Die unterirdische Gütermetro: Cargo sous terrain

Es wird Zeit, den Blick auf die Zukunft der Güter-Mobilität zu werfen. Das Megaprojekt Cargo sous terrain will bis 2045 eine unterirdische Gütermetro vom Boden- bis zum Genfersee bauen. Das neue Verkehrssystem soll oberirdische Strassen entlasten, komplett automatisiert funktionieren und zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden. Ein Gespräch mit Patrik Aellig, Mediensprecher von Cargo sous terrain.
28. Juni 2020
Praktikantin Redaktion

Lara Blatter: In wenigen Worten erklärt – wie funktioniert Cargo sous terrain (CST)?

Patrik Aellig: Der Güterverkehr soll unterirdisch verlaufen. Das heisst wir bauen ein circa sechs Meter breites Tunnelsystem. Darauf verkehren auf drei Spuren automatisierte Fahrzeuge, die Güter von A nach B transportieren. In den sogenannten Hubs – eine Art Güterbahnhof – werden die Fahrzeuge beladen und in die Tiefe gebracht.

Wer steckt hinter diesem Megaprojekt?

CST ist eine Initiative aus der Privatwirtschaft. Es gibt in absehbarer Zukunft Schwierigkeiten und Herausforderungen im Güterverkehr, diese wollen wir aktiv angehen. Unsere Aktionär*innen sind unter anderem die SBB Cargo, Post, Helvetia, Mobiliar, Swisscom, mehrere Banken sowie Coop und Migros. Auch die Stadt Zürich ist seit ein paar Jahren Aktionärin.

Wie hoch ist das Aktienkapital der Stadt Zürich?

Diese Daten sind nicht öffentlich. Aber zu unseren Grossaktionärinnen, die einen Sitz im Verwaltungsrat haben, gehört die Stadt Zürich nicht. Es fliessen somit keine nennenswerten Steuergelder in CST. Es ist mehr eine symbolische Beteiligung und ein wichtiger Support für uns: Die grösste Schweizer Stadt ist interessiert an der Entwicklung von CST.

Alle Szenarien des Bundes zeigen, dass aufgrund des Wachstums von Bevölkerung und Wirtschaft bis 2040 auch der Verkehr stark zunehmen wird. Das UVEK gab dazu einige Zahlen heraus. Aus der «Verkehrsperspektive 2040» ist zu entnehmen, dass der Güterverkehr um 37 Prozent zunehmen wird. Sieht sich CST als eine zukunftsorientierte und umweltfreundliche Ergänzung oder Entlastung des Strassengüterverkehrs?

Prinzipiell ist es eine Entlastung, da wir Güter transportieren werden, die ansonsten mehrheitlich oberirdisch auf der Strasse befördert würden.

Von fünf Lastwagen wären dann zwei nicht mehr auf den Autobahnen.
Patrik Aellig

Wird CST Lastwagen verdrängen?

Wegen CST werden die Autobahnen nicht plötzlich leer sein und die anderen Transportunternehmen Konkurs anmelden – da müssen wir realistisch bleiben. Wir eröffnen zum ersten Mal diese Dimension, dass man mit dem Verkehr in den Untergrund geht. Über die reinen Zahlen hinaus ist das auch ein Paradigmenwechsel und ein grosser Schritt in die Zukunft.

Setzen wir es mit dem Wachstum von 37 Prozent, das Sie erwähnt haben, in Vergleich, dann kann man sagen, dass wir versuchen, dieses Wachstum aufzufangen. Bauen wir das ganze Netz von CST aus, so können wir bis zu 40 Prozent des Güterverkehrs reduzieren. Von fünf Lastwagen wären dann zwei nicht mehr auf den Autobahnen. Für den Verkehrsfluss macht das viel aus.

Ihr setzt beim Betrieb auf 100 Prozent erneuerbare Energien – welche?

Wir werden uns für jene Antriebsform entscheiden, die zum Zeitpunkt der Eröffnung am effizientesten und kostengünstigsten sein wird. Es sind ja doch noch 11 Jahre bis der erste Streckenabschnitt eröffnet wird, darum haben wir uns noch nicht festgelegt. Das Naheliegendste ist Solarenergie, mit dieser haben wir auch unsere Berechnungen durchgeführt.

CST ist umweltfreundlich und ein sehr futuristisches Projekt. Vor 100 Jahren machte man sich zum Beispiel noch keine Gedanken um die Meere: Was im Meer versenkt ist, ist weg. Heute sind wir da sensibler. Habt ihr euch dazu Gedanken gemacht, was es heisst, das Erdreich dermassen zu verbauen?

Das Erdreich ist in der Schweiz relativ gut erfasst, so hat man eine gute Übersicht was wo ist. Und ja, selbstverständlich haben wir auf ökologische Faktoren Rücksicht genommen. Grundwasser ist hier ein grosses Stichwort. Wir können nicht einfach drauf los bauen. Auf der anderen Seite, unterirdisch zu bauen ist nichts Neues – in der Schweiz vielleicht schon, aber U-Bahnen gibt es in vielen Städten.

Aber eine U-Bahn zieht sich meist unter sowieso schon verbautem und städtischem Gebiet und nicht gleich durch ein ganzes Land.

Selbstverständlich, die Dimensionen sind neu. Aber wir müssen und werden mit ökologischer Rücksicht bauen. Es ist ein Zukunftsprojekt, wir können eines Tages nicht mehr alles an der Oberfläche abwickeln. Es gäbe noch die andere Option, bei der man in die Höhe baut – zum Beispiel doppelstöckige Autobahnen. Aber das ist sicherlich nicht im Sinne von den Meisten.

Die Mehrheit der Strassen in der Schweiz werden vom Kanton oder den Gemeinden gebaut. Jetzt kommt CST als privates Unternehmen. Könnte es da nicht etliche Einsprachen geben, wenn zum Beispiel unter jemandes Keller durchgebaut wird? Oder anders gesagt, wem gehört das unterirdische Erdreich?

Heute ist die Rechtslage so, dass keine Grenze in Metern festgelegt ist – also es heisst nicht irgendwie bis 100 Meter unter deinem Grundstück gehören dir. Wenn ein*e Grundstücksbesitzer*in ein legitimes Interesse hat, den Untergrund zu nutzen, dann darf er*sie das. Zum Beispiel Sonden für Erdwärme oder auch eine Tiefgarage darf man bauen.

Die rechtliche Situation im Untergrund ist eine komplexe Sache und ist auch nicht bis ins Letzte geregelt. Für CST muss nun eine eigene Rechtsgrundlage geschaffen werden, damit wir das Projekt überhaupt realisieren können. Im Herbst 2020 wird das Parlament einen Gesetzesentwurf über den unterirdischen Gütertransport vorlegen.

Einerseits muss das Gesetz erlauben, dass man mit solch einem Verkehrsnetz in den Untergrund gehen darf. Andererseits müssen Kantone und der Bund festlegen, innerhalb welcher Räume CST bauen darf. Auch für Eisenbahnen und Nationalstrassen gibt es solche gesetzliche Planungsgrundlagen. Aber ja, Differenzen gibt es immer bei solch grossen Bauprojekten. Dass es auch mal zu Interessenkonflikten kommen kann, ist nicht ausgeschlossen. Unser Ansatz ist, in den Dialog zu treten und dies in einem partizipativen Verfahren zu regeln.

In einem Video wird erklärt, wie CST funktioniert. Dort ist die Rede, dass CST allen diskriminierungsfrei zur Verfügung steht. Was heisst das?

Wir dürfen niemanden bevorzugen, nur weil er*sie bei uns Aktionär*in ist oder uns mehr bezahlt. Wir sind verpflichtet – das wird auch in diesem Gesetz stehen – CST allen zu denselben Konditionen zur Verfügung zu stellen.

Also könnte ich im Jahr 2030, wenn der erste Streckenabschnitt eröffnet werden soll, mit CST von Härkingen-Niederbipp nach Zürich zügeln?

In erster Linie wird unsere Kundschaft aus der Industrie und Nahrungsmittelbranche sein. Das Geschäftsmodell zur privaten Nutzung muss im Detail noch entwickelt werden. Ich vermute, dass es eine Buchungsplattform geben wird – sei das über uns oder zum Beispiel über die Post. Dort können Transporte gebucht werden, so kann es durchaus sein, dass Ihr Transportgut mit CST transportiert wird, aber auch ohne, dass Sie es wissen.

Und diskriminierungsfrei heisst auch, dass alle zu den gleichen Preisen die gleiche Leistung bekommen.

Was wird das kosten?

Genaue Preise gibt es noch nicht. Wir schauen, was der günstigste Preis für einen herkömmlichen Strassentransport ist. An diesem Preis messen wir uns. Wir können nicht doppelt so teuer sein und das rein damit rechtfertigen, dass wir ökologisch sind. Das funktioniert nicht. Wir sind entweder gleich günstig, oder wir bieten einen handfesten Vorteil: Bei unserem Transportweg gibt es keinen Stau, es läuft alles kontinuierlich. Es ist also klar berechenbar, wann die Bestellung ankommt. Haben wir das und andere auf den Strassen schon längst nicht mehr, kann ein Mehrpreis legitim sein.

Die Güter sausen mit 300 km/h unterirdisch von Hub zu Hub. Wie gelangen die Waren am Ende zu den Kund*innen nach Hause?

Wir wollen auf umwelt- und stadtfreundliche Mobilität setzen. Nach heutigem Wissensstand ist das Elektromobilität. Es soll die Strassen nicht noch mehr verstopfen und keine Emissionen bewirken.

Das heisst, CST wird auch eine oberirdische Flotte haben?

Entweder stellen wir eine eigene Flotte auf oder wir arbeiten mit Partner*innen zusammen. Unter unseren jetzigen Aktionär*innen arbeiten bereits einige in diesem Bereich; etwa Post, Coop, Migros.

Heute fährt tendenziell jedes Unternehmen, das über ein Netz von mehreren Filialen verfügt, selbst mit ihren Lieferwagen durch die Stadt. Wenn wir unser Tunnelsystem haben, so sind Waren von verschiedenen Kund*innen bereits zusammen. Ausserhalb von Zürich wird der Hub sein, dort kommt die Ware aus dem Tunnel an die Oberfläche und wird dann mit diesen Elektrotransporter an alle Kund*innen ausgeliefert. Das ist natürlich effizienter, als wenn jedes Unternehmen seine eigenen Transportfahrzeuge durch die Stadt schickt.

Im Video wird der Begriff Recycling angetönt. Was hat CST mit Recycling zu tun?

Wenn wir schon diese Fahrzeuge haben, die durch die Stadt verkehren, dann kann man diese auch sinnvoll für Rücktransporte nutzen. Zum Beispiel kann man Altglas aus der Stadt fahren und zu Sammelstellen bringen.

Gibt es weltweit vergleichbare Projekte?

Es gibt in Singapur und in Holland ähnliche Projekte bzw. Überlegungen. Keines ist aber so weit und in dieser Grössenordnung. Wir haben ein Geschäftsmodell, Investor*innen an Bord und die gesetzliche Grundlage wird ausgearbeitet. Aber es gibt historisch vergleichbare Bauten, in Chicago beispielsweise wurde Mitte des 20. Jahrhunderts ein unterirdisches Frachttunnelnetz gebaut. Und das Grundprinzip ist keine neue Erfindung, das gibt es an vielen Orten: In fast jedem Flughafen läuft die Gepäckabfertigung unterirdisch und automatisiert ab.

Also habt Ihr keine Konkurrenz?

Unterirdisch gibt es noch niemanden, aber es wird immer auch andere Transportarten geben, die man nutzen kann. Auf diesem Gebiet sind wir voraus, aber es wäre auch toll, wenn diese Innovation aus der Schweiz kommt. Das Konzept ist durchaus übertragbar und sinnvoll für dichtbesiedelte Gebiete überall auf der Welt.

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