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Peter Reichenbach, Michelle Halbheer und Moderatorin Anja Conzett (v.l.n.r.).

«Platzspitzbaby» – ein Mahnmal für die Schweizer Gesellschaft

Am 16. Januar 2020 kommt der Spielfilm «Platzspitzbaby» zum gleichnamigen Buch von Michelle Halbheer in die Schweizer Kinos. Gestern, Montag, fand im Kosmos die Vorpremiere mit anschliessender Diskussion statt. In dieser spielte neben der Geschichte des Platzspitzes auch der heutige Umgang mit Suchtbetroffenen eine Rolle.
14. Januar 2020
Praktikantin Redaktion

«Der Film ist auch eine Erinnerung an die Menschen, die es nicht geschafft haben.» Michelle Halbheer ist den Tränen nahe – die Zuschauer*innen leiden mit ihr mit. Das Foyer des Kosmos ist an diesem Montagabend rappelvoll, die Vorpremiere des vorgängig gezeigten Films «Platzspitzbaby» bis auf den letzten Platz ausverkauft. Die mediale Aufmerksamkeit war bereits die Tage zuvor gross. Denn keine Frage, das Thema der Suchtproblematik in Familien bewegt die Menschen.

Der Spielfilm über Michelle Halbheers Kindheit mit einer heroinabhängigen Mutter sollte aber nicht einfach ein Drogenfilm werden, erklärt Peter Reichenbach, einer der Produzenten. Neben ihm und der Autorin des Buches, das als Vorlage des Films diente, waren auch der Immunologie-Professor Peter Grob und der Chefarzt der Zürcher Psychiatrie, Thilo Beck, eingeladen worden, um über die damalige Zeit und die heutige Drogenpolitik zu sprechen.

Vergessene Kinder

«Platzspitzbaby» ist definitiv kein normaler Drogenfilm; es wird keine Moralkeule geschwungen, die Mutter nicht für ihre Handlungen verurteilt. Vielmehr wird der Fokus auf die zwischenmenschliche Beziehung einer Mutter und ihrer Tochter gelegt. Eine Beziehung, in welcher die Liebe zu den Drogen stärker ist als die Liebe zum eigenen Kind.

Dabei werde die Geschichte bewusst aus der Perspektive der elfjährigen Mia – gespielt von Luna Mwezi – erzählt, so Produzent Reichenbach. Denn: «Die Kinder der Drogensüchtigen wurden damals völlig vergessen», sagt Thilo Beck. Beck kam Anfang der 90er-Jahren erstmals in Kontakt mit Suchtkranken und ist seither beim Zentrum für Suchtmedizin, Arud, tätig. Zahlen, um wie viele Kinder es sich konkret handelte, seien damals nicht erfasst worden. Schätzungsweise hätten aber ungefähr 25 bis 30 Prozent aller drogenabhängigen Frauen Kinder gehabt, so der Psychiater. Die meisten von ihnen wuchsen bei Pflegefamilien auf.


Die Needle-Park-Hölle

Wie auch Mia's Mutter im Film, trafen sich damals tausende Drogenabhängige im Park hinter dem Zürcher Hauptbahnhof. Durch seinen zentralen Standort mauserte sich der Platzspitz Ende der Achtziger zum Place-to-be für Süchtige, bis dieser im Februar 1992 von der Polizei überstürzt geräumt wurde. Zuvor war der Immunologe Peter Grob fast täglich auf dem Platzspitz unterwegs, um Heroinabhängige mit sauberen Spritzen zu versorgen.

Die Kinder der Drogensüchtigen wurden damals völlig vergessen.
Thilo Beck, Chefarzt Psychiatrie

Sieben Millionen hätten sie innerhalb von vier Jahren verteilt. In erster Linie, um die HIV- und Hepatitis-Epidemie einzudämmen – und dass, obwohl diese Verteil-Aktionen gegen das Gesetz verstiessen. «In dieser Zeit sind wir mit über zwei Millionen Süchtigen in Kontakt gekommen», erinnert sich der Professor. Viele von ihnen seien in einem schlimmen, körperlichen Zustand gewesen.

Peter Grob (links) und Thilo Beck (rechts).

Erst als die Gesellschaft erkannte habe, dass es sich bei Drogenabhängigkeit um eine Krankheit handelt, sei eine Verbesserung der Zustände möglich gewesen, so Grob. Mit der Vier-Säulen-Drogenpolitik schlug die Schweiz weltweit Wellen. War zuvor sehr repressiv mit der Problematik und den Betroffenen umgegangen worden, wurden neu auch therapeutische Massnahmen, Schadensminderung und die Prävention gefördert. Das Methadonprogramm wurde zum Erfolgsrezept – bis heute.

«Wir müssen aufhören, zu stigmatisieren»

Thilo Beck warnt jedoch: «Wir machten in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren kaum Fortschritte in der Drogenpolitik.» Vielmehr würde wieder mehr gewertet werden. Diese Entsolidarisierung sei besorgniserregend und die Kehrseite des Erfolgs: «Dadurch, dass sich die Szene ins Private verschoben hat, kommen Menschen nicht mehr in Kontakt mit Suchtkranken.» Dies sei zum einen positiv, zum anderen führe es zu weniger Verständnis in der Gesellschaft.

Wir müssen aufhören, Menschen zu stigmatisieren.
Michelle Halbheer, Autorin

Ein Film wie «Platzspitzbaby» könne helfen, dieses Verständnis zu schulen, ist sich Produzent Reichenbach sicher: «Es ist wichtig, dass wir darüber reden – auch ausserhalb vom Kino.» Vorurteile würden oft dazu führen, dass Abhängige ihre Sucht verheimlichen, anstatt sich Hilfe zu suchen, sagt Halbheer aus Erfahrung. Auch im Film bleibt Mia's Mutter, die von Sarah Spale verkörpert wird, lange unentdeckt.

An den Folgen ihrer schwierigen Kindheit leidet die heute 35-Jährige noch heute. Die Verarbeitung sei ein Prozess, sagt sie und schliesst die Runde mit den Worten: «Wir müssen aufhören, Menschen zu stigmatisieren.»

Infos zum Film
 «Platzspitzbaby» erzählt die Geschichte der elfjährigen Mia und ihrer heroinabhängigen Mutter Sandrine. Als Vorlage diente das gleichnamige autobiografische Buch von Michelle Halbheer, wobei im Film laut Aussagen der Autorin nicht alle Szenen autobiografisch wiedergegeben werden. Der Spielfilm läuft ab 16. Januar 2020 in allen grösseren Schweizer Kinos.

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