18. September 2022 um 05:00

Popmusiker:innen: Hört der Gegenwart zu!

Für ihr Buch «Es hilft, dass ich Leute anschreien darf» hat Bettina Dyttrich 13 Bands und Popmusiker:innen aus der ganzen Schweiz interviewt. Darunter auch die Zürcher Rap-Ikone Big Zis, die findet: «Wahrscheinlich sind wir verdammt dazu, nicht wirklich gescheit zu werden.»

Ein Versuch, hässig, aber nicht toxisch zu sein: Artbabe von Hatepop mit der Berner Rapperin Soukey live im Gaskessel Bern im Januar dieses Jahres. (Foto: Tatjana Rüegsegger)

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Nostalgie überall: Popmusik ist heute wohl das grösste Heimwehgenre überhaupt. Neue Popbücher und -filme handeln meistens von Mu­si­ker:in­nen, die seit dreissig oder vierzig Jahren tot sind. Schon seit den Beatles habe es nichts Neues mehr gegeben, meinen manche. Andere nehmen Postpunk oder, was weiss ich, Britpop als Referenz – und reden doch nur von sich selbst, von der eigenen verklärten Jugend.

Aber dann kommt Mitte der zehner Jahre ein Basler und macht etwas, was noch niemand vor ihm versucht hat. Angeregt von einer Spielerei in einem Onlineforum, kombiniert Manuel Gagneux überlieferte Sklav:in­nen­ge­sän­ge der US-Südstaaten mit Metal und erfindet etwas ganz Neues. Mit seiner Band Zeal & Ardor ist der virtuose Sänger und Multiinstrumentalist heute wohl der wichtigste Schweizer «Music Export» und hat Fans auf allen Kontinenten. Nur weiss das ausserhalb der Metalszene kaum jemand.

Zeal & Ardor sind nur ein Beispiel für die überbordende Kreativität der Schweizer Pop- und Rockszene – einer Szene, die noch nie so vielfältig und weltoffen war wie heute. Und deren überraschendste Erfolgsgeschichten nicht unbedingt im Inland beginnen: Bei der Basler Band gab ein Bericht im «Rolling Stone» den Ausschlag. Die St. Gallerin Priya Ragu wurde zuerst im indischen Radio gross, dann wurde BBC aufmerksam und erst dann die Schweiz.

Die jungen Bewegungen der letzten Jahre – Klima- und feministischer Streik, Black Lives Matter – inspirieren viele Schweizer Pop­mu­si­ker:in­nen. Und umgekehrt. Dass in alternativen Schweizer Kulturlokalen kulturelle und politische Aktivitäten neben- und miteinander stattfinden, hilft dabei sicher. In jedem Interview für das Buch ging es auch um politische Fragen. Etwa da­rum, wie sich Tourneen umwelt- und menschenfreundlich gestalten lassen, wie Frauen und nonbinäre Menschen mehr Gewicht bekommen oder was das Internet mit der Psyche anstellt. Und um die Bedeutung des Kollektivs: Die älteste Band im Buch, Les Reines Prochaines, betont sie genauso wie die jüngste, Hatepop. «Das Kollektiv ist eine fantastische Arbeitsform», sagt Fränzi Madörin, bald sechzig, eine der Basler «Königinnen». Musikalisch hat das Frauentrio mit seinen schrägen Chansons rein gar nichts zu tun mit den Ber­ner:in­nen Mitte zwanzig von Hatepop, die wütenden Rap, poppige Traurigkeit und laute Gitarren kombinieren. Aber beide Bands verstehen sich als Kollektiv, arbeiten nicht nur musikalisch, sondern auch visuell und legen viel Wert auf Queerfeminismus.

In den Texten und Videos der Zürcher Rapperin Big Zis umfasst das Kollektiv nicht nur Menschen: Sie hat auch intime Beziehungen mit Bibern, Pilzen und Ausserirdischen. Auf traditionelle binäre Geschlechterrollen lässt sich hier nichts mehr festnageln. Trotzdem sieht sich Zis weiterhin als Frau und rappt auch gern über ihr Geschlecht(steil). Aber die dummen Attribute sind weg; Frau kann alles sein, so seltsam und weit wie das Weltall.

«Die Grenzen sind durchlässiger geworden in der Popmusik der Schweiz», schreibt der Berner Popjournalist Benedikt Sartorius im Vorwort. «Vieles verwebt sich, auch dank hellwachen Konzertlokalen wie dem Bad Bonn in Düdingen oder dem Palace in St. Gallen, weil derartige Orte neben freien Bandräumen immer noch am wichtigsten sind. Vieles erscheint auch fluider, etwa die Musiken ausserhalb einfacher Genrezuschreibungen, aber auch die verschiedenen Bandgefüge.»

Die Berner Band Jeans for Jesus steht im Buch vielleicht am meisten für das, was Sartorius meint. Denn noch vor knapp einem Jahrzehnt dachten viele, das gehe nicht zusammen: sich zeitgenössischen, hedonistischen Synthiepop anzueignen und dazu linke, berndeutsche Texte zu singen. Dabei zeigt genau das wunderschön die Möglichkeiten von Pop. Jeans for Jesus machen seit dem Anfang beides: radiotauglichen Pop zum Mitsingen und gleichzeitig, wenn man sich auf die ganzen Alben einlässt, sperrige, vielschichtige, überfordernde Kunst. Ohne dass sich genau sagen lässt, wo das eine aufhört und das andere anfängt. Und das ist im Pop ja überhaupt nichts Neues. Das begann spätestens bei den Beatles. Aber, liebe Nos­t­al­gi­ker:in­nen, es geschieht auch heute noch.

Les Reines Prochaines: Ideen sofort ausprobieren!

Eure Körper sind in euren Programmen sehr präsent – ein lustiger, liebevoller Umgang damit. Ist das ein Konzept?

Muda Mathis: Das ist kein Konzept – glaube ich. Wir haben eine feministische Haltung, versuchen, etwas zu formulieren, und dann zeigen sich Dinge. Wir sind nicht sehr kontrolliert. Dinge zeigen sich, während wir am Spielen, am Zusammenbauen sind.

Aber ihr habt in den achtziger Jahren doch alle Kunst studiert? Da ist schon Theorie im Hintergrund?

Muda: Als wir Kunst studierten, hat man …

Sus Zwick: … keine Theorie gemacht. (Lacht.)

Fränzi Madörin: Ich habe nie Kunst studiert. Ich bin «nur» Schneiderin.

Muda: Aber man ist natürlich trotzdem gebildet, über die vielen Jahre.

Sus: Ja. Aber nicht unbedingt theoretisch.

Fränzi: Wir kommen stark aus der Praxis. Nicht lange dar­über reden. Man muss Ideen sofort ausprobieren, dann weiss man, ob es funktioniert.

Seit 35 Jahren ein Kollektiv: Les Reines Prochaines 2022 vor einem Konzert in St. Gallen. (Foto: Florian Bachmann)

Heute singt ihr oft über das Alter. In eurer Oper «Alte Tiere hoch­gestapelt» beginnt ein Lied mit wohlmeinenden Ratschlägen – «Setz dich doch im Haus zur Ruh» –, endet dann aber: «Mit den Alten weiterkämpfen, ohne mich zu dämpfen».

Sus: Das ist von mir. Es kam mir in den Sinn, als es im Lockdown plötzlich hiess, alle ab 65 seien Risikogruppe. Das ist mir so eingefahren!

Hast du dich vorher gar nicht als alt wahrgenommen?

Sus: Doch, aber es war trotzdem eine Zäsur. Ich bin ja auch die Älteste in der Band. Ihr dürft alle noch, aber ich darf nicht mehr …

Sind Klischees über alte Frauen besonders hartnäckig? Ich habe nie den Klischees meines Geschlechts oder Alters entsprochen, aber ich merke, diese Altersklischees machen mir Angst.

Sus: Man bleibt einfach so, wie man ist. Und passt halt nicht zu den Alten, wenn man vorher schon nicht gepasst hat.

Fränzi: Manche Dinge verschärfen sich auch. Wenn ich andere beobachte: Ui, die war schon immer explosiv, und jetzt aufs Alter wird sie noch viel explosiver oder erholt sich nicht mehr davon … Da merke ich bei mir selber: Ich muss aufpassen, dass ich nicht extremer werde.

Es akzentuiert sich?

Fränzi: Genau, es gibt Dinge, die sich akzentuieren. Nicht nur angenehme.

Mir scheint, ihr versucht, dem älteren Teil des Publikums Selbst­bewusstsein zu geben, weil es vielleicht angeknackst ist.

Fränzi: Genau.

Muda: Es ist ja schon hart genug, dass sich der Körper und auch die ganze seelische Struktur nochmals verändern oder verstärken im Alter, dass man körperlich eine heftige Zeit hat. Aber das reicht doch schon! Deswegen nochmals Scham empfinden? Noch einmal meinen, nicht zu genügen? All diesen Scheiss kann man doch wirklich weglassen. Und auch ein bisschen darüber ­lachen.

Hatepop: Die schlechtesten Seiten hervorholen

Ich habe den Eindruck, eure Musik ist ziemlich hässig, aber gleichzeitig versucht sie, nicht toxisch zu sein. Ist das so?

Artbabe: Betonung auf «versucht». Wir gehen nicht davon aus, dass es gelingt.

Seretid: Ich gehe davon aus, dass das «Yung Fuckups»-Tape extrem viele toxische Momente hat. Es ging da ja auch darum, wie man es schafft, damit umzugehen.

Artbabe: Und darum, unsere schlechtesten Seiten hervor­zuholen. Und sich damit aktiv auseinanderzusetzen. Es wirkt nicht reflektiert, aber das solls auch nicht. Es ist keine analytische Arbeit, es sind Gefühle. Wir haben nicht mit einem Bildungsauftrag an­gefangen. Wir wollten diese Gefühle loslassen.

Zu diesem Kollektiv gehören nicht nur jene, die auf der Bühne stehen: Hatepop im Backstage des Berner Gaskessels. Vorne Poetin Jessica Jurassica. (Foto: Tatjana Rüegsegger)

Nehmt ihr euch selber ernst? Das ist mir nicht immer ganz klar. Eine Zeile wie «irgendwänn verfilmet irgendöpper mau mis Tagebuech» ist ja recht ironisch, oder?

Artbabe: Ja. (Gelächter.) Ich habe das geschrieben. Eigentlich ist es schon ernst. Der Geltungsdrang. Egal ob du etwas Wertvolles beisteuerst. Dass dich irgendjemand wahrnimmt.

Jessica Jurassica: Ist doch gar nicht so unrealistisch: Ich habe mein Tagebuch bei einem Verlag rausgebracht!

Seretid: Wir arbeiten mit Übertreibungen und Überspitzungen, aber die Gefühle dahinter sind uns nicht fremd.

Ihr macht euch nicht über jemanden lustig?

Alle: Nein.

Jessica: Das ist auch ein Grund, warum wir zusammen­arbeiten, warum mich diese Musik sehr berührt. Das sind Leute, die ernsthaft über ihre Probleme reden wollen, egal wie überspitzt das alles ist. Ich arbeite ähnlich.

Bei euren Texten hat man manchmal Angst, dass ihr morgen tot seid.

Artbabe: Das erste Album ist auch wirklich Traumabewältigung. Es gab schon Zeiten in meinem Leben, wo ich dachte, mit 25 bin ich tot. Ich bin sehr froh, bin ich aus dem raus, aber die Gefühle sind geblieben, lange. Und das musikalisch zu verarbeiten, hat mir geholfen, es loszulassen. Irgendwann habe ich gecheckt, wie albern manche Texte sind. Aber erst, als ich sie aufschreiben konnte.

Jeans for Jesus: Mut statt Lokalheldentum

Ihr habt Verbindungen hergestellt, die es vorher nicht gab. 2014 habt ihr euch mit dem ersten Album mit Songs wie «Kapitalismus Kolleg» und «Surprise» klar links positioniert, verbunden mit einer Musik, von der damals viele dachten, sie sei damit nicht kompatibel.

Mike Egger: Ja, für die Ber­ner:in­nen war es wirklich Yuppie­scheiss! Heute ist das anders, heute kannst du auf Mundart alles machen. Pronto singt Mundart und tönt so cool, dass es auch im Ausland funktioniert.

Demi Jakob: Wir haben gar nie darüber nachgedacht, eine andere Sprache zu brauchen. Berndeutsch schreiben hat uns einfach angezogen, uns Resonanz gegeben. In einem Popsong gehst du eh immer davon aus, dass es um Liebe geht. Und bis zur Zeit unseres ersten Albums hatte ich immer Lover, die Berndeutsch redeten. Darum wäre es auch seltsam gewesen, dafür eine andere Sprache zu gebrauchen. Wir haben so viel über einzelne Wörter nachgedacht …

Mike: …  und hatten so Freude daran! All diese Überlegungen: Wann ist es eine Beiz, wann eine Bar? Wann sagst du: «I bi bsoffe», wann «I bi betrunke»? Und warum? Diese Diskussionen liebe ich immer noch. Darum verstehe ich auch nicht, warum die Leute nicht in ihrer eigenen Sprache schreiben, wenn sie sich über Texte ausdrücken wollen. Das ist eigentlich das einzig Wichtige am Schreiben – dass das richtige Wort am richtigen Ort hockt. Das nehmen wir megaernst.

Zeitgenössischer Pop mit berndeutschen Texten – aber gern auch Ausflüge in andere Sprachen: Philippe Gertsch, Mike Egger und Leila Šurković von Jeans for Jesus in der Schüür, Luzern, im November 2021. (Foto: Tatjana Rüegsegger)

Jetzt habt ihr euer letztes Album «19xx_2xxx_» auf Französisch und auf Hochdeutsch veröffentlicht. Eure grösste Fanbase ist immer noch Bern. Habt ihr Angst, die vor den Kopf zu stossen?

Demi: Das Lokalheldending interessiert mich wenig. Treue und Fürsorge gegenüber einer Hörerschaft finde ich wichtig, aber man schuldet ihr auch einen gewissen Mut. Ein hochdeutsches Album nicht zu machen, weil man vielleicht ein paar Leute langweilt oder vergrämt, wäre doch mutlos.

Mike: Wir haben in der Band auch darüber gesprochen. Wir setzen aufs Spiel, dass Leute, die uns lieben, sich zurückgewiesen fühlen und sich abwenden. Sind wir bereit, dieses Risiko einzugehen? Alle fanden: ja, voll.

Obwohl ihr sie gar nicht zurückweisen wollt?

Mike: Ja, es wäre schade, wenn es passiert. Ich wäre froh, die Leute würden es nicht so eng sehen. Rumpelstilz veröffentlichten «Füüf Narre im Charre» auch auf Hochdeutsch. Wenn Züri West ein deutsches Album gemacht hätten, hätte ich es einfach nicht gehört, aber ich wäre als Zwölfjähriger nicht auf die Idee gekommen, es als Verrat an meiner Identität zu lesen. Da spüre ich dann schon einen gewissen künstlerischen Trotz – come on, dann hör doch einfach Patent Ochsner, la üs eifach la si!

Zeal & Ardor: Dann halt ein Lied über den Teufel

Wie siehst du deine Rolle in den Black-Lives-­Matter-Protesten? Du hast 2020 die EP «Wake of a Nation» gemacht, quasi aus der Ferne.

Manuel Gagneux: Ich wollte mich nie als Galionsfigur von etwas sehen, in das ich nicht direkt involviert bin. Aber gerade für uns, die wir uns ja an den musikalischen Elementen der Schwarzen bedienen, wäre es extrem feig, einfach nichts zu sagen. Die Hälfte der Songs auf dieser EP war schon geschrieben und sollte eigentlich aufs nächste Album, da starb George Floyd. Darum haben wir die politisch relevanten Songs als EP rausgebracht.

Du hattest bereits vor Floyds Tod Songs zu Polizeigewalt und Black Lives Matter geschrieben?

Ja, auch «I Can’t Breathe». Das war auch der Satz von Eric Garner, der 2014 unter ähnlichen Umständen wie Floyd ums Leben kam. Es ist eine Gratwanderung. Man könnte uns vorwerfen, wir würden Kapital aus dem Thema schlagen. Aber wenn wir es nicht machen, könnte man uns vorwerfen, wir seien ignorant.

Black Metal und Black Music: Manuel Gagneux hat mit Zeal & Ardor Fans auf allen Kontinenten. (Foto: Florian Bachmann)

Gehen die Leute anders mit dir um, seit ­Schwarze Proteste so ein grosses Thema sind? Denn wie du sagst, es ist jetzt hip, muss in fast jeder Kultur­produktion vorkommen.

Genau. Es ist wie mit dem «neuen» ­Feminismus, der zum Teil auch wie Schmuck gebraucht wird. Aber ich habe meinen Frieden damit. Von der Kulturszene halte ich mich sowieso ziemlich fern.

Du hast immer gesagt, du wollest die Kunst vom Künstler trennen und es sei dir wichtig, dass es nicht deine Erfahrungen seien, über die du singst. Aber es macht emotional doch etwas mit dir, wenn du über Polizeigewalt oder Erfahrungen von Sklav:in­nen singst?

Es gibt immer ein gewisses emotionales Involvement, wenn ich Musik schreibe. Diese Hingabe heisst aber nicht, dass ich die ganze Zeit da­rin leben muss. Das wäre extrem anstrengend. Ich sehe mich nicht als Protagonisten dieser Songs; ich habe das ja nicht erlebt. Die Lieder sind schon emotional, aber nicht immer aus dem Grund, der aus dem Text ersichtlich ist. Vielleicht hatte ich auch einfach einen schlechten Tag – schreibe ich halt ein Lied über den Teufel!

Big Zis: Zürich als LSD-Pilz

Lustig finde ich, dass du als eine der Ersten die Pilze reingebracht hast – mit dem Video «­Hyphe ­Myzel Hype» von 2017. Das war noch vor dem Hype um das Buch «Der Pilz am Ende der Welt» von Anna Lowenhaupt Tsing. Seither ist die Kunstwelt voller Pilze.

Big Zis: Ich kenne das Buch nicht, aber ich finde Pilze faszinierend, so fremd, wie Aliens. Der Mensch kommt ja nicht über sich selbst hin­aus. Ich kann mir nichts vorstellen, was es nicht gibt, was mir völlig fremd ist. Ich kann höchstens etwas kombinieren, das nicht zusammengehört. Das kann fantastisch sein.

Es gibt die Tendenz, Bäume oder Pilze zu vermenschlichen. Eine Sackgasse, glaube ich.

Aber es ist logisch, dass wir versuchen, die Welt mit verwandten, uns anverwandten Dingen zu erklären. Sonst können wir sie ja gar nicht in Worte fassen. Es würde wahrscheinlich helfen, uns mehr bewusst zu werden, dass unsere Lebensrealität nur eine von vielen ist. Und wahrscheinlich nicht einmal eine besonders spezielle. Aber es ist halt unsere. Wahrscheinlich sind wir verdammt dazu, nicht wirklich gescheit zu werden. Es fällt uns schwer, empathisch zu sein mit anderen Lebewesen. Wir schaffen es ja nicht einmal untereinander wirklich, mit völlig art­verwandten Freunden.

«Ich war ja mal drei Jahre in Biel – ganz komische Idee!» Aber für Konzerte ist die Stadt am Röstigraben immer gut: Die Zürcherin Big Zis im April 2022 im Le Singe. (Foto: Florian Bachmann)

Ist das Pilzmyzel in deinem Video auch eine Metapher für die Stadt?

Ja, von dort kommt es. Ich war siebzehn oder achtzehn, habe LSD genommen und bin mit einer befreundeten Person auf den Üetliberg. Wir haben auf Zürich hinuntergeschaut und fanden, hey, das sieht ja aus wie ein Netz oder ein Pilz, der sich ausbreitet …

Und leuchtet auch noch!

Genau. Das Bild hat mich nie mehr losgelassen, darum habe ich viele Jahre später mit Lichtern die Stadt nachgebaut. Es war kurz vor Weihnachten, ich habe in Baumärkten ganz viele Lichterketten besorgt. Und mir ein Kostüm gebastelt aus LSD-Lichtern – äh, LED-Lichtern.

Das Video ist auch eine Hommage an Zürich. Fühlst du dich wohl hier?

Ja!

Letztes Jahr ist noch «Honig» dazugekommen, ein Duo mit Marton di Katz. Darin heisst es, diese Stadt habe keine Hymne verdient. Es ist aber trotzdem eine.

Natürlich. Ich bin in Winterthur geboren und aufgewachsen, aber ich lebe schon viel länger hier. Ich würde in keiner anderen Stadt der Schweiz wohnen wollen. Ich war ja mal drei Jahre in Biel – ganz komische Idee!

Was schätzt du denn an Zürich?

Ich kenne es einfach so gut. Meine Freunde sind hier … Die Grösse gefällt mir auch – nicht so klein wie Winterthur, aber auch nicht so gross wie New York. Vor kurzem habe ich als ­Velokurierin angefangen und bin sehr glücklich damit.

Als vor ein paar Wochen 3000 Leute gegen Nazis auf die Strasse gingen, fand ich auch: Yes! Das ist immer noch meine Stadt. Und – das ist wahrscheinlich sehr egozentrisch – ich fühle mich verbunden mit Zürich, aber ich glaube, Zürich fühlt sich auch verbunden mit mir. Ich ­repräsentiere es.