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Bild & Ton: Elio Donauer

«Wer sich nicht weiterbildet, läuft grosse Gefahr, aus dem Arbeitsmarkt zu fallen»

Wir Schweizer*innen sind europäische Spitze, wenn es um Weiterbildung geht. Fast 60 Prozent der Menschen hier wollen auch im aktiven Berufsleben noch lernen. Möglichst viele Diplome sollen den Lebenslauf aufpeppen, in der Hoffnung auf den nächsten Karrieresprung. Ob uns dies tatsächlich etwas nützt, ist bei Expert*innen umstritten.
13. Februar 2020

Text: Simon Jacoby, Bild & Ton: Elio Donauer

Die Bildungsindustrie ist ein Milliardengeschäft. Es gibt immer mehr Weiterbildungen, Tagungen, MAS und weitere Diplome, die Privatpersonen und Firmen ein Vermögen kosten. Was macht der Staat und was machen die Privaten? Warum lernen Kinder gerne, Erwachsene aber nicht? Und wie hat sich das Weiterbildungsbedürfniss in den vergangene Generationen verändert?

Diese grossen Fragen haben am Mittwochabend rund 50 Erwachsene in ein Schulzimmer des Schulhauses Feld in Zürich gelockt. Auf dem von Vivienne Kuster moderierten Podium diskutierten folgende Expert*innen:

Das Wichtigste zuerst: Was ist eigentlich diese Bildung?

Bereits bei der ersten Frage zeigten sich die unterschiedlichen Positionen:

Die ETH-Professorin Ursula Renold spricht dann von Bildung, wenn ein Kompetenzzuwachs stattgefunden hat. Zu beachten sei, dass rund 60 Prozent der Kompetenzen informell, also nicht in einer Schule, erworben werden.

Sophie Blaser, Kindergartenlehrerin und Gewerkschafterin beim VPOD wählt eine weniger individuelle, sondern eine allgemeinere Perspektive: Es sei eine staatliche Aufgabe, die Kinder und Jugendlichen so auszubilden, dass sie erfolgreich an der Gesellschaft teilnehmen können.

Michael Zurwerra, Rektor der Fernfachhochschule wird in seinem Eingangsvotum freigeistlich philosophisch und definiert Bildung als «sich ein Bild von etwas machen». Dies gehöre zum Menschsein und es sei zentral, dass alle Menschen Zugang zu Bildung haben und diese auch kritisch begleitet wird.

Die Grüne Kantonsrätin Karin Fehr Thoma merkt an, dass Bildung immer von unserem Menschenbild geprägt sei und auch eine Reaktion auf die Herausforderungen der Gesellschaft sei. Als aktuelles Beispiel nennt sie die Klimakatastrophe, welche nun in die BIldungspläne miteinfliessen müsste.

Vivienne Kuster und Sophie Blaser

Was macht der Staat und was machen die Privaten?

Einig sind sich alle, dass der Staat allen Menschen eine gute Schulbildung garantieren muss. Die ETH-Professorin, Ursula Renold, gerät bei unserem differenzierten Bildungssystem gar ins Schwärmen, weil sie erst nach der KV-Lehre den akademischen Weg eingeschlagen habe. Diese Durchlässigkeit sei eine Stärke unseres Bildungssystems und mache sie stolz. Die privaten (Weiterbildungs-)Schulen würden an einem anderen Punkt ansetzen. Der Rektor der Fernfachhochschule Schweiz, Michael Zurwerra, erklärt, dass grössere Unternehmen immer öfter ganz spezifische und modulartige Weiterbildungen für ihre Mitarbeitenden suchen würden.

Dieses Modulartige kann zwar ganz konkret in einer Situation helfen, doch: Wenn Arbeitnehmende auf Stellensuche viele kleine Zertifikate vorweisen können, dann verwirre das die Arbeitgebenden, weil ihnen eventuell Vertrauen in die nicht standardisierten Abschlüsse fehlt. Wie Renold erklärt, führen daraufhin viele Firmen Assessment ein, um die Fähigkeiten der Bewerber*innen erneut zu testen.

Die Gewerkschafterin Sophie Blaser merkt zudem richtigerweise an, dass erstens die staatliche Schule unbedingt gratis und so für alle zugänglich sein muss und zweitens, dass sich Weiterbildungen nur jene mit einem etwas dickeren Portemonnaie leisten können. So gehe die Schere immer weiter auf.

Warum lernen Kinder gerne, Jugendliche aber nicht so sehr?

«Kinder sind neugierig und wollen lernen, sie gehen alle auf ihre Art und Weise offen auf die Welt zu», erklärt die, die es wissen muss. Die Kindergartenlehrerin Sophie Blaser erzählt, dass die eigene Motivation, etwas zu lernen, bei kleinen Kindern besonders gross sei. Zum Beispiel, wenn sie ein Konzert veranstalten, dann bräuchten sie Plakate und um diese beschriften zu können, müssen sie die Buchstaben kennen. Doch viele Kinder verspürten offenbar bereits im Alter von vier Jahren einen grossen Leistungsdruck von den Eltern. Dieser Druck führe dazu, dass die Lern-Motivation abnehme. Zurwerra merkt an, dass in der Schule leider auch viel gelehrt werde, das im Leben gar nie gebraucht werde. Man müsse die Kinder dort abholen, wo sie sind: «Das Interesse kommt, wenn die Schüler*innen wählen können».

Jein, meint dazu die ETH-Bildungsforscherin Renold: Nicht alles, was man später im Leben braucht, interessiere die Schüler*innen. Gewisse Kompetenzen könne man teilweise erst Jahrzehnte später aktivieren und sei dann glücklich über den früherigen Schulstoff. Daher brauche es eine Balance nach Pflichtstoff fürs Leben und dem Spassigen im Moment.

Das ganze Gespräch:

Und wie hat sich das Weiterbildungsbedürfniss in den vergangenen Generationen verändert?

Unbestritten: Das Tempo, in dem neue Kompetenzen für den Beruf erworben werden müssen, hat in den vergangen Jahren massiv zugenommen. Unisono sind sich die Expert*innen einig: Verantwortlich dafür ist die Digitalisierung. Ursula Renold: «Die digitale Transformation beschleunigt die veränderten Anforderungen am Arbeitsplatz und die Schulen sind zu langsam, um darauf zu reagieren. Wer sich nicht weiterbildet, läuft grosse Gefahr, aus dem Arbeitsmarkt zu fallen.»

Die Bildungspolitikerin Thoma gibt unumwunden zu, dass die Politik langsam sei und darum den Bildungsplan nicht subito an neue Anforderungen anpassen kann. Man versuche aber den gesetzlichen Rahmen so zu gestalten, dass mehr Flexibilität möglich sei.

Das Schulsystem müsse immer die nächste Generation bilden, erklärt Sophie Blaser und äussert Verständnis für das etwas langsame Schulsystem: «Heute wissen wir schlicht nicht, wie unsere Welt und Gesellschaft in Zukunft aussehen werden.»

Michael Zurwerra, Karin Fehr Thoma und Vivienne Kuster

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