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Über den «Physikneid» in den Wirtschaftswissenschaften

An der Universität Zürich findet eine Vorlesungsreihe zu alternativen Wirtschaftsmodellen statt. Die Organisator*innen vom Verein Plurale Ökonomik präsentieren hier die besprochenen Themen. Hier folgt der zweite von dreizehn Teilen.
01. Oktober 2019

In der 1. Vorlesung haben wir gesehen, dass die Methodik der Ökonomik auf derjenigen der Physik beruht. In der 2. Vorlesung wurden die Auswirkungen davon diskutiert. Hier liefern wir dir einen kurzen Überblick.

Einige Ökonom*innen behaupten, dass sich der «Physikneid» in den Wirtschaftswissenschaften breit gemacht hat. Dieser drückt einerseits die Orientierung der Ökonomik an der Methodik der Physik aus. Andererseits wird so auch eine gewisse Verachtung der Geschichte der Ökonomik Ausdruck verliehen. Denn durch die naturwissenschaftliche Herangehensweise einer sozialwissenschaftlichen Disziplin wurde 1. die verbohrte Suche nach Universalprinzipien und 2. die Mathematisierung der Wirtschaftswissenschaften gefördert.

Ökonom*innen haben sich in der Entwicklung der ökonomischen Theorie der Suche nach Universalprinzipien verschrieben. Die Spieltheoretiker Neumann und Morgenstern (1944) wollten wie Newton das eine grundlegende Prinzip finden. Obwohl sie sich eigentlich bewusst waren, dass im Gegensatz zur Physik, die von Beobachtungen von mehreren Jahrtausenden profitieren konnte, in der Ökonomik die Daten dazu fehlen. Ein weiterer Ökonom, der dieses Vorgehen begrüsste, war Paul Samuelson. Im Jahre 1966 lobte er Léon Walras für die Begründung des Gleichgewichtsprinzips, um dieses dem Gravitationsprinzip von Newton gleichzustellen. Einmal mehr versuchte sich die Ökonomik so den Status der Physik anzueignen. Obwohl die methodischen Bezüge der Ökonomik zu Newton heute immer noch vorhanden sind, werden sie seit dem Lob von Samuelson 1966 (fast) nicht mehr explizit genannt.

Die Mathematisierung der Ökonomik wurde unter anderem vom Mathematiker William Whewill vorangetrieben. Er formulierte 1829 die Prinzipien von Ricardo in mathematischen Modellen, um die politische Ökonomie systematischer und die Beziehungen klarer darzustellen. Er sah die Mathematik als eine andere Art von Sprache. Allerdings wird heute die Anwendung der Mathematik in der Ökonomik auch kritisiert. Dani Rodrick, ein Entwicklungsökonome, stellte 2007 in seinem Blog fest, dass wir Mathematik brauchen, um sicher zu stellen, dass unsere Schlussfolgerungen vollständig sind. Daraus folgerte er: «...we use math not because we are smart, but because we are not smart enough.» Auch die Nobelpreisträger, Paul Krugman und Paul Romer kritisieren die zunehmende Mathematisierung der Ökonomik. Krugmann kritisierte, dass dies die Ökonom*innen daran hinderte die Finanzkrise von 2008 hervorzusehen.

Der Ökonome Ronald Coase, der den Nobelpreis für das Coase Theorem erhielt, kritisierte, dass die Ökonomik die Gründe für ökonomische Entscheidungen nicht gut erklärt. Er plädierte dafür, dass empirische Studien gemacht werden um zu untersuchen was wirklich geschieht, und nicht was theoretische geschieht. Als weiteren Weg sah er die Spezialisierung auf einem bestimmten Gebiet, damit die Menschen wirklich wissen von was sie sprechen. So soll gewährleistet werden, dass wir uns auf kontextspezifische Lösungen fokussieren und nicht Universalprinzipien blind folgen.

Die Philosophin Suzann-Viola Renninger und der Ökonom Ulrich Woitek haben die Vorlesung mit der Hypothese geschlossen, dass eine andere Art von Pluralität in den Wirtschaftswissenschaften nötig ist, als unsere Vorlesungsreihe präsentiert. Denn viele ökonomische Theorien bauen auf der gleichen Methodik auf. Aber ist es nur die Methodik, die die Ökonomik an den heutigen Punkt gebracht hat oder sind es viel mehr moralische und ideologische Aspekte? Wir werden dieser Hypothese in den weiteren Vorlesungen auf den Grund gehen.

In der nächsten Vorlesung stellt sich Marc Chesney der Frage, inwiefern es eine neue Denkschule braucht.

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