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Katrin Gügler, Joëlle Zimmerli, Moderatorin Helene Obrist und Markus Mettler (v.l.n.r.). (Fotos: Elio Donauer)

«Die Europaallee ist ein extrem gutes Lehrstück»

Nachhaltigkeit ist auch beim Bauen und Entwickeln von neuen Arealen ein wichtiges Gebot der heutigen Zeit. Doch wie wird der knappe urbane Platz sinnvoll genutzt? Darüber wurde an der Tsüri.ch Podiumsdiskussion zur nachhaltigen Arealentwicklung diskutiert.
16. Dezember 2020

Der Fokusmonat zum Thema Wohnen 2020 fand gestern im Karl der Grosse seinen Abschluss. Das Podium zur nachhaltigen Arealentwicklung fand zwar ohne Publikum, wohl aber im Internet als Live-Stream statt. Mitdiskutiert haben Katrin Gügler, Direktorin Amt für Städtebau Stadt Zürich, Joëlle Zimmerli, Soziologin und Planerin und Markus Mettler, CEO der Halter AG – geleitet von Moderatorin Helene Obrist. Wie also plant, baut und nutzt man Areale und urbane Plätze nachhaltig?

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«Nachhaltiges Bauen beginnt bei den Fragen ‹Wo baue ich, in der Stadt oder auf dem Land?›, ‹Wie dicht baue ich?›, ‹Und was bedeutet das für den Freiraum?›», beginnt Katrin Gügler. Dabei gehe es auch darum, für die Bewohner*innen einer Überbauung eine gewisse Nachhaltigkeit zu schaffen – mit Berücksichtigung der Ziele einer 2000-Watt-Gesellschaft. Markus Mettler unterstützt diese Ansicht und fügt hinzu: «Bei der Planung einer möglichst sinnstiftenden Innenverdichtung müssen zwingend auch die Nachbarschaft und die umliegenden Quartiere miteinbezogen werden.» Er spricht an, was Joëlle Zimmerli auch in ihrer Forschung immer wieder beschäftigt. Es sei wichtig, die bereits ansässigen, wie auch die zukünftigen Bewohner*innen eines Quartiers zu fragen, was sie sich wünschen, so die Soziologin.

So weit, so gut, doch bekanntlich kommen beim Bau eines neuen Wohnareals viele Interessensgruppen zusammen. Über diese Komplexität weiss Gügler, die «oberste Stadtplanerin Zürichs» wie sie von Moderatorin Obrist genannt wird, mehr. Von der Planungslogik her, gebe es zwei Wege: «Entweder man bewegt sich als Bauherr*in im Rahmen der Bau- und Zonenordnung oder aber man bewegt sich in einem Rahmen, der darüber hinaus geht – dann ist ein Gestaltungsplan oder eine Sondernutzungsplanung von Nöten. Der zweite Weg führt über den Stadtrat ins Parlament.» Doch egal welcher Weg man einschlägt: Die Akzeptanz müsse seitens der Interessensgruppen vorhanden sein. Und diese zu schaffen, benötigt viel Zeit. Gügler sieht dies jedoch als Chance für uns Stadtbewohner*innen, denn durch diesen Prozess sei auch eine Mitgestaltung möglich.

An diese langwierigen Planungsprozessen hätte er sich bereits gewöhnt, sagt Mettler. Als CEO einer Baufirma brauche es viel Verständnis für die verschiedenen Interessensgruppen: «Manchmal ist eine Denkpause gar nicht mal so schlecht.» Als Planerin kennt auch Zimmerli das Dilemma: «Man muss aufpassen, dass in diesen langwierigen Prozessen das Ziel nicht aus den Augen verloren wird.» Grundsatzdiskussionen darüber, was bei einer konkreten Arealentwicklung zentral sein soll und was nicht, seien deshalb immens wichtig, so Zimmerli. «Das Projekt soll einen Beitrag zur Quartierentwicklung leisten und nicht einfach alle denkbaren Möglichkeiten eines öffentlichen Platzes vereinen. Dazu gehört auch, dass der Unterschied zwischen Partikularinteressen und öffentlichen Interessen verstanden wird.»

Die Rolle der Nachhaltigkeit im ökologischen Sinne ist unbestritten. 2008 entschied sich die Stadt Zürich für die 2000-Watt-Gesellschaft. Dementsprechend soll der Energieverbrauch pro Person bis im Jahr 2050 auf 2500 Watt gesenkt werden – für das Klima. Wie gut lässt sich unter diesen Umständen bauen? «Der gesetzliche Rahmen ist die Grundlage für den städtischen Wohnungsbau und wir bewegen uns natürlich in diesem Rahmen», so die Direktorin des Amts für Städtebau der Stadt Zürich. Laut Gügler ist das Wissen über klimaneutrale Bauweisen vorhanden, planerisch müssten die Energien noch besser umgesetzt werden.

Mettler ist der Meinung, dass unbedingt zwischen den beiden Themen nachhaltige Arealentwicklung im soziokulturellen Sinne und nachhaltiger Arealentwicklung im ökologischen Sinne unterschieden werden müsse. Bei ersterem brauche es um einiges mehr Optimierung als bei baulichen CO2-Massnahmen. Diese Vorgaben seien Gesetzes wegen bereits sehr gut.

Das verdichtete Bauen bereitet den Menschen Sorgen.
Katrin Gügler, Direktorin Amt für Städtebau Stadt Zürich

Zimmerli pflichtet dem bei: «Die Standards in Bezug auf die Energieffizienz sind in der Schweiz sehr hoch.» Ihr seien in den letzten Jahren drei Veränderungen bezüglich der Klimadiskussion aufgefallen. «Erstens: Die ideale Bauform gibt es nicht, eine Stadt braucht verschiedene Typologien. Zweitens: Bäume brauchen Platz, man muss sich also über Unterbauungen (z.B. Tiefgaragen) Gedanken machen und drittens: Begrünung im Aussenraum, Stichwort Biodiversität.» Aus diesem Grund habe die Diskussion rund ums Klima auch einen Beitrag für die Lebensqualität von uns Bewohner*innen geleistet.

Ob man sich bei der Planung von öffentlichen Räumen manchmal wie Gott vorkomme, fragt Obrist in die Runde. Gügler verneint: «Diese Planung ist eine Teamleistung.» Die Stadt habe auch eine moderierende Funktion: Interessen offenlegen, Lösungen entwickeln. Ein wichtiges Instrument könnte daher der kommunale Richtplan werden, so Gügler: «Dieser wird festhalten, wie sich Zürich bis 2040 entwickeln soll. Qualität statt Quantität ist das Credo.» Auch Infrastrukturen wie Schulen, Entsorgungsstellen, Polizeiquartiere etc. sollen in dem Richtplan Platz finden. Doch auch wenn die Basis steht, das Land ist knapp und deshalb seien auch Bauherren, die mitziehen würden, entscheidend.

Aufgrund des begrenzten Bodens in der Stadt wird verdichtetes Bauen immer entscheidender. Wichtig sei jedoch in erster Linie die Nutzungsverdichtung, sagt Zimmerli. «Früher hat man sich wenig Gedanken darüber gemacht, ob es in einem Quartier beispielsweise auch eine Schule braucht – wenn man Siedlung an Siedlung baut muss man sich auch fragen, welche Anforderungen die Bewohner*innen an den Rest des Quartiers hat. Ein Zentrum macht mehr aus, als mehrere nebeneinanderliegende Siedlungen.» Die Nutzungsmischung müsse zwingend gewährleistet und bereits bei der Planung berücksichtigt werden.» Gügler räumt ein: «Die Stadt weiss sehr genau, wo ein Schulhaus hinmuss und wo nicht. Wir kennen die Konfliktherde zu den Interessen sehr gut und haben diese zu einem grossen Teil bereinigt.»

Die Gesprächsteilnehmer*innen waren oft gleicher Meinung – mit Ausnahme der Europaallee.

Es sei gut, wenn eine Stadt oder Gemeinde ein klares Bild von ihrer Zukunft habe, meint Mettler zum kommunalen Richtplan: «Das macht es uns als Bauherren einfacher und transparenter.» Nutzungsverdichtung und bauliche Verdichtung gehe jedoch Hand in Hand. «Je dichter eine Stadt, desto grösser ist der Wunsch nach öffentlichem Raum», so Mettler. Zimmerli konkretisiert: «Wenn die Nutzungen gut sind, ist auch mehr bauliche Verdichtung möglich.» Denn die Lebensqualität soll nichtsdestotrotz möglichst gut sein, «schliesslich leben wir nicht in Hongkong», betont die Soziologin und Planerin. Dort habe man es mit ganz anderen baulichen Dichten zu tun. «Das Grundsatzproblem ist, dass immer erst über die bauliche Verdichtung diskutiert wird und erst danach über die Nutzung – das müsste eigentlich umgekehrt sein», so Zimmerli. Mettler von der Halter AG ist in diesem Punkt gleicher Meinung: «Oft werden Chancen verpasst, wenn man nur über Beton spricht.»

Zürich ist nicht Hongkong, gerade mal 0.6 Meter wuchs die Limmatstadt laut einer Auswertung des Tagesanzeigers im vergangenen Jahr in die Höhe. Hochhäuser scheinen hierzulande alles andere als en vogue zu sein. «Das Hochhaus galt lange Zeit als Sinnbild von einem Ghetto», weiss Zimmerli. In den 60er Jahren habe man versucht, auf diese Weise Platz für möglichst viele Menschen zu schaffen. Heute sei es gerade umgekehrt: «Heute wird oft angenommen, dass nur reiche Menschen in Hochhäuser wohnen können.» Trotzdem würden sich laut Zimmerlis Studien fast 50 Prozent der Befragten vorstellen können, in einem Hochhaus zu wohnen. Allgemein sei eine positive Entwicklung bezüglich der Bauform Hochhaus zu verzeichnen, zumal auch die Stadt sich vermehrt dafür aussprechen würde, so die Soziologin.

Der Blick geht herüber zu Gügler. Die Stadtplanerin der Stadt Zürich möchte aber erst noch etwas zur Verdichtung sagen: «Das verdichtete Bauen bereitet den Menschen Sorgen – so nehmen wir das zumindest wahr. Ist das noch verträglich? Ist das noch unsere Stadt? Deshalb stossen Projekte, die verdichtet sind, auch auf Widerstand in der Bevölkerung.» Beim Thema Hochhaus bleibt Gügler pragmatisch. Wie Zimmerli schon kurz zuvor angesprochen hatte, brauche es zwingend unterschiedliche Bautypen in einer Stadt. Das Hochhaus biete auch Chancen, aber vielleicht müsste man sich neue Formen für öffentliche Räume überlegen; beispielsweise eine Stockebene nur mit Gemeinschafträumen oder ein Café als Treffpunkt im Erdgeschoss, so Gügler.

Je dichter eine Stadt, desto grösser ist der Wunsch nach öffentlichem Raum.
Markus Mettler, CEO der Halter AG

Mettler sieht dies ähnlich. Das Problem von Hochhäusern in der Gesellschaft ist ihm zufolge, dass dieser Bautyp das Sinnbild von Innenverdichtung darstellt und Innenverdichtung wird oft mit einer Verdrängung von günstigem Wohnraum gleichgesetzt. «Man muss der Bevölkerung immer wieder aufzeigen, dass es eben auch bei verdichteten Bauten Nutzungsdiversitäten gibt und dass die Qualitäten davon auch real sind», so Mettler. Trotzdem sei das Mass einer Verdichtung wie auch der Ort, wo verdichtet werden soll, entscheidend, sagt Zimmerli. Ihrer Meinung nach mache es keinen Sinn, am zersiedelten Stadtrand ein Hochhaus hinzustellen. «Es braucht eine gute Mischung von sehr verdichteten Gebieten und eher offenen Landschaften», ist sich die Soziologin sicher. Das mache schliesslich eine Stadt aus.

Ein oft kritisiertes Beispiel einer Arealentwicklung ist die Europaallee. Die Betonschlucht gilt als teuer und ungemütlich. «Im Nachhinein ist man immer gschiider», sagt Gügler. Das werde auch in Zukunft immer wieder so sein. «Die neuen Erkenntnisse sind bei der Europaallee schneller gekommen als die Planung gedauert hat.» Und man lerne aus den Fehlern, sagt die Stadtplanerin bestimmt. Zudem dürfe nicht vergessen werden, dass Städtebau nicht nur bei der Planung, sondern auch beim Aneignungsprozess Zeit brauche. Auch Zimmerli findet: «Die Europaallee ist ein extrem gutes Lehrstück. Zu wenig Aufenthaltsraum, zu viel Schlucht.» Es sei aber interessant, wie sich Nutzer*innen einen solchen Raum trotzdem aneignen würden – beispielsweise Skater*innen, die den betonierten Brunnen für Tricks benutzen.

Der CEO der Halter AG widerspricht den beiden Frauen in der Runde: Er findet, die Europaallee sei keine schlechte Arealnutzung. Das Projekt passe in die urbane Umgebung neben dem Bahnhof und in 20 Jahren werde die Stadtzürcher Bevölkerung mit Stolz von der Allee sprechen. «An diesem Ort ist das das Beste, was man hat machen können», so Mettler.

Zimmerlis Lieblingsbeispiel ist das Steinfelsareal. Das Areal, das Ende der 90er im Kreis 5 entwickelt wurde, habe es geschafft, die Nutzungsdiversität ideal umzusetzen. Es war eines der ersten Projekte, seiner Art. Gügler hingegen nennt das «Mehr als Wohnen» in Leutschenbach und das Kochareal, auf dessen Entwicklung sie sehr gespannt ist. «Es entsteht momentan sehr viel Spannendes.»

Wir leben nicht in Hongkong.
Joëlle Zimmerli, Soziologin und Planerin

Auch das Thema um die Bestandserneuerung werde sich weiterentwickeln, ist sich Gügler sicher. Früher habe man alles abgerissen und neu gebaut, heute gehe man etwas anders damit um und versuche, Lösungen zu finden, die auch andere Optionen zulassen würden. Mettler kritisiert vor allem den verkrampften Umgang mit Bestandserneuerungen: «In den Diskussionen gibt scheint es immer nur zwei Varianten zu geben: Entweder man reisst das alte Gebäude ab und baut etwas komplett Neues oder man ergänzt etwas, das aber ‹biedermeiermässig› zum Ursprungsobjekt passen muss.» Fachlich sei dies fehlerhaft und würde der Diversität im Weg stehen.

Die Podiumsdiskussion hat also trotz des etwas umständlichen Begriffs der nachhaltigen Arealentwicklung gezeigt, dass das Thema aktueller und wichtiger denn je ist – denn: Wie wir bauen, so leben wir.

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