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Patrick Bolle: Kulturmanager, Autor und Tsüri-Member

Patrick Bolle erzählt Tsüri.ch, wieso er dem Glück nicht nachrennt, was Zürich für ihn ausmacht und von seiner Schwäche für Marzipan.
23. Oktober 2020
Praktikantin Redaktion

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Patrick Bolle betritt das Café Lang am Limmatplatz und läuft erst einmal an Tsüri.ch vorbei. Nach einem 3-sekündigen Telefonat ist das jedoch geklärt und er setzt sich hin. Bei einer Cola mit Eis und Zitrone sagt er, dass er das Stadtmagazin schon von Anfang an verfolge; er ist ein waschechter Tsüri-Member. 2016 hat er als einer der Projektleiter des Vereins Kulturbande das Buch «Tsüri verändern» herausgegeben und hierfür unter anderem Chefredaktor Simon Jacoby porträtiert. Im Sammelband wurde der gesellschaftliche Wandel der Stadt Zürich dokumentiert; hier hat sich in den letzten Jahren viel getan. An Tsüri.ch würde Patrick natürlich nichts verändern wollen, versichert er schnell.

Die Sprache als Brücke zu den Menschen

Patrick ist ein vielseitig interessierter Mensch und offen für Neues. Der 50-Jährige könnte stundenlang in einem Café sitzen und sich fragen: Wie spielt was und warum eine Rolle? «Ich bin ein Nerd für Zusammenhänge», behauptet er von sich. Neugierig wie er ist, scheut er sich auch nicht davor, auf Menschen zuzugehen und ihnen direkte und tiefgründige Fragen zu stellen. Dies kommt ihm bei seiner Arbeit zu Gute: Das neue Projekt der Kulturbande geht nämlich um das Thema Tod. Das Festival «Hallo,Tod!» soll im Frühling 2021 auf künstlerische Art und Weise die Menschen dazu bringen, sich mit dem Tod auseinanderzusetzen. Mithilfe von Diskussionsrunden, Schauspiel oder einem Chor soll ein neuer Zugang zum Thema Tod hergestellt werden. Patrick ist bewusst, dass das Thema in der Gesellschaft mit Angst und Schmerz verbunden ist. Das soll beim Festival auch seinen Platz haben. Wenn es um den Tod geht, wissen wir oft nicht, wie darüber reden; es verschlägt uns wortwörtlich die Sprache, deshalb denkt Patrick:

Wir müssen eine gemeinsame Sprache finden
Patrick Bolle

In einer Kulturstadt wie Zürich brauche es diesen Diskurs, findet er. Um sich auf dieses intensive Projekt vorzubereiten, sprach der Kulturmanager ein Jahr lang wöchentlich mit Jung und Alt über das Thema Tod. «Die Erfahrungen waren immer positiv und bereichernd», betont Patrick. Diesen Austausch will er in seinem kommenden Podcast Tod & Leben weiterführen.

Der Beruf als Leidenschaft

Patrick ist vor 27 Jahren nach Zürich gezogen. Hier gefällt ihm der dörfliche Charme und die städtische Anonymität. In der Limmatstadt fand er sein Zuhause in der Soziokultur-Branche. In seinen Projekten geht es nicht immer um Leben oder Tod, sondern auch viel um Konzerte und Guetzli. Als Leiter des Gemeinschaftszentrums Höngg plant er Anlässe für die (nicht mehr ganz so) Kleinen. Der Familienvater ist stets engagiert; sein Beruf ist gleichzeitig seine Leidenschaft: «Ich würde dasselbe auch ohne Lohn machen», meint er. Patrick packt die Dinge an, auch wenn er nicht immer einen Plan hat, sagt er und grinst.

Patrick ist auch einer der Mitgründer des beliebten Zürcher Filmfluss. Unter freiem Himmel lockte der Event an der Unteren Letten zahlreiche Filmliebhaber*innen vor die Leinwand. Privat setzt Patrick aber lieber auf Krimiserien. In seiner Mittagspause sieht er sich gerne «The Americans» oder «Babylon Berlin» an. «Und ich lese Tsüri.ch!», sagt er und lacht.

Das Lost & Found für Immaterielles

Im Februar 2017 wurde der Pavillon auf dem Zürcher Werdmühleplatz vom ehemaligen Tickethäuschen zu einem Fundbüro für alle. Wer samstags im Fundbüro2 vorbeikam, der hatte nicht etwa den Schlüsselbund verloren, sondern die Motivation, die Leidenschaft oder gar die grosse Liebe. Bis Ende 2017 durften die Menschen persönlich oder im Netz ihre Lost & Found-Meldungen bei den Kulturschaffenden abgeben (Hier geht es zum Tsüri.ch-Artikel). Das Kunstprojekt, welches Patrick zusammen mit Journalistin und Kultur-Publizistin Andrea Keller auf die Beine gestellt hatte, traf den Nerv der Zeit. In der Schweiz und den Nachbarländern ging die Idee herum wie ein Lauffeuer und wurde medial ein riesiger Erfolg; sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel bekam davon Wind. Prompt kam aus Deutschland ein Buchvertrag: «Guten Tag, haben Sie mein Glück gefunden?» erschien vor gut zwei Jahren. Darin publiziert sind neben einer Auswahl der Meldungen aus dem Fundbüro auch Essays zu verschiedenen Themen. Das Fundbüro2 gibt es in dieser Form zwar nicht mehr, aber: «Alles hat einen Anfang und ein Ende und das ist auch gut so», sagt Patrick. Ihn interessieren Veränderungen.

Weniger ist mehr

Patrick bedeuten die immateriellen Dinge im Leben viel mehr als blosse Gegenstände. Er erklärt sich das so: Als Kind sei er über 20 Mal umgezogen und hätte deshalb schon früh gelernt loszulassen – Sicherheit hat er nicht an materiellen Dingen gemessen. Und: «Wer viel umzieht hat auch wenig», meint er nüchtern. Ein minimalistischer Lebensstil sei jedoch Typsache; wenn man diesen Stil nicht leben will, soll man sich nicht dazu zwingen und sich stattdessen an all den Gegenständen erfreuen, die man besitzt.

Maske und Marzipan

Minimalismus hin oder her: Es gibt etwas, auf das Patrick einfach nicht verzichten kann und das ist Marzipan. Die Süssigkeit ist sein steter Begleiter und wird ihm oft geschenkt. «Ohne Marzipan wäre mein Leben armselig», scherzt er.

Drei Marzipanfrüchte pro Tag müssen schon sein!
Patrick Bolle

Wenn Patrick nicht gerade Marzipan isst oder sich am Kulturgeschehen Zürichs beteiligt, verbringt der Tierfreund viel Zeit in der Natur. Ein guter Tag ist für ihn, wenn er sich nicht fragen muss, ob es ein guter war. Das Glück ist dann kein Indikator mehr für den Tag, sondern man ist einfach glücklich.

In Zukunft wünscht sich Patrick weiterhin bereichernde Begegnungen mit Menschen. In seinem kreativen Berufsalltag will er stets mitdenken und mitgestalten. Zürich soll kulturtechnisch mutig und lebendig bleiben. Falls das mal nicht der Fall sein sollte, packt Patrick die Koffer und geht in den Meeren Indonesiens auf Tauchstation.

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