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Bild: Claudio Schwari via Unsplash.

Polarisierung am Arbeitsmarkt - was nun?

Keine Massenarbeitslosigkeit, sondern Jobpolarisierung und individualisierte Lebensumstände: Wie der technologische Wandel unsere Arbeitswelt verändert und warum das bedingungslose Grundeinkommen keine Universallösung ist.
10. Oktober 2019

Autoren: Remo Agovic & Guido Baldi, reatch.ch


Der Prozess der Automatisierung und Digitalisierung schreitet mit hohem Tempo voran. In der öffentlichen Diskussion werden neben utopischen Visionen einer arbeitsfreien Zukunft auch düstere Zukunftsbilder gezeichnet. Manchmal wird argumentiert, dass als Folge einer drohenden Massenarbeitslosigkeit ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden soll – also ein fester und für alle gleicher Betrag, den alle erwachsenen Individuen ohne Bedingungen und Kontrolle erhalten. Doch droht überhaupt eine Massenarbeitslosigkeit? Und ist ein bedingungsloses Grundeinkommen ein geeignetes Mittel dagegen?

Technologischer Wandel bislang ohne Nachteile

Alles in allem deuten die verfügbaren Studien und Daten darauf hin, dass der gegenwärtige technologische Wandel bislang vielen Beschäftigen erstaunlich wenige Vorteile gebracht hat: Die Produktivität und die durchschnittlichen Reallöhne haben in den vergangenen Jahren im historischen Vergleich nur wenig zugelegt. Eine Massenarbeitslosigkeit – hervorgerufen durch den technologischen Wandel – zeichnet sich aber bislang nicht ab. Technologische Umwälzungen führen oft zu neuen Berufen und – zumindest in der Vergangenheit – sind langfristig mehr Arbeitsplätze geschafft als vernichtet worden.

Gerade in technologisch fortgeschrittenen Ländern wie der Schweiz oder Deutschland ist momentan die Arbeitslosenquote niedrig und es gibt in vielen Bereichen einen Mangel an Fachkräften. Der gegenwärtige technologische Wandel könnte aber zu einer stärkeren Polarisierung am Arbeitsmarkt und einer höheren Ungleichheit bei den Einkommen führen. Wir sehen bereits seit einigen Jahren erste Anzeichen dafür. In mehreren Ländern profitieren einige Menschen stark vom technologischen Wandel, während andere schlecht bezahlte Jobs annehmen müssen.

Alternativen suchen

Es ist aber fraglich, ob wir so drastische Alternativen zu den gegenwärtigen Sozialsystemen brauchen wie etwa das bedingungslose Grundeinkommen. Da sich eine Massenarbeitslosigkeit gegenwärtig nicht abzeichnet, wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen zu wenig zielgerichtet; alle würden ja das Grundeinkommen erhalten, unabhängig davon, ob sie es auch benötigen. Ein Vorteil des bedingungslosen Grundeinkommens ist aber, dass es der erhöhten Individualisierung der Lebensumstände Rechnung trägt. Viele Menschen möchten etwa den Übergang in den Ruhestand flexibler wählen und freier über die richtige Balance zwischen Familie und Beruf entscheiden. Auch müssen sich Menschen in einer ständig verändernden Welt laufend um- und weiterbilden können.

Abgeschwächte und zeitlich begrenzte Varianten eines Grundeinkommens könnten deshalb sinnvoll sein – etwa eine Art Auszeit-Einkommen oder ein sogenanntes Chancenerbe. Solche Varianten würden jedem Individuum die Möglichkeit geben, sich Aus- und Weiterbildungen, Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen bis zu einem gewissen Grad auf unbürokratische Weise zu finanzieren. Bei solchen Modellen wären die finanziellen Mittel, die jede Person im Leben bedingungslos zur Verfügung hätte, deutlich geringer als bei einem bedingungslosen Grundeinkommen. Ab einem gewissen Betrag könnte die Fortzahlung eines solchen Auszeit-Einkommens an Bedingungen und Nachweise geknüpft werden.

Ob ein solches Auszeit-Einkommen, ein bedingungsloses Grundeinkommen oder doch einfach eine leichte Modifizierung der bestehenden Systeme die bessere Lösung ist, hängt wesentlich davon ab, wie sich der technologische Wandel in den kommenden Jahren auf unser Leben und unsere Arbeit auswirkt. Es ist die Aufgabe der Wissenschaft und der Gesellschaft, vermehrt mit verschiedenen Arten eines Grundeinkommens oder Auszeit-Einkommens Untersuchungen anzustellen und zu experimentieren. Somit würden wir mehr Erfahrungen und Fakten haben, um Entscheide über die Zukunft der Arbeit und der sozialen Sicherungssysteme zu fällen.

Über die Autoren
Remo Agovic ist Mitglied der Projektgruppe Zukunft der Arbeit bei reatch. Er studiert Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich. Guido Baldi ist Leiter der Projektgruppe Zukunft der Arbeit bei reatch. Er forscht an der Universität Bern.
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