Platten für die Ohren, Platten fürs Gemüt

Patrik Schmid hat einen Schallplatten-Klub gegründet. Er sieht sich nicht als Konkurrenz, sondern als Ergänzung zu den Streaming-Diensten.
23. März 2020
Journalist

Am Ende muss er fast davonrennen. Patrik Schmid hat so leidenschaftlich über analoge Tonträger gesprochen, dass er die Zeit aus den Augen verloren hat. Jetzt wird er zu spät zu seinem nächsten Termin kommen. Aber für das, was ihm wichtig ist, nimmt er sich gern die Zeit, die es braucht. Und Schallplatten brauchen nun einmal viel Zeit. Sehr viel sogar.

«Klar gibt es bei Spotify alle Musik, die man sich wünschen kann. Ist alles hier drauf», sagt Schmid und deutet auf sein Handy, «aber darum geht es doch überhaupt nicht.» Worum genau es geht, ist allerdings nicht leicht in Worte zu fassen. Es hat mit Gefühl zu tun, mit einer bestimmten Art von Genuss, aber auch ein bisschen mit einer Lebenseinstellung.

Patrik Schmid ist Partner in einer Digitalagentur und verdient sein Geld unter anderem damit, dass er Inhalte, die vorher auf Papier gestanden haben, in digitale Formate überträgt. In seiner Freizeit beschäftigt er sich aber lieber mit Analogem. Gerade hat er mit Sailing for Peace ein Label gegründet, welches seine Musik ausschliesslich auf Vinylscheiben verkaufen will. Ein Widerspruch? Nicht für Schmid. Für ihn vereint dieser Plan vielmehr das Beste aus beiden Welten.

Während das Internet Musik zu einem Allgemeingut gemacht hat, auf welches wir jederzeit kostenlos und von überall her zugreifen können, bieten Schallplatten und CDs noch heute die Möglichkeit sich intensiv in bestimmte Alben und Lieder einzuhören. Das Netz liefert die breite, die Platte die Tiefe – so könnte man die Idee hinter Patrik Schmids Label zusammenfassen. Er sieht sich denn auch nicht in der Rolle eines Verkäufers, hohe Absatzzahlen spielen bei dem, was ihm vorschwebt, keine Rolle. Schmid möchte lieber so etwas wie ein Kurator sein. Er versucht, aus dem breiten Angebot das herauszufiltern, was sich genauer anzuhören lohnt. Die gigantische Menge an verfügbarer Musik auf einen kleine, handverlesene Auswahl zu reduzieren, das ist seine Mission.

Patrik Schmid: «Musikfreaks sollen mir blind vertrauen.»

Aber Schmid will noch mehr. Seine Auswahl soll so gut sein, dass die Musikfreaks ihm blind vertrauen können: Wer Mitglied beim Vinylklub wird, der zu Sailing for Peace gehört, bekommt für 100 Franken viermal im Jahr die neusten Scheiben aus Zürich nach Hause geliefert. In diesen Tagen ist das Projekt gestartet. Bei den momentan etwa 40 Abonnent*innen liegt ein Album des Zürcher Duos Anna & Stoffner im Briefkasten. Gold heisst das Werk und ist eine eigenwillige Mischung exzentrischer Elektro-Kompositionen und Sprechgesang.

Was bringt eine derart regionale Mini-Musikplattform? Geld verdienen damit höchstens die Künstler*innen, wobei Kleinserien in diesem Umfang fast nichts abwerfen. Auf jeden Fall ist es für sie gute Promo, wenn ihr Album an Mitglieder des Vinylklubs verschickt wird. Patrik Schmid führt das Label aus reiner Freude an der Sache. Einerseits will er interessante Künstler*innen bekannt machen. Er, der selbst seit über 20 Jahren bei verschiedensten Bands auf der Bühne und im Studio Schlagzeug spielt, weiss, dass es an solchen Plattformen fehlt: «Idealerweise wird der Klub irgendwann gross genug, dass wir Alben in Sonderauflage bei uns publizieren können», erklärt er. Andererseits sollen auch die Mitglieder auf ihre Kosten kommen: Zu einem fairen Preis gibt es Musik in ihrer besten Form, wie Schmid findet.

Anna & Stoffner – Wiss uf wiss

«Eine Platte zu hören, ist etwas ganz anderes, als bei Spotify ein paar Tracks laufen zu lassen», sagt der Labelgründer. Und tatsächlich: Eine Schallplatte muss man im Regal auswählen, aus der Hülle nehmen, auflegen und nach der halben Spielzeit umdrehen. So etwas wie eine Playlist durchzuhören, ist praktisch unmöglich, genauso wie man hier nicht einfach auf Play drücken kann, wenn man für Gäste etwas Hintergrundbeschallung braucht.

Wer meditativ zuhört, kann sich das Geld für den Yogakurs sparen.
Patrik Schmid

«Schallplatten erfordern ihre Aufmerksamkeit, und genau das ist doch etwas Schönes», sagt Patrik Schmid, und schnell geht es im Gespräch mit ihm dann noch um ganz anderes als Musik. Eben um ein Gefühl, das entsteht, wenn es in den Lautsprechern knistert, bevor die Musik kommt. Wer so meditativ zuhöre, wie er sich das vorstelle, könne sich das Geld für den Yogakurs sparen, findet Schmid und muss ein bisschen über sich selbst lachen. Und dann muss er aber wirklich gehen.

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