Weg der Genesung ist ein gutes Beispiel wie man als Patient selbst Verantwortung übernehmen kann. In der Schweiz ist derzeit medizinisches Cannabis nur schwer zugänglich und meist nicht das, was Patienten verlangen. Hans-Peter ist Mitglied im «Medical Cannabis Verein Zürich» – ein Verein der sich dafür einsetzt, dass medizinisches Cannabis entkriminalisiert und gefördert wird. Dort möchte er Patienten, die sich für medizinisches Cannabis interessieren, helfen und beraten. Jeder Patient sollte Zugriff auf Cannabis haben und dieses legal, sauber und richtig dosiert erwerben können.

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