Sophie Blöchlinger: «Im Schnittraum hatte ich von Anfang an diesen Instinkt, dieses ganz klare Gefühl darüber, ob die Dinge sich richtig oder falsch anfühlen.»

«Plötzlich fällt das Teil an den richtigen Ort und es macht Klick»

Die Editorin des Kinoerfolgs «Platzspitzbaby», Sophie Blöchlinger, ist für den Schweizer Filmpreis nominiert. Anlässlich der «Woche der Nominierten» publizieren wir ein Interview, das wir vor einem Jahr mit der Zürcherin geführt haben. Sie erzählt uns darin, weshalb ihr Beruf lange nur von Frauen ausgeübt wurde und dass im Schnittraum von «Platzspitzbaby» die Frage, wie viel Schmerz man zeigen will, zu grossen Diskussionen geführt hat.
22. März 2021
Redaktionsleiterin

Bevor am Freitag, 26. März, der Schweizer Filmpreis verliehen wird, werden in der «Woche der Nominierten» alle nominierten Filme online gezeigt. Ab heute werden über die Websites des Zürcher Filmpodiums und der Cinémas du Grütli in Genf insgesamt 25 Spiel-, Dokumentar-, Abschluss- und Animationsfilme gezeigt, die in einer der zwölf Kategorien für einen «Quartz» nominiert sind. Darunter finden sich dieses Jahr besonders viele Zürcher Produktionen, namentlich die mehrfach nominierten Spielfilme «Mare» von Andrea Staka, «Platzspitzbaby» von Pierre Monnard, «Schwesterlein» von Stéphanie Chuat und Véronique Reymond und der dokumentarische Essay «Nemesis» von Thomas Imbach. «Platzspitzbaby» ist nicht nur in den Kategorien «Bester Film», «Bestes Drehbuch» (André Küttel) und «Beste Darstellerin» (Luna Mwezi und Sarah Spale) nominiert, sondern auch für die «Beste Montage». Verantwortlich für Letztere war Editorin Sophie Blöchlinger, die wir vor einem Jahr dazu interviewt haben.


Der Spielfilm «Platzspitzbaby» hat bislang über 200’000 Kino-Besucher*innen angelockt. Das Drama über die heroinsüchtige Sandrine und ihre 11-jährige Tochter Mia, das auf der Autobiografie von Michelle Halbheer basiert, könnte somit zum erfolgreichsten Schweizer Film der vergangenen Jahre werden. Doch bei der Berichterstattung über Werke wie diese wird oft ein essenzielles Puzzleteil vergessen: Der Schnitt. Wir haben deshalb mit Sophie Blöchlinger (35), der Editorin von «Platzspitzbaby» gsprochen. Sie sagt: «Der Schnitt ist wie ein stilles Wunder. Er ist nichts für die Bühne, denn ein Schnitt verschwindet. Erst wenn du den Editor nicht mehr spürst, ist er wirklich gut.»

Rahel Bains: Der vergangene Sommer bedeutete für dich vor allem: «Platzspitzbaby». Während sich der Rest der Stadt in Parks und an Sommerkonzerten vergnügt hat, bist du hinter dem Schnittpult gesessen und hast das Rohmaterial von Regisseur Pierre Monnard, mit dem du schon bei der SRF-Serie «Wilder» zusammengearbeitet hast, geschnitten. Was hast du nach der offiziellen Abgabe des Projekts als Erstes gemacht?

Sophie Blöchlinger: Ich habe mit einer Freundin eine Flasche Prosecco getrunken und bin vom Velo gefallen (lacht).

Wenn nach stundenlangem Binge-Watching eine TV-Serie zu Ende geht, dann stellt sich manchmal eine gewisse Leere ein. Man beginnt, die Charaktere zu vermissen, so, als hätte man sie tatsächlich gekannt. Ging es dir nach dem Schneiden von «Platzspitzbaby» ähnlich?

Manchmal ist es auch die Thematik, die man loslassen muss. Wenn ich schneide und die Gesichter der Schauspieler*innen beobachte, dann mache ich die Mimik mit meinem Gesicht meist nach. Bei einer Szene wie jener, in der Mia zig Glückslose aufrubbelt und schliesslich anfängt zu weinen, sitze ich zwölf Stunden mit riesigen Runzeln und feuchten Augen vor dem Computer. Ich frage mich dabei, wie es ist, wenn du einen Schmerz so lange in dich reinfrisst und er irgendwann an die Oberfläche kommt. Und ich überlege mir: Kommt er schnell wie ein Hammer und lässt dich wie ein verletztes Tier aufschreien oder kommt er schleichend – und wie ist deine Atmung dabei? Bei einem Film wie «Platzspitzbaby», der ja bekanntlich viele solcher Szenen hat, löst das dann schon viel aus.

Wie schaffst du es, während eines Projekts die Balance zwischen Job, Kind und dem ganzen Rest hinzukriegen?

Wenn ich so intensiv an einem Film wie diesem arbeite, fange ich an, die Leute zu meiden. Auch deshalb, weil ich in meiner Freizeit nicht auch noch über den Film reden will (was für Aussenstehende ja auch sehr langweilig wäre) – ich aber eigentlich auch über nichts anderes sprechen kann. Ich sitze dann wie in einem Karussell und das einzige, das mich dort wieder rausholt, ist Zeit mit meinem Kind. Ich glaube auch, dass mich das Zusammensein mit meinem Sohn inspiriert. Weil es ja am Ende ums Gleiche geht: Um pure Emotionen.

Eine Diskussion war auf jeden Fall: Wie viel Schmerz wollen wir zeigen und wie hart? Wie viele Spritzen, wie viele blaue Adern, wie viel weissen Schaum vor dem Mund?
Sophie Blöchlinger, Cutterin

Mit welchen inhaltlichen Herausforderungen wart ihr bei «Platzspitzbaby» konfrontiert? War es zum Beispiel Teil einer Diskussion, wie oft und wie nah man die drogenabhängige Sandrine aber auch andere Junkies zeigt?

Ein Punkt und eine Diskussion war auf jeden Fall: Wie viel Schmerz wollen wir zeigen und wie hart? Wie viele Spritzen, wie viele blaue Adern, wie viel weissen Schaum vor dem Mund? Für wen ist dieser Film, wie viel «Kaputtness» darf man zeigen und ab wann ist es ein Film, der nur noch runterzieht? In diesem Zusammenhang gab es grosse Diskussionen im Schnittraum, bei denen die Meinungen auseinander gegangen sind. Am Ende gab es aber ein, zwei Tricks und Ideen des Regisseurs und mir, die geholfen haben, die Stimmung zu heben.

Gibt es eine Figur, die du besonders ins Herz geschlossen hast?

Es gibt zwei Figuren, die ich sehr gerne habe und die ich auch wahnsinnig gut gespielt finde. Zum einen Lola, die Freundin von Mia. Es ist so spannend, wenn Figuren ambivalent und dann auch noch glaubwürdig sind. Lola ist gross, eher «chubby», sagt auch mal «Fotze», «Fick dick» und flucht sogar auf russisch. Und dann ist da dieser Moment am Feuer mit ihrem Freund, der sie im Stich lässt. Da umgibt sie plötzlich etwas unglaublich Verletzliches und Zartes. Das hätte nicht jede Besetzung so gut hingekriegt. Mein zweiter Favorit ist der Dealer von Sandrine. Man hat das Gefühl, dass er ihre Tochter Mia echt mag. Für mich ist er ein «Good hearted Bad Boy».

Lola und Mia (Foto: zVg)

Was machst du, wenn die schauspielerische Leistung die Erwartungen nicht erfüllt?

Das Fiese ist: Am Ende weiss niemand von den schlechten Takes. Zuerst schneide ich das Schlechte weg und schaue, was übrig bleibt. Oft tausche ich den O-Ton gegen eine besser gesprochene Einstellung aus, denn bei mangelhafter schauspielerischer Leistung steht die falsch ausgesprochene Betonung fast noch mehr als die Mimik im Vordergrund. Ein anderer Trick ist auch, den Ton einfach wegzulassen und eine Szene stumm beziehungsweise nur mit Musik zu schneiden.

«Platzspitzbaby» wird die Schweizer Kinohits «Zwingli» und «Bruno Manser» wohl bald überholen. Hast du mit diesem Erfolg gerechnet?

Ich habe mir darüber ehrlich gesagt nicht so viele Gedanken darüber gemacht. Mich überrascht und freut es, dass ein Film wie dieser Erfolg hat und bei den Leuten reingeht, gerade weil er sich nicht durch einen reisserischen Plot hervorhebt, sondern mehr eine Momentaufnahme ist.

Der Oscar-preisgekrönte Filmeditor William Goldenberg hat einst in einem Interview gesagt: «Wenn du eine gute Einstellung hast und 14-Stunden-Schichten mit einem Lächeln auf dem Gesicht absolvieren und die Leute um dich herum gut behandeln kannst, ist das quasi der Schlüssel zum Erfolg. Als Editor musst du verstehen, dass es der Film des Regisseurs und es deine Aufgabe ist, ihm zu helfen, den bestmöglichsten Film zu kreieren.» Ist der Mythos, dass Filmeditoren*innen am Tag locker 14 oder mehr Stunden ackern wahr?

Das wird schon mal verlangt. Und ja, meine Arbeit ist tatsächlich ab und zu sehr crazy. Das hat damit zu tun, dass ein Schnitt nie fertig ist. Du hast gefühlt 100’000 Möglichkeiten, um die verschiedensten Dinge auszuprobieren – und hast bis zum Schluss nie alles erforscht. Keine der involvierten Personen kennt das Material so gut wie du. Nicht einmal der*die Regisseur*in.

Für einen Film von 90 Minuten wird wochenlang gedreht, manchmal sogar mit mehreren Kameras. Hattest du beim Schneiden von «Platzspitzbaby» ab und an das Gefühl, dass du dich verlierst aufgrund des vielen Materials?

Ja, dieses Gefühl kenne ich. Mir wird dann richtig schlecht, also physisch. Weil ich merke, dass mit der Emotionalität oder mit dem Rhythmus etwas nicht stimmt. Ich beginne dann, die einzelnen Clips hin- und her zu jonglieren – und plötzlich fällt das eine Teil an den richtigen Ort und es macht Klick. Im besten Fall ist Schneiden ist für mich wie Malen nach Zahlen. Ich habe verschiedene Elemente in der Hand und es ist ganz klar, wo sie hingehören. Und im schlechtesten Fall wird mir eben schlecht (lacht).

Der Schnitt ist wie ein stilles Wunder.
Sophie Blöchlinger, Cutterin

Wie gross sind deine gestalterischen Möglichkeiten als Cutterin?

Je sicherer und selbstbewusster die Regisseur*innen, desto mehr Freiheiten können sie dir lassen, weil sie den Mut haben, Dinge auszuprobieren. Weil sie offen sind dafür, dass ihre ursprüngliche Idee allenfalls nicht genau dem entspricht, was am Ende gedreht wurde. Das Verhältnis zu den Regisseur*innen ist übrigens ein sehr Spezielles: Du musst ihnen das Vertrauen geben, dass du ihnen den Film nicht wegnehmen willst. Und dann kommt der nächste Schritt, wo du auch mal sagen können musst: Hey, die Idee funktioniert nicht.

Musstest du zuerst lernen, diese Art von Kritik zu platzieren?

In jedem anderen Bereich meines Lebens: Ja. Aber im Schnittraum hatte ich von Anfang an diesen Instinkt, dieses ganz klare Gefühl darüber, ob die Dinge sich richtig oder falsch anfühlen. Was ich aber lernen musste war, abzuschätzen, wann ich zuerst einfach mal liefern muss was gewünscht ist, und wann der richtige Moment gekommen ist, um Zweifel oder eine neue Idee zu präsentieren. Einen Schnitt kannst du nicht theoretisch erklären, du musst ihn machen – und dafür auch mal eine Nacht durcharbeiten.

Das muss Leidenschaft sein – als Mutter freiwillig eine Nacht Schlaf herzugeben. Und am Schluss ist dann doch oft so, dass bei der medialen Berichterstattung in erster Linie Regie und Schauspieler*innen erwähnt werden und der Schnitt eher ein Schattendasein fristet. Wieso liebst du genau Letzteres so sehr und sitzt nicht auf dem Regiestuhl?

Ich war genau zweimal auf einem Filmset und konnte danach ganz klar alle Berufe ausschliessen, die dort beheimatet sind. Weil ich Tempo und Hektik nicht mag. Der Schnitt hingegen, der ist wie ein stilles Wunder. Er ist nichts für die Bühne, denn ein Schnitt verschwindet. Erst wenn du den Editor nicht mehr spürst, ist er wirklich gut. Deshalb galt der Beruf lange als Frauendomäne. Weil er nicht prestigeträchtig ist.

Ist es also okay für dich, dass viele Leute, die du kennst, nicht genau wissen, was du eigentlich machst?

Dass die Presse in erster Linie über die Regie schreibt und auch über die Kamera, aber nie über den Schnitt ist für mich nicht so schlimm – einfach bisschen inkompetent vielleicht. Der Punkt, an dem das mangelnde Ansehen mich zu stören beginnt, ist, wenn in den Produktionen – bei «Platzspitzbaby» war das zum Glück nicht der Fall – vor allem Schnitt-Assistenten aus dem Budget gestrichen werden. Das untergräbt unsere Autorität. Hey Leute: Wir Cutter wie auch jene aus dem Ton und der Filmmusik sind in einen unglaublich wichtigen, kreativen Prozess involviert, stehen unter enorm viel Druck und geben unser Bestes. Also gebt uns einen fucking Assistenten.

Schneiden war früher also ein Frauenjob – und heute?

Seit wir digital arbeiten würde ich sagen, dass ihn mehr Männer als Frauen ausüben. Genaue Zahlen dazu kann ich aber nicht liefern. Was ich aber sagen kann ist, dass die meisten anderen Editorinnen die ich persönlich kenne, Dokumentarfilme schneiden. In der Werbung und im Spielfilm sind es hingegen vor allem Männer, die hinter dem Schnittpult sitzen.

Noch vor nicht allzu langer Zeit mussten Editoren und bekanntlich ja vor allem Editorinnen die einzelnen Takes noch mit Tesafilm zusammenkleben. Wie muss man sich das vorstellen?

Ich habe mal eine andere Cutterin getroffen, die mit Romy Schneider zusammengearbeitet hat. Man war damals noch viel mehr «ausführende Kraft», eine «Dienstleisterin». Der Regisseur war von Beginn an mit dabei. Er war es, der das Material gesichtet und gesagt hat, welche Takes die besten sind. Die Cutterin hat nur noch ausgeführt. Man hatte natürlich auch viel weniger Material zur Verfügung, weil die 33mm und 16mm-Filmrollen so teuer waren.

Alle sprechen gleichzeitig, man fällt sich gegenseitig ins Wort, reisst oft das Gespräch mit einem guten Spruch an sich.
Sophie Blöchlinger, Cutterin

Du arbeitest auch in der Werbebranche. Muss man sich dort als Frau mehr behaupten?

Ich weiss nicht, ob man sich mehr beweisen muss, aber man muss sicher eine genaue Beobachtungsgabe dafür haben, wie Männer kommunizieren und sich darauf einlassen können, da die meisten Führungspositionen in dieser Branche von Männern besetzt sind. In einer Abnahme sitzen schnell mal 15 Leute in einem Raum – und dann reden vor allem die Männer. Ich fand die Gesprächskultur Anfangs sehr schwierig, denn ich bin in einem Frauenhaushalt aufgewachsen und wir hatten, und das ist überhaupt nicht wertend gemeint, eine andere Gesprächskultur. Es war schwierig für mich, da mitzuhalten, weil ich gemerkt habe, dass ich so nicht reden möchte. Es ist ein wahnsinniges Kraftfeld: Alle sprechen gleichzeitig, man fällt sich gegenseitig ins Wort, reisst das Gespräch mit einem guten Spruch an sich. Ich habe das System irgendwann zwar verstanden, hatte aber keine Lust, mich da hineinzugeben. Mittlerweile habe ich diejenigen Leute gefunden, die das anders handhaben.

Welchen Film hättest du gerne geschnitten?

«Parasite« (Anm. d. Red.: hat einen Tag nach dem Interview zahlreiche Oscar-Prämierungen erhalten). Der Schnitt dieses Werks beherbergt extrem viele unterschiedliche Filmsprachen. Es gibt zum Beispiel Slow-Motion-Sequenzen, die völlig theatralisch und überzeichnet sind und dann wieder emotional sehr fein gezeichnete, fast nicht geschnittene Szenen. Weil der Film eine solch übergreifende Vision hat, hat man im Schnitt – wie ich mir vorstelle – völlig frei drehen können, es hätte am Ende so oder so zusammengeführt. Es ist eine Idee vorhanden, die sich in jedem einzelnen Bild und Satz bewährt. Das ist schon cool, denn manchmal bist du im Schnitt die, die den Karren aus dem Dreck zieht, das muss man schon mal sagen. Du machst zwar dein Bestmögliches, doch das führt unter Umständen nicht in jedem Fall zu einem guten Endprodukt. Deshalb kann es in Abnahmen manchmal auch frustrierend sein, wenn alle dasitzen und sagen: «Irgendwie funktioniert dieser Strang zwischen diesen Brüdern noch nicht.» Und du würdest am liebsten sagen: Eigentlich funktioniert er überhaupt gar nicht, aber wegen mir immerhin ein bisschen (lacht).

*Die Autorin Rahel Bains und Sophie Blöchlinger sind befreundet.

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